Der König von Yatenga heisst Naaba Kiiba und geht selten aus dem Haus. Müsste er irgendwo erscheinen, schickt er lieber eine Delegation vorbei. Als Natalie Burlet mit ihrer Freundin Nina Werfeli ihr zweites Waisenhaus in Burkina Faso gründete, machte der König aber eine Ausnahme und durchschnitt höchstpersönlich das Band zur Eröffnung. «Wir waren alle ganz aus dem Häuschen vor Freude», sagt Burlet.

Auf Burkina Faso wurde Natalie Burlet vor acht Jahren aufmerksam. Sie las in «Le Matin» einen Artikel über einen Kinderarzt im westafrikanischen Land und kontaktierte den Arzt. Während eines Praktikums pflegte sie ein krankes Waisenmädchen. Es starb in ihren Armen.

Ein Jahr später gründeten Natalie Burlet und Nina Werfeli den Verein «Association Sourire aux Hommes» zur Unterstützung noteidender Kinder in Burkina Faso. Mit 6000 Franken mieteten sie ein altes Haus, das sie selber renovierten. Dank Spenden aus der Schweiz konnten sie später ein weiteres Haus dazukaufen. Heute kümmern sich 20 Mitarbeiter um 50 Kinder zwischen 5 Monaten und 16 Jahren.

Der «Griot» erzählt Geschichten

Das Waisenhaus beschäftigt neben Pflegepersonal auch einen Lehrer. Dieser hilft den Kindern bei den Hausaufgaben. Zudem ist ein «Griot» angestellt, ein traditioneller Geschichtenerzähler. «Anfangs erzählten wir den Kindern aus Kinderbüchern. Das war den einheimischen Pflegern aber völlig fremd und wir entschieden uns für die traditionelle Art», sagt Burlet.

Natalie Burlet und Nina Werfeli arbeiten in der Schweiz als Radiologiefachfrauen. Jedes Jahr verbringen sie einige Wochen in Burkina Faso und kümmern sich um die Kinder. Zum Beispiel um die 8-jährige Limata: Ihre Mutter hatte auf einer Müllhalde gelebt und das Kind von Abfall ernährt. Limata hatte einen Hungerbauch. Nach dem ersten Essen im Waisenhaus kroch sie unter den Tisch, sammelte Reiskörner auf und steckte sie sich in die Taschen.

Oder Fatou. Sie ist 15 Jahre alt und seit ihrer Geburt HIV-positiv. Zuerst starben die Eltern und dann ihre beiden Geschwister – alle an Aids. Als Fatou ins Waisenhaus kam, gab ihr der Arzt noch ein Jahr Lebenszeit. Mit den richtigen Medikamenten erholte sie sich und heute sagt sie, sie wolle einmal Ministerin werden.

Das drittärmste Land der Welt

Burkina Faso ist gemäss dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) das drittärmste Land der Welt. Da viele Kinder Hilfe brauchen, arbeitet das Waisenhaus mit dem lokalen Sozialamt zusammen. Das Sozialamt weiss, welche Kinder keinen Unterschlupf in einer Familie finden oder arg vernachlässigt werden. «Leider haben wir zu viele Anfragen und zu wenig Platz», sagt Burlet. Sie würde ihr erstes Waisenhaus gerne erweitern. «Im Moment fehlen uns 40000 Franken, um das Haus kaufen und ausbauen zu können», so Burlet. Um Spendenmissbrauch in ihrem Verein zu verhindern, hat sich Burlet ein sicheres System ausgedacht: Das Geld liegt auf einem Bankkonto in der Schweiz und jeder Ausgabeposten wird ihr gemeldet. «So habe ich jederzeit den Überblick – und bis jetzt ist noch nie etwas schiefgelaufen», sagt Burlet.

Burkina Faso ist ihr in den letzten acht Jahren ans Herz gewachsen: «Es ist schon fast meine zweite Heimat». Ideen für das Wohlergehen der Kinder hat sie zuhauf, zum Beispiel ein Jugendhaus. Sollte sich eine Möglichkeit ergeben, das ursprüngliche Waisenhaus kaufen zu können, ist ihr bei der Einweihung ein Gast in der ersten Reihe so gut wie sicher: der König von Yatenga.

Weitere Informationen auf: www.sourire-aux-hommes.ch