Ob die Villa Langmatt, das Kulturhaus Royal, die Bäder, der Kurpark oder die Limmatpromenade: Im Römerquartier treffen Kultur, Geschichte und Freizeit aufeinander wie wohl in keinem anderen Quartier Badens. Dessen Vielfalt zeigt sich auch bei den religiösen Institutionen. Mit der reformierten Kirche am Bahnhofplatz, der reformierten Parkkapelle beim Kurtheater, der Synagoge an der Parkstrasse und der katholischen Dreikönigskapelle in den Bädern gibt es im Römerquartier nicht weniger als vier Gotteshäuser.

«Die verschiedenen Glaubensgemeinschaften werten das Quartier auf, genauso wie die grossbürgerlichen Gebäude», sagt Georg Gindely vom Quartierverein. Er führt uns gemeinsam mit dem Gründungspräsidenten des Quartiervereins, Lieni Fueter, und Quartiervereinvorstandsmitglied Giuseppe Domeniconi durch die Strassen. Auf dem Rundgang, der beim Bahnhof startet, begegnen uns zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Sie lassen das trübe Wetter auf Anhieb vergessen. «Das Römerquartier ist in der Tat ein tolles Quartier mit vielen Highlights», sagt Gindely, der an der Römerstrasse aufgewachsen ist und – nach einem Unterbruch von ein paar Jahren – wieder mit seiner Familie hier lebt. «Die Bewohner treffen sich auf der Strasse und tauschen sich aus.»

Sie wollen das Gärtnerhaus erhalten und öffentlich nutzen: vl. Giuseppe Domeniconi, Lieni Fueter und Georg Gindely. Quartierrundgang durchs Römer-Quartier, Baden, 24. April 2019.

Giuseppe Domeniconi, Lieni Fueter und Georg Gindely (v.l.) vor dem Gärtnerhaus, das der Quartierverein erhalten und öffentlich zugänglich machen möchte.

Sie wollen das Gärtnerhaus erhalten und öffentlich nutzen: vl. Giuseppe Domeniconi, Lieni Fueter und Georg Gindely. Quartierrundgang durchs Römer-Quartier, Baden, 24. April 2019.

Zum Zusammenhalt beigetragen hat auch die letzte Badenfahrt, an welcher der Römerquartierverein die Festbeiz «UfLäseBox» im Kurpark betrieb. «Jung und Alt haben tatkräftig mitgeholfen», sagt Gindely. Am Projekt beteiligt war der Gemeinnützige Frauenverein Baden, der seinen Sitz im Quartier hat. Er trägt zu dessen Belebung bei: Im Haus des Frauenvereins an der Haselstrasse ist das Familienzentrum Karussell eingemietet, das ein vielfältiges Programm bietet. «Es ist der wichtigste Treffpunkt von Kindern und ihren Eltern in der Stadt Baden», so Gindely. «Das passt, denn in den letzten 15 Jahren hat auch im Römerquartier ein Generationenwechsel stattgefunden, durch den es hier wieder mehr Kinder gibt.» Der Trend wird sich in Zukunft wohl verstärken: Mit den geplanten Grossüberbauungen auf dem Ansaldo-Areal an der Römerstrasse und auf den Verenaäckern werden noch mehr Menschen ins Quartier ziehen.

Ein Quartier im Umbruch

«Das Römerquartier befindet sich im Umbruch», sagt Georg Gindely, «nicht nur, was die Zusammensetzung der Bevölkerung angeht, sondern auch städtebaulich.» Er zeigt auf das Post-Areal beim Bahnhof, das derzeit umgebaut wird. Als wir an der Baustelle vorbeispazieren, bemerkt Gindely: «Einerseits ist es erfreulich, dass es vorwärtsgeht. Andererseits gilt es, die Entwicklungen im Auge zu behalten. Nicht jede Neuerung ist in unseren Augen auch zufriedenstellend.» Sein Blick fällt dabei auf die Fläche neben dem Kulturlokal Royal, wo bis vor kurzem die Villa Schnebli stand. Das grossbürgerliche Haus der Biscuit-Dynastie Schnebli an der Haselstrasse wurde letzten Frühling abgebrochen – obwohl sich in einer Petition über 500 Personen für den Erhalt ausgesprochen hatten. «Immerhin konnte das Royal vor der Schliessung gerettet werden. Das freut uns ungemein», sagt Gindely. Damit erinnert er an das Ja des Badener Einwohnerrats im Januar 2018 zum Kredit über 198 000 Franken, wodurch ein 20-Jahres-Mietvertrag mit dem Betreiberverein des Royals zustande kam.

