Ennetbaden/Kirgistan
Eine Ennetbadenerin in Kirgistan: «Das Land hat mich sofort fasziniert»

Die Filmemacherin Nadine Boller aus Ennetbaden lebt in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Zusammen mit ihrem Freund organisiert sie Touren durch das Land und zu den Nomaden. Sie erzählt, wie sie nach Zentralasien kam – und was sie am meisten vermisst.

Andreas Fahrländer
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Eine Ennetbadenerin in Kirgistan
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Leben in Kirgistan Nadine Boller aus Ennetbaden wollte eigentlich in die Mongolei, war aber vom ersten Moment an von Kirgistan fasziniert.
Leben in Kirgistan Sie hat immer wieder bei Nomadenfamilien auf den den kirgisischen Hochweiden gelebt.
Leben in Kirgistan Auf den Hochweiden auf rund 3000 m ü. M. ist man entweder zu Pferd (wie im Bild Nadine Boller) oder mit Lastwagen unterwegs.
Leben in Kirgistan Nadine Boller und Divan Oosthuizen zu Gast bei einer traditionellen kirgisischen Hochzeit.
Leben in Kirgistan Die beiden leben in der Hauptstadt Bischkek: «Zum Wohnen ist es hier super, man hat einen guten Lebensstandard für wenig Geld.»
Leben in Kirgistan Kirgistan liegt am Hochgebirge Tienschan und an der Seidenstrasse von China nach Europa.
Leben in Kirgistan Blick über die Hauptstadt Bischkek auf das Tienschan-Gebirge. Der höchste Gipfel ist 7439 m ü. M. hoch.
Leben in Kirgistan Das «Weisse Haus», das Regierungsgebäude in Bischkek, wurde 1985 als Parteizentrale der Kommunistischen Partei erbaut.

Eine Ennetbadenerin in Kirgistan

Nadine Boller

Kennen Sie Kirgistan? Wohl eher nicht. Das Land ist in Europa kaum bekannt. Anders geht es Nadine Boller aus Ennetbaden: Sie lebt seit einigen Jahren in der Hauptstadt Bischkek und kennt das zentralasiatische Land wie ihre Westentasche. Alles begann mit einer Reise durch Asien: 2010 war Nadine Boller ein halbes Jahr mit dem Rucksack unterwegs. Sie war in China, Nepal, Laos und wollte unbedingt auch in die Mongolei. Doch ihr ging das Geld aus, sie kehrte zurück in die Schweiz, ohne die Mongolei gesehen zu haben.

«Ich bin dann per Zufall auf Kirgistan gestossen. Ich habe gemerkt, dass Kultur und Landschaft in beiden Ländern sehr ähnlich sind und wurde neugierig», erzählt sie am Telefon, während sie in einem Café in Bischkek sitzt. Sie habe damals spontan noch einmal ihren Rucksack gepackt und sei für zwei Wochen nach Kirgistan gereist. «Es hat mich sofort fasziniert», erzählt sie heute. «Damals kamen kaum internationale Touristen ins Land, es war alles sehr ursprünglich und authentisch.» Mittlerweile habe sich das geändert, wenn auch in einem verträglichen Mass.

Zu Gast bei den Nomaden

Was war es, das sie an Kirgistan so begeistert hat? «Vor allem die ehrliche, riesige Gastfreundschaft, die es hier gibt.» Boller, die in Lausanne Anglistik und Filmwissenschaften studiert hat und später zeitweise in Berlin lebte, kehrte 2012 für ihre Masterarbeit nach Kirgistan zurück. In der Arbeit ging es um die Motivation, eine Fremdsprache zu lernen. Sie begann flugs, in einem kirgisischen Dorf Englisch zu unterrichten und schrieb nebenbei an ihrer Arbeit.

Sie wohnte bei einer Familie im Dorf, lernte Kirgisisch. Und es zog sie noch weiter: Sie verbrachte einen Sommer bei einer Nomadenfamilie und drehte einen Dokumentarfilm über das Leben der Nomaden auf den Hochweiden. Das Land hat sie seither nicht mehr losgelassen. Seit 2016 lebt sie mit ihrem Freund Divan Oosthuizen, der aus Südafrika kommt, in der Hauptstadt Bischkek. Er arbeitete zuerst ebenfalls als Englischlehrer, sie drehte weitere Filme.

