Baden
Einbrecher-Ring: Ein gemütlicher Besuch im Restaurant wird zur Falle

Sie wollten nach langer Zeit wieder einmal gemütlich auswärts essen: Die Familie Zimmermann. Mutmassliche Einbrecher beobachteten die Restaurantgäste und nutzten deren Abwesenheit, um die Häuser leer zu räumen

Matthias Steimer
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Stefan Zimmermann machte zuerst die Katze für das Chaos im Zimmer seiner Tochter verantwortlich. MST

Stefan Zimmermann machte zuerst die Katze für das Chaos im Zimmer seiner Tochter verantwortlich. MST

Die Familie Zimmermann aus Würenlos hatte keine Ahnung, in welche Falle sie tappte. Am 24. September 2011 wollte sie wieder einmal richtig gut auswärts essen.

So gastierten die Kinder, der Vater und die Grosseltern in einem Wettinger Restaurant. Ein Essen für Zimmermanns, ein Fressen für den Badener Einbrecher-Ring. Denn dieser soll unterdessen das Haus der Familie leer geräumt haben.

Einbrecher-Ring (Serie 2/4)

Der Badener Einbrecher-Ring hielt die Region während zweier Jahre in Atem. Wie die Tatverdächtigen agierten, was die Opfer durchlebten, wer die gestohlene Ware kaufte und wie der Terror ein fast übernatürliches Ende fand, wird in der neuen az-Serie erzählt. In vier Teilen rollt die Serie eines der spektakulärsten regionalen Verbrechen der vergangenen Jahre auf. Der Einbrecher-Ring, der 28 Beschuldigte umfasst, erbeutete laut der Staatsanwaltschaft Baden Bargeld und Waren in Millionenhöhe. (mst)

Ein Blick aus dem Fenster genügte

Kein Einzelfall, wie in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Baden zu lesen ist. Zahlreiche Geschädigte sassen zur Tatzeit nichts ahnend in Wettingen bei Tisch.

Der Standort jenes Restaurants, in dem Zimmermanns sich aufhielten, und das in der Anklageschrift mehrmals erwähnt wird, ist brisant. In unmittelbarer Nähe wohnt nämlich einer der Hauptbeschuldigten. Dies eröffnet Interpretationsspielraum: Ihm genügte ein Blick aus dem Fenster auf die Kontrollschilder der parkierten Autos, um herauszufinden, welches Haus gerade leer stand.

Entsprechend dieser mutmasslichen Strategie dürfte das Ziel von G.J., L.B. und S.A. also schon festgestanden haben, als sie zusammen nach Würenlos fuhren.

Laut der Anklageschrift parkierten sie ihr Auto am Rande des Einfamilienhausquartiers. G.J. und L.B. schlichen bei Zimmermanns ums Haus, kletterten auf ein Vordach und brachen ein Fenster auf. Sie suchten gezielt nach Schmuck und Bargeld. Unterdessen wartete S.A. im Auto.

Ihm war gemäss Staatsanwaltschaft aufgetragen, Alarm zu schlagen, sollte die Familie Zimmermann zurückkehren. Doch der Diebstahl war weitaus früher beendet, als das Essen im Restaurant.

Einbruch lange nicht überwunden

Wieder zu Hause trug Stefan Zimmermann seine damals 5-jährige Lea ins Bett, sie war schon im Auto eingeschlafen. In ihrem Zimmer fand der Familienvater eine ausgeschüttete Sockenkiste vor.

«Ich schrieb dies der Katze zu», erinnert er sich. Erst als er im Lavabo die leeren Schmuckschatullen vorfand, dämmerte es ihm.

Wenig später war die Polizei zur Stelle. Die Mädchen waren wieder hellwach. Der Vorfall ging nicht spurlos an den beiden vorbei, berichtet Stefan Zimmermann: «Die Kleine schlief eine Zeit lang bei mir.»

Ihre ältere Schwester Joëlle war schon 10, aber auch sie hatte noch lange Angst, die Einbrecher könnten zurückkehren: «Wenn ich ein Geräusch im Haus hörte, erschrak ich.»

Andenken an verstorbene Frau

Heute fühlen sich die Mädchen wieder sicher. Die Familie geht nach wie vor auswärts essen. Stefan Zimmermann bleibt indes der Verlustschmerz, denn der gestohlene Schmuck gehörte seiner verstorbenen Frau. «Dass mir diese Erinnerungen genommen wurden, ist sehr schade», sagt er nachdenklich.

Die kostbaren Andenken sind nicht mehr aufgetaucht, sie wurden einem Schmuckhändler in Wettingen veräussert. Mehr zu dessen Rolle im nächsten Bericht zum Badener Einbrecher-Ring. Für alle Tatverdächtigen gilt die Unschuldsvermutung.

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