«Mit jedem altehrwürdigen Gebäude, das abgebrochen wird, geht auch ein Stück Quartieridentität verloren», sagt Lieni Fueter, während er in Richtung Kurtheater führt. Seit letztem Jahr wird es saniert und erweitert. Dies, nachdem es in Vergangenheit zu Verzögerungen kam, aus denkmalschützerischen Gründen, aber auch, weil Anwohner Widerstand leisteten. Fueter ist wie Gindely an der Römerstrasse aufgewachsen, in einer 1890 erbauten Stadtvilla. Seiner Meinung nach lohnt es sich sehr, sich für den Erhalt von geschichtsträchtigen Liegenschaften im Quartier einzusetzen. «Sie sind wichtige Zeitzeugen», sagt Lieni Fueter.

Apropos Zeitzeugen: Auch die Villa Langmatt ist ein Zeuge aus jener Zeit, als Baden von einer Kleinstadt zum wichtigsten Industriestandort der Schweiz wurde. Erbaut zwischen 1899 und 1901 für das Ehepaar Sidney und Jenny Brown-Sulzer, dient es seit 1990 als Museum. «Nicht nur das Gebäude ist wunderschön, sondern auch der Park», sagt Giuseppe Domeniconi, der seit 15 Jahren im Römerquartier wohnt. «Das Ensemble gilt es zu wahren.» Es freue ihn, dass das Museum den Park regelmässig mit Aktivitäten belebe. «Dadurch wird den Besuchern dessen Schönheit noch mehr bewusst», so Domeniconi.

Eine weitere Sehenswürdigkeit ist der Kurpark mit dem Grand Casino, zu dem der Rundgang nun führt. «Der Park ist ein Treffpunkt für Jung und Alt, für Quartierbewohner und Auswärtige», sagt Gindely. Dabei kommen auch Lesefreudige in den Genuss. Seit 2016 steht eingangs Kurpark ein offener Bücherschrank, der von Quartierbewohnerinnen initiiert wurde. Hier können jederzeit Bücher gratis und ohne Mitgliederausweis ausgeliehen werden. Die rege Nutzung des Kurparks hat aber Schattenseiten. «Im Sommer wird hier leider auch viel Abfall liegengelassen», so Gindely. Früher, fügt Fueter an, hätten die Besucher noch eine Sorgfaltspflicht an den Tag gelegt. «Heute treffen hier verschiedene Interessen aufeinander.» Als Beispiel nennt er den grossen Magnolienbaum vor dem Casino. «Er ist eine Sehenswürdigkeit, gleichzeitig dient er Kindern aber auch als Kletterbaum, was dem Baum zusehends Mühe bereitet.» Das grösste Problem sei aber der Lärm: Zum einen der, der im Sommer von den Nachtschwärmern im Park verursacht werde. «Zum anderen derjenige der Saatkrähen, die sich vor eineinhalb Jahren angesiedelt haben und nun im Park nisten», sagt Fueter.

Dass Lösungen für solche Reibungsflächen gefunden werden, ist eines der Anliegen des Quartiervereins. Genauso liegt es den Vorstandsmitgliedern am Herzen, eine ausgewogene Mischung aus Bewährtem und Neuem beizubehalten. Das ist mitunter ein Grund, weshalb sie für den Erhalt des Gärtnerhauses im hinteren Teil des Kurparks kämpfen. Nachdem darin jahrzehntelang Asylsuchende lebten, wird es heute als Baustellenbüro für das Kurtheater benutzt. Laut Stadt sollte das Baudenkmal, das einst im herrschaftlichen Landschaftsgarten der Villa Burghalde stand, nach dem Theater-Umbau abgebrochen werden. Die Chancen stehen aber gut, dass dies nicht geschehen wird: Letztes Jahr tauschte sich der Quartierverein mit dem Stadtrat ein erstes Mal aus, vor kurzem reichte er konkrete Vorschläge für eine Umnutzung des Gärtnerhauses aus. «Unsere Idee ist, dass wir es instand setzen und öffentlich zugänglich machen», sagt Gindely. Inwiefern dies geschehen soll, werde noch nicht verraten.

