Er trägt einen dunklen Anzug, darunter ein fein gestreiftes Hemd. «Gepflegte Kleidung und ein dezenter, unaufdringlicher Stil sind in unserem Job wichtig», sagt Urs Tobler. Als Kopf der AXA Generalagentur Baden und der Hauptagenturen Wettingen, Mutschellen, Wohlen und Muri führt er 54 Angestellte. Auch sie erscheinen jeden Tag wie aus dem Ei gepellt. «Meine Leute wissen, was von ihnen erwartet wird», so der 62-Jährige ruhig, aber bestimmt.

Nach 30 Jahren Versicherungsbranche geht Tobler Ende Jahr in Pension, um sich mehr dem Privatleben zu widmen. «Meine Wunschnachfolgerin war schon immer Melanie Kesseli, die seit ihrem Einstieg bei uns als KV-Lehrling eine beachtliche Karriere gemacht hat», so der Versicherungsexperte. Doch die 27-Jährige musste sich zuerst gegen externe und interne Mitbewerber behaupten. Dass sie schlussendlich tatsächlich den Job bekam, ist ein historischer Moment. Kesseli ist in der Schweiz die erste Frau, die eine Generalagentur im Versicherungsbereich «Nicht Leben» leitet.

Zielstrebige Vorreiterin

Die Bremgartnerin, die heute in Dietikon lebt, war schon immer sehr zielstrebig. Sie holte berufsbegleitend die Wirtschaftsmatur nach und machte den Bachelor in Betriebswirtschaft an der FHNW. Mit 20 Jahren führte sie bereits das Innendienstteam der AXA Generalagentur in Baden.

Die Versicherungsbranche ist besonders im Aussendienst extrem männerlastig — obwohl AXA-Mitarbeiterinnen beruflich die absolut gleichen Karrierechancen wie ihre männlichen Kollegen haben, wie Tobler betont. Nachfolgerin Kesseli führt an, dass vielen Frauen immer noch der Mut fehle, auf einen Posten in der Chefetage zu aspirieren. «Ich hoffe, dass ich als Vorreiterin etwas bewirken kann und andere weibliche Arbeitskräfte ermutige, sich auch einer solchen Herausforderung zu stellen.»

Der abtretende, in Wettingen wohnhafte Urs Tobler wurde 1988 als Generalagent der damaligen Winterthur Versicherungen in Wettingen eingestellt. «Ich arbeitete zuvor bei den Gebrüdern Knecht im Transportwesen und war branchenfremd. Ein solcher Quereinstieg in die Führungsposition einer Versicherung ist heute undenkbar», sinniert er. Was hat sich in den 30 Jahren seines Wirkens am meisten verändert? «Ein ganz grosser Umbruch bedeutete 1996 die Aufhebung des Versicherungskartells. Vorher galten gleiche Prämien und gleiche Leistungen. Das fiel mit der Deregulierung weg. Der freie Markt war damit eröffnet.» Wie sieht er die Problematik der ständig steigenden Krankenkassen-Prämien ins Unermessliche? «Wir bieten nur Zusatzversicherungen an. Bei der Grundversicherung suchen wir für unsere Kunden jedes Jahr den günstigsten Anbieter. Da kann man viel Geld sparen.» Was sagt er zu den exorbitanten Millionensalären der Top-Manager in der Krankenversicherungsbranche, die unlängst in den Medien öffentlich gemacht wurden? «Solche Lohnsummen gibt es bei uns nicht. Davon sind wir weit entfernt.»

Kritischere Kundschaft

Gemäss Studien ist das Vertrauen in Versicherungsberater in der Schweiz besonders hoch. Obwohl Kunden viel kritischer und besser informiert seien als früher. Eine gewaltige Umstellung war für Tobler auch die Digitalisierung. «Früher rechneten wir noch alles mit Tarifbüchern von Hand aus, heute geht das per Laptop automatisch.» Die Schweizer Bevölkerung sei im Allgemeinen sehr gut versichert. «Lücken gibt es allerdings im Bereich der beruflichen Altersvorsorge. Weil die Leute immer älter werden, reicht sie oft nicht mehr aus, um davon zu leben.»

Von 1990 bis 1999 leitete Tobler die Generalagentur Wettingen, von 2000 bis heute die Generalagentur in Baden. Seit einer Umstrukturierung 2008 operiert die AXA Baden als autonomes Unternehmen. Tobler war von 1995 bis 2000 zudem Präsident des Handels- und Gewerbeverbands Wettingen. Er organisierte die Gewerbeausstellung «Comexpo 03» und engagierte sich erfolgreich dafür, dass der Anlass von Baden und Wettingen gemeinsam getragen wurde und so enorm wuchs. Darauf ist er stolz. In seinem Büro hängt eine Fototapete mit Bildern von seinem 60. Geburtstag, den er mit seinen Mitarbeitern feierte. Urs Tobler war ein beliebter und respektierter Chef.

Ob Melanie Kesseli die Fussstapfen ihres Vorgängers ausfüllt, wird die Praxis weisen. Der scheidende Generalagent der AXA Baden hat aber keine Bedenken: «Ich weiss, dass ich meine Geschäfte in gute Hände übergebe.»