Baden
Ein Zürcher setzte die geleitete Schule um

Alex Grauwiler, Geschäftsleiter Volksschule, blickt vor der Pensionierung auf 15 Jahre Wirkenszeit zurück. Unter ihm erlebte die Badener Schule einen Kulturwandel.

Roman HUber (Text)und Alex Spichale (Fotos)
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Es war symbolisch der Platz von Alex Grauwiler an der Schule Baden: zwischen Heinrich Pestalozzi (links als Bronzefigur) und dem Schulkind (Bild).

Es war symbolisch der Platz von Alex Grauwiler an der Schule Baden: zwischen Heinrich Pestalozzi (links als Bronzefigur) und dem Schulkind (Bild).

Alex Spichale

Das Wahlgremium von 2001 hatte eine glückliche Hand, als es aus 40 Bewerbungen den Zürcher Alex Grauwiler zum neuen Geschäftsleiter wählte. Der damalige Stadtrat und Schulvorsteher Martin Langenbach erinnert sich heute noch und spricht von einem «absoluten Glücksfall für die Schule Baden». Der ausgebildete Sekundarlehrer, Fachberater Sozial- und Sonderpädagogik für die städtischen Schulheime in Zürich und Projektleiter bei deren Privatisierung, brachte mit seiner Zusatzausbildung in Psychologie und Projektmanagement die richtigen Voraussetzungen mit.

Grauwiler seinerseits konnte eine interessante Stelle an einer der grössten Schulen im Kanton antreten, die erste als Pilotprojekt «geleitete Schule» im Aargau. «Es war von Anfang bis zum Schluss eine tolle Stelle», sagt er heute und lobt: «Baden ist eine bildungsfreundliche Stadt.»

Baden wurde beliebter Schulort

«Zusammen mit den Schulleitungen und den Lehrpersonen haben wir in einem guten Umfeld viel erreicht», stellt der Geschäftsleiter Schule bei seinem Rückblick mit Genugtuung fest, wobei er betonend von wir und nicht von seiner Person allein spricht. Er habe von der Grösse der Schule profitieren können – das gab Spielraum. Auch der Meinungspluralismus habe zu guten Diskussionen geführt und damit zur Entwicklung der Schule in Baden beigetragen. Bei Neurekrutierungen habe Baden profitiert. Wenn anderswo noch während der Sommerferien fieberhaft Stellen besetzt werden mussten, kannte Baden als beliebter Schulort dieses Problem auch nicht in den Jahren des Lehrermangels.

Unter Grauwiler erlebte die Schule einen Kulturwandel. Die meisten Lehrkräfte haben inzwischen ihre Schulzimmertür geöffnet, wenn auch noch nicht ganz alle gleich gern Einblick in ihren Schulbetrieb geben und im Team zusammenarbeiten würden. Doch im Verhältnis zu früher habe sich das verändert. «Die geleitete Schule hat sehr viel zu einem neuen pädagogischen Verständnis beigetragen», stellt Grauwiler fest. Er blieb am Ball. Unter ihm erlebte die Schule Baden eine kontinuierliche, zielgerichtete Entwicklung. «Mit den geleiteten Strukturen konnten wir im Schulleitungsteam Strategien bis auf die Stufe von konkreten Massnahmen herunterbrechen.»

Gewisse Gepflogenheiten liessen sich jedoch nicht in kürzester Zeit verändern. Grauwiler: «Auch Mal etwas stehen lassen» habe sein Erfolgsrezept gelautet. Er erinnere sich nur an ganz wenige Härtefälle im Lehrkörper, «und ich habe niemandem kündigen müssen», fügt er an. Dass es Abgänge von Lehrern gegeben habe, die sagten, dass diese Art von Schule nicht mehr ihr Ding sei, habe man akzeptieren müssen.

Eine grosse Schule wie Baden mit neun Schulstandorten muss laut Grauwiler «konzeptlastig» arbeiten. Das führe dazu, dass mehr Verbindlichkeiten vorhanden seien als in kleinen Schulen. Der ganze Prozess verlangte aber Geduld. «Es brauchte einige Jahre, bis die Schulleitungen überall akzeptiert wurden», und es habe Diskussionen gegeben, ob es ohne sie nicht besser funktionieren würde. Dass er auch Widerstände überwinden musste – wenn auch weniger grosse als andernorts bei der Einführung der geleiteten Schule – ist heute kein Thema mehr für den Geschäftsleiter Schule. Doch gesteht er, dass er in dieser Phase sogar einmal mit dem Gedanken gespielt habe, den Bettel hinzuschmeissen.

Das Wohl der Kinder stand stets zuoberst

Drei Schulvorsteher hat Alex Grauwiler in seinen 15 Jahren erlebt. Sie geben ihm hier ein paar Worte zum Abschied mit.

Ruth Müri (team), jetzige Schulvorsteherin: «Er hat sich mit Herzblut für die Volksschule Baden eingesetzt und sie geprägt. Meilensteine waren sicher die Erarbeitung des Qualitätshandbuchs – das bis weit über die Grenzen des Kantons Beachtung fand – und die Auszeichnung mit dem Qualitätszertifikat Q2E. Alex Grauwiler ist vermutlich der Erste, der die wirkungsorientierte Verwaltungsführung in einer Schule eingeführt hat. Dank intensiver Auseinandersetzung mit modernen Lehr-, Lern- und Betreuungsformen und deren räumlichen Anforderungen hat er wichtige Impulse in die Schulraumplanung eingebracht. Dabei stand für ihn immer das Wohl der Kinder und Jugendlichen im Zentrum.»

