Gunnar Oddmunson lebt ein gutes Leben: Er hat ein intaktes Familienleben, ein trautes Heim. Alles ist in Ordnung, bis der isländische Premierminister am Fernsehen erzählt, dass die Wirtschaft im Land zusammengebrochen ist und schwere Zeiten auf die Bürger zukommen. In der Folge zerfällt Gunnars Leben in tausend Scherben: Seine Familie verlässt ihn, er verliert den Job. Es ist eine Geschichte, wie sie nur zu realistisch scheint und schien in den letzten Jahren. Speziell an dem Ganzen: Als Isländer ist Gunnar Oddmunson von nordischem Geblüt. Und so sehnt er sich bald nach Rache.


Die Geschichte ist an sich schon beklemmend genug; der skurrile Effekt wird verstärkt dadurch, dass nicht Schauspieler, sondern schön-groteske Puppen auf der Bühne stehen (oder eher: schweben). Gunnar Oddmunsons Gesichtsausdruck ist hasserfüllter, sein cholerischer Anfall beängstigender, als es ein Schauspieler wohl je ausdrücken könnte. Und die Menschen, die den Puppen Leben einhauchen, sind so dunkel gekleidet, dass sie im Bühnenbild verschwinden.


Auch das ist angsteinflössend: Die Dunkelheit, die notwendig ist, damit aus einem Kinder-Puppentheater ein anspruchsvolles Stück für Jung und Alt wird. Wakka Wakka Productions, der 2001 gegründeten Theaterorganisation aus New York City, gelingt es einwandfrei, eine dystopische Zukunftsfantasie auf die Bühne zu bringen, wobei sie dies mit der Kunst, menschliche Gefühle und Ängste in sympathische bis furchterregende Puppen zu verpflanzen, verbindet.


Figura für vergessene Kunst


Die inhaltliche Komplexität und die ästhetische Perfektion, die Wakka Wakka Productions mit ihrem Stück «Saga» erzählt, machen es zu einem geeigneten Kandidaten für das Eröffnungsstück des Figura Theaterfestivals. Schon mit früheren Programmen griff Wakka Wakka tiefgreifende gesellschaftliche Probleme auf, wie zum Beispiel 2007 mit dem inzwischen mehrfach ausgezeichneten Stück «Fabrik», welches die Geschichte eines Juden erzählt, der nach Norwegen flüchtet und sich ein solides Leben aufbaut, bis er schliesslich im Konzentrationslager in Sachsenhausen landet.


Inzwischen arbeitet die Kompanie an einem neuen Stück, doch für das Figura holen sie noch einmal die «Saga»-Puppen aus der Requisiten-Truhe. Isländische, norwegische, irische und amerikanische Puppenspieler zeigen das Stück, das 2013 in New York uraufgeführt und in der Folge drei Monate durch Skandinavien tourte. Mit einer Gesamtzahl von 30 Puppen, von denen die grösste mehr als drei Meter hoch ist, erzählt «Saga» eine Geschichte über die Träume eines Mannes, die auf einen Schlag zerstört werden; wo einmal Zukunftshoffnung war, bleibt nichts als das Verlangen nach Gerechtigkeit.