Vom Kurpark geht es hinunter zu den Bädern. Dort stehen die geschichtsträchtigen Hotels Blume und Limmathof. Ebenso befindet sich dort die Grossbaustelle für das neue Thermalbad von Architekt Mario Botta. Geplant ist, dass es 2021 eröffnet wird. «Wir sind froh, dass etwas geht. Zu lange standen die Gebäude leer», sagt Domeniconi. Gindely fügt an: «Wir freuen uns zwar, dass es ein neues Thermalbad geben wird. Gleichzeitig hoffen wir aber, dass man den erwarteten Mehrverkehr in den Griff bekommt.» Diesbezüglich sei bis jetzt kein Konzept erkennbar, was ihnen Sorge bereite. «Denn die Zufahrten zum Bad sind sehr eng und oft heute schon überlastet.» Ob das Botta-Bad dem Quartier neue Impulse geben wird? «Das ist schwierig abzuschätzen», sagt Domeniconi. «Klar ist jedenfalls, dass in den Bädern Aufbruchstimmung herrscht.» Dazu trage auch der Verein Bagni Popolari bei, der seit 2017 temporäre Thermalwasserspiele und -Brunnen beim Limmat-Ufer betreibt.

Kathrin Doppler gehört zu den Freiwilligen, die im Verein Bagni Popolari mitwirken. Auch engagiert sie sich im Vorstand des Vereins Kulturhaus Royal. «Kultur und Bäder – für beides steht das Römerquartier», sagt Doppler. Das Royal und das «Bagno» seien wichtige Bestandteile für Quartier, Stadt, Region und Nation. «Hier trifft sich Jung und Alt aus Nah und Fern, um Körper, Kopf und Seele anzuregen.» Die beiden Institutionen gebe es dank dem Effort vieler ehrenamtlicher Aktivistinnen und Aktivisten. «Dieses Engagement gehört zu einer lebenswerten Stadt, darum wohne ich gerne hier und engagiere mich mit vollem Herzen im ‹Royal› und im ‹Bagno›, sagt Doppler. «Beide Vereine sind offen für neue Mitglieder – ich kann freiwilliges Engagement nur weiterempfehlen.»

Oelrain: Fehlende Beleuchtung

Von den Bädern führt der Rundgang durch den Torbogen im «Haus der drei Eidgenossen» in die Bäderstrasse. «Sie ist die ‹Lädeli›-Meile vom Römerquartier», sagt Georg Gindely nicht ohne Stolz. Neben dem Kafi Zwoi, das im Herbst 2017 eröffnete, und dem Restaurant Brunello gibt es unter anderem Kunstgalerien, einen Goldschmied, Coiffeur-Salons und einen Antiquitäten-Laden. Seit kurzem findet man hier auch das «Sprungbrett Baden» – ein Geschäft, in dem Produkte und Gestaltetes für eine bestimmte Zeit ausgestellt und gekauft werden können. Michèle Mengozzi hat den Laden letzten Dezember eröffnet. Sie mag das Römerquartier: «Es ist sehr lebendig, durchmischt und innovativ. Die Bewohner setzen sich mit Engagement für die Sache ein. Man spürt die Freude und den Willen, etwas zu gestalten.» Dabei erwähnt sie unter anderem das «Royal», das Kafi Zwoi und das Bagno Popolare. «Man beginnt langsam wieder, die Stimmung aus der Blütezeit der Kurhotels zu spüren.»

Michèle Mengozzi hat im Dezember 2018 an der Bäderstrasse ein eigenes Geschäft - Sprungbrett Baden - eröffnet.

  

Wir sind am Kreisel beim Casino angelangt. Von hier hat man einen tollen Blick auf die Limmatpromenade. «Im Sommer ist es dort wunderschön. Man kann spazieren, auf einer Sitzbank verweilen und ein Getränk im Café Kajüte trinken», sagt Gindely. Was in den Augen des Quartiervereins noch fehlt, ist eine Beleuchtung am Oelrain. Denn: Die Treppe gilt als offizielle Fussverbindung, wenn der Promenadenlift nicht fährt. Die Stadt hat nun dem Kanton ein entsprechendes Baugesuch für vier Kandelaber vorgelegt. «Wir hoffen auf einen positiven Bescheid», sagt Domeniconi. «Abends ist es am Oelrain stockdunkel und gefährlich.»

Unser Rundgang endet auf dem unteren Bahnhofplatz beim Springbrunnen. Ob in der Mittagspause, nach Feierabend oder während des «Winterzaubers»: Der untere Bahnhofplatz ist ein weiterer Ort im Römerquartier, an dem sich Jung und Alt treffen, Quartierbewohner und Auswärtige.