Wie sähe Höflichkeit aus, könnte sie sich in einen Menschen verwandeln? Wie Michael Michitaro Luginbühl. Jedenfalls fühlt sich die Gesprächspartnerin davon bereits angesprochen, als sie den jungen Musiker mit dem Cellokasten erst von weitem sieht. Die Begrüssung fällt überaus höflich und zurückhaltend, aber dennoch nicht distanziert aus. Michael Luginbühl neigt den Kopf leicht zur Seite, blickt sein Gegenüber aufmerksam an und dieses weiss sofort: Da ist einer, der zuhören kann; der keine rhetorischen Petarden abfeuert, sondern wohlüberlegte Gedanken äussert. Spontan bieten sich zwei weitere Begriffe an: Bescheidenheit und Demut. Der 26-jährige Musiker lächelt, als man ihn darauf anspricht. Aber davon später.

Vorerst schält Michael Luginbühl sein Cello aus der Carbon-Hülle und legt das Instrument auf die Brüstung der Trafohalle. Das Ganze mutet wie nach einem Fotoshooting für einen Star an. Nichts wäre unzutreffender. Gerade das will der Wettinger, Sohn einer japanischen Mutter und eines Schweizer Vaters, nicht sein. Obwohl er allen Grund hätte, aufzutrumpfen. Zum Beispiel mit dem Erlangen eines raren und deshalb umso heisser begehrten Studienplatzes an der Universität für Musik und darstellende Künste in Wien. Ging das schnurstracks? Luginbühl schüttelt sachte den Kopf. «Nein. Ich bin keiner, der auf direktem Weg ein Ziel erreicht», sagt er. Zwar war er schon als Kind permanent von Musik umgeben – die Eltern sind Musiker – «aber mit dem Cello bin ich sehr langsam vorangekommen». Nach der Kantonsschule Baden hat er zunächst zwei Jahre an der Hochschule für Kunst in Luzern studiert. «Danach suchte ich neue Impulse – und fand sie in Wien»: eine Stadt, die für den Inbegriff von Musik steht.

Nächstes Jahr den Magister

Seit 2010 lebt und studiert Michael Luginbühl dort und wird von Professoren unterrichtet, die Solo-Cellisten bei den Wiener Philharmonikern und den Wiener Symphonikern sind. Lehrer, Stadt und natürlich auch der Goldene Musikvereinssaal mit seiner unvergleichlichen Akustik, motivieren und inspirieren den Schweizer, der an der Wiener Hochschule das zweite Diplom mit der Bestnote erreicht hat und 2016 seinen Magister machen wird.

Erzählt der Cellist von seinem Weg, klingt das sympathisch bescheiden und verrät wenig von der Arbeit, die junge Musiker leisten müssen, wollen sie im Berufsleben Tritt fassen. Michael Luginbühl fasst das so zusammen: «Es ist ein langer, harter Weg. Man ist meistens alleine mit seinem Instrument; man übt und übt und weiss dabei ganz genau: Auch andere befinden sich auf demselben hürdenreichen Weg.» Ergo ist der Konkurrenzdruck gross? «Und wie», bekräftigt der Musiker, «eine Orchesterstelle bekommt man nur, wenn man überaus starke Nerven hat. Selbst ein winziger Kratzer beim Probespiel kann entscheidend sein». «Aber», fügt Luginbühl an, «ich glaube einfach daran, dass am Ende jeder seinen ihm bestimmten Platz findet.»

Soll das, im Falle des 26-Jährigen, einer auf dem Solistenpodium sein? «Nein; ich selbst würde mich in einem Orchester wohlfühlen.» Was nicht heisst, dass der Cellist auf Solo-Ausflüge und die von ihm innig geliebte Kammermusik verzichten müsste. Diese ist für ihn «das Höchste, weil hier jeder Spieler im Miteinander gefordert ist». Mit dem Pianisten Ioan Dragos Dimitriu hat Michael Luginbühl das Duo Nobile gegründet. Der Name ist Programm: Beide Musiker fühlen sich einer noblen Musizierhaltung verpflichtet. Will heissen: eine, die nie den Interpreten, sondern immer die Musik in den Vordergrund stellt. Ist das nicht selbstverständlich?

Ein grosser Konkurrenzdruck

Michael Luginbühl nippt an seiner Tasse Kaffee, bevor er nachdenklich und jedes Wort abwägend, antwortet: «Für junge Musiker ist die Situation in unserer heutigen, sehr individualistischen Welt schwierig. Jeder will erfolgreich sein, weshalb viele auf dem Podium ein ‹Theater› veranstalten, um damit beim Publikum aufzufallen.» Für einen wie Luginbühl, der nicht sich, sondern primär die Musik präsentieren will, «ist einerseits die Zurückhaltung und andererseits die eben doch notwendige Öffnung gegenüber dem Publikum» ein kaum aufzulösender Widerspruch. Er wolle jedenfalls unbedingt seine andere, japanische Seite beibehalten, betont Michael Michitaro Luginbühl und verweist auf eine völlig andere Kultur und Philosophie, mit der er – dank seiner Mutter – vertraut ist.

Sein japanischer Onkel, ein Priester, ist ihm ein Vorbild. «Sein Instrument ist die japanische Bambusflöte Shakuhachi. Damit spielt er Musik – um der Musik und nur um der Musik willen.» Der Cellist blickt sein Gegenüber fragend an. Dieses nickt und weiss, wie Michael Michitaro Luginbühl Edward Elgars Cellokonzert am kommenden Sonntag in Baden spielen wird: um der Musik willen.

Konzert im Trafo

Michael Michitaro Luginbühl ist Solist im Konzert der Sinfonia Baden am Sonntag, 15. November, 17 Uhr im Trafo Baden. Er spielt von Edward Elgar das berühmte Cellokonzert in e-Moll, op. 85. Zuvor erklingt Henry Purcells Trompeten-Ouvertüre aus «The Indian Queen», danach spielt das Orchester unter Felicitas Gadients Leitung Arthur Sullivans Sinfonie in E-Dur, die «Irische».