Stadtammann Geri Müller (team), vormals Schulvorsteher: «Er kaufte sich ein Bild mit weinenden Kindern und hängte es in sein Büro. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er mir: ‹Alle Kinder brauchen Liebe und Bildung, auch die, welche im ersten Moment weinerlich aussehen.› Grauwilerscher Humanismus und Grossherzigkeit!»

Alt Stadtrat Martin Langenbach (EVP) stellte ihn an: «Ich möchte weniger arbeiten!» Dies war die Antwort auf meine Frage an Alex Grauwiler beim Vorstellungsgespräch für die Stelle als Geschäftsleiter Volksschule Baden, warum er sich auf diese Stelle bewerbe. Ich bin sehr froh, haben wir uns damals für ihn entschieden, mit seiner gewinnenden, kompetenten Art zu arbeiten, konnte er die Vorurteile gegen den «Geschäftsleiter» rasch und für immer ausräumen. Nun verlässt mit ihm ein grosser Schaffer und Versteher die Schule Baden. Sie hat mit ihm viel gewonnen, ich in ihm einen guten Freund.»

Schulpflegepräsidentin Brigitte Caviezel: «Mit ihm entwickelte sich die Volksschule Baden in den vergangenen 15 Jahren stetig weiter zu einer innovativen, zukunftsorientierten Schule. Dabei stand für ihn bei all seinem Tun das Wohl der Kinder und Jugendlichen immer an oberster Stelle.» (-rr-)

Mit der geführten Schule hatte sich laut Grauwiler die falsche Vorstellung verbreitet, die Lehrpersonen würden von aller Administrativarbeit befreit. Das führte dann zur Kritik, dass Lehrpersonen sogar mehr Administration zu erledigen und zuwenig Zeit für ihren pädagogischen Auftrag hätten. Auch die Einführung institutionalisierter Feedbacks sowie der Mitarbeitergespräche sei nicht für alle Lehrkräfte einfach gewesen. «Früher hatte man das Lehrersein nicht hinterfragt, auch nicht, ob man es gut macht oder nicht», erklärt Grauwiler. Heute sei dies ein Gebot der Zeit, zumal das Bildungswesen einiges koste und eine Kontrolle des Gegenwerts gerechtfertigt sei. Das Feedback, die Zusammenarbeit, die Möglichkeit, schwierige Dinge anzusprechen, die Rückmeldungen bei den Eltern abholen, all das wirke sich im Endeffekt für die Lehrperson jedoch positiv aus. Grauwiler: «Sie erfährt viel Wertschätzung für ihre Arbeit und weiss heute besser, wo sie steht.»

Als grösste Enttäuschung erlebte er die Ablehnung des Bildungskleeblattes. «Wir hatten uns in Baden voll und ganz auf diesen Entwicklungsschub der Volksschule eingestellt», erzählt er rückblickend. Die lange Ungewissheit danach schlug sich vor allem in der Schulraumplanung nieder. So seien einige Bauprojekte für Jahre wieder in den Schubladen verschwunden, was laut Grauwiler den derzeitigen Nachholbedarf im Schulbau mitverursacht habe.

Mehr Respekt vor Lehrer

Alex Grauwiler stellt aus heutiger Sicht einige positive Tendenzen fest. «Zwar sind die Anforderungen an Lehrpersonen gestiegen. Doch gestiegen ist auch wieder der Respekt vor dem Lehrer». Die aktuelle Lehrplandiskussion habe sichtbar gemacht, was die Schule leiste. Und die Schüler? Die seien weder einfacher noch schwieriger geworden, meint Grauwiler. Schwierig sei heute, die Vielfalt zu bewältigen und mit den Erwartungsansprüchen der Eltern umzugehen. Es seien nicht die Sprach- oder Kulturprobleme, vielmehr die Vorstellung, der Lehrer sei dafür verantwortlich, dass der Schüler in die Bezirksschule komme, beschreibt Grauwiler diesen Druck.

Allgemein stellt Grauwiler fest, dass die Komplexität gestiegen sei. Nicht nur disziplinarisch sei die Lehrperson heute stark gefordert, sondern auch im soziokulturellen und im gesellschaftlichen Bereich. Mit all den Möglichkeiten neuer Medien würden sich die Anforderungen an die Schule weiter verändern und wohl nicht kleiner werden, ist er überzeugt. «Es wird immer die Herausforderung an die Schule bleiben, sich zeitgemäss zu entwickeln.»

Ende Monat wird er sich von Baden verabschieden. Ihm würden vor allem die vielen schönen Erinnerungen an die Schule bleiben, insbesondere die tollen Jugendfeste, und die zahlreichen Begegnungen mit den Menschen. Grauwiler ist drei Viertel Jahr über sein Pensionierungsdatum hinaus geblieben, die Stabübergabe erfolgt mit dem Wechsel des Kalenderjahres und nicht auf ein neues Schuljahr, ging es doch darum, für den Rechnungsabschluss 2016 geradezustehen und dann die Budgetierung der Zukunft an die Nachfolgerin Mirjam Obrist zu übergeben. Doch auf die Ruhebank setzt sich Grauwiler vorerst nicht. Er wird in Arni die Schule wieder ins Lot bringen. Was danach werde, sei weitgehend offen, doch langweilig würde es ihm kaum, erklärt Alex Grauwiler. Ein Platz als Ehrengast bei der Einweihung des neuen Sekundarstufenzentrums Burghalde wird ihm gewiss sein.

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