Ein Wunderkind wird Slam-Poet

Baden Mit viel Humor machte Pierre Jarawan im Royal seinen Künstlerweg zum Thema

Matthias Steimer
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Pierre Jarawan auf der Bühne des Royal.Matthias Steimer

Pierre Jarawan auf der Bühne des Royal.Matthias Steimer

Was hilft bei einer leichten Depression? Ein Bad mit ätherischem Öl. Und was hilft bei einer schweren Depression? Richtig, ein Bad mit Föhn. Derart rabenschwarz war der Humor selten, zu lachen gab es aber allerhand, als Pierre Jarawan seine Texte vortrug. Der Süddeutsche porträtierte sich in seinen Poesien selbst – vor allem in Episoden aus seiner Kindheit. Dies auf eine angenehm unaufdringliche, bedachte Weise, rhythmisch mit subtiler Gestik.

Kreuzritter der Grammatik

Man lernte einen Menschen kennen, der in einem regen Austausch mit seiner Umwelt steht – zumindest gedanklich, denn er hört schlecht zu, sein Gehirn macht sich gerne selbstständig. Überhaupt betrachtet er lieber Tiere und Ritzen in Wänden, als dass er mit Menschen spricht. Doch eines ist der kleine Wunderling: ein Wunderkind der Sprache. Rückblickend bezeichnet sich Jarawan als Kreuzritter der Grammatik. Einleuchtend, denn schon im Kindergarten korrigiert er Kasusfehler seiner Kameraden. Seiner Primarschulfreundin erklärt er den Jambus. Indessen bleibt sein Problem, dass er zwar schreiben, aber schlecht sprechen kann. Letzteres lernt er dann doch: durch Schreiben, sagt er. So steht heute ein nunmehr hocheloquenter Poet auf der Bühne, der das Publikum abendfüllend unterhält und zum Denken anregt. Immer wie der gab es im Royal diese stillen Momente, als sei dem Publikum gerade ein Licht aufgegangen, da die geistvollen Überlegungen Jarawans einleuchteten, als seien sie schon immer klar gewesen.

Wie eine Hollywood-Satire

Jarawan studiert in München Film-, Theater- und Fernsehkritik. Am Samstag erzählte er, wie er lernen musste, dass sich nicht jegliche Alltagssituation mittels filmstereotyper Sätze beschreiben lässt. Dabei rezitierte er Phrasen wie «Ich weiss nicht, was es ist, aber es kommt direkt auf uns zu!» – schallendes Gelächter im Publikum. Die Satire hat besonders gefallen. Satirisch war denn auch sein Text über die Studiengänge, welche mit «Angewandte» beginnen, um, wie der Poet sagt, Praxisbezug zu suggerieren. Seine Vorstellung dazu: bei der Angewandten Theologie würden gl ich mal alle Erstsemestrigen exorziert. Wie sich das Publikum wieder gesammelt hatte, durfte es schliesslich eintauchen in ergreifende Sprachphilosophie zwischen Enkel und Grossvater.

Hoffen auf ein Wiedersehen

Dass ihm Kollegen vor bald drei Jahren zum Bühnenauftritt rieten, war gut. Baden hat es ihnen gedankt und freut sich auf ein Wiedersehen mit Pierre Jarawan, seinen Notizzetteln, seinem Buch und seinem Mikrofon.