Kirgistan

Bis 1991 war Kirgistan eine Teilrepublik der Sowjetunion. Seit der Unabhängigkeit heisst das Land amtlich Kirgisische Republik. Es ist eine Demokratie, allerdings mit autoritären Zügen. Amtssprachen sind Kirgisisch und Russisch. Die Fläche ist mit 200'000 km2 fünfmal so gross wie die Schweiz. Das Land hat etwa 6,2 Millionen Einwohner, grösste Stadt ist die Hauptstadt Bischkek mit über einer Million Einwohnern. Sie entstand aus einer Karawanenstation an der Seidenstrasse. Die meisten Kirgisen sind Muslime, das Land ist aber weitgehend säkularisiert. Die Sommer sind heiss, die Winter sehr kalt. Kirgistan liegt am Hochgebirge Tienschan, höchster Gipfel ist der Dschengisch Tschokusu mit 7439 Metern über Meer. (af.)

Derzeit wirkt Boller unter anderem als Aufnahmeleiterin und Übersetzerin für einen Schweizer Kurzfilm, der in Kirgistan gedreht wird: Der Film «Ala Kachuu» der Zürcher Produktionsgesellschaft Filmgerberei erzählt die Geschichte einer jungen Kirgisin, die dem Brautraub zum Opfer fällt – ein Phänomen, das es in Kirgistan als vermeintliche Tradition vor allem auf dem Land bis heute immer noch gibt. «Ala Kachuu» heisst etwa «Nimm und renn weg!» Für die geraubten Frauen, die aus ihrem Leben gerissen werden, ist das oft grauenhaft.

Einfach einmal nichts tun müssen

Kirgistan ist ein muslimisches Land. «Die meisten leben hier aber nicht besonders religiös», erzählt Boller. «Frauen können problemlos ohne Kopftuch oder in kurzen Hosen auf die Strasse. Und es wird viel Alkohol getrunken, Wodka gibt es zu Spottpreisen in der Stadt.»

Boller und Oosthuizen haben im vergangenen Jahr ein eigenes kleines Unternehmen gegründet: Unter dem Namen «Andash Travels» – Andash ist ein kirgisischer Held – bieten sie Touren durch das Land und die Hauptstadt an. Eine Lieblingstour der beiden ist die Reise um den Issyk Köl, dem zweitgrössten Bergsee der Welt, der wegen seines Brackwassers selbst in den eiskalten Wintern nie zufriert.

«Wir zeigen etwas andere Orte, die nicht im Reiseführer stehen.» Bisher kamen grösstenteils Schweizer, aber auch schon Spanier, Deutsche oder eine gemischte Gruppe aus halb Europa. Die beiden organisieren auch Aufenthalte bei den Nomaden, die sonst kaum etwas mit Touristen zu tun haben. Ein paar Tage auf den Hochweiden auf über 3000 Metern über Meer wirken wie eine Entschleunigungskur.

«Als Schweizer ist es nicht einfach, an einem Ort zu sein, wo gar nichts läuft und man keinen Handyempfang hat», sagt Boller und lacht. Und: «Die Nomaden passen sich nicht uns an, wir passen uns ihnen an.» Sie bleibt bei den Aufenthalten als Übersetzerin und Kulturvermittlerin dabei. «Ich geniesse es jeweils sehr, bei den Nomaden zu sein. Ich sitze in der Sonne, schaue die Landschaft an, lese ein Buch oder gehe spazieren. Es tut so gut, einen Gang runterzuschalten und nichts tun zu müssen.»

Das Leben bei den Nomaden rege zum Nachdenken über das eigene Leben und die eigene Kultur an. Man müsse zwar gewisse Komforteinbussen in Kauf nehmen, aber Boller und Oosthuizen kümmern sich um alles. «Wir möchten, dass man keine Angst davor hat, in ein Land wie Kirgistan zu reisen.» Sie setzen ganz bewusst auf nachhaltigen und ökologischen Tourismus. Sie zahlen ihren einheimischen Tourguides faire Löhne und wollen auch der weitverbreiteten Korruption entgegenwirken.

Von sowjetisch-grau zum «Berlin Zentralasiens»

Das Leben in der Hauptstadt Bischkek habe sich in den letzten Jahren sichtbar verändert, erzählt Nadine Boller: «Am Anfang war es hier noch sehr sowjetisch-grau und viele Häuser waren verfallen. Es gab nur eine Handvoll gute Restaurants.» Nach dem Zerfall der Sowjetunion entwickelte sich Kirgistan zum demokratischsten aller zentralasiatischen Länder. «Aber von einer echten Demokratie kann man eigentlich nicht sprechen, die Politik ist völlig korrupt.»

Mittlerweile gebe es Shopping Malls, Kinos und viele sehr westliche Clubs und Bars. Die Stadt wird manchmal das «Berlin Zentralasiens» genannt. Der Fortschritt hat allerdings einen Haken: «Vieles wird vom chinesischen Staat finanziert, der sich fast alles erlauben kann», erzählt Boller. Kirgistan liegt an der von China forcierten Neuen Seidenstrasse. «Die Kirgisen nehmen das relativ gleichgültig zur Kenntnis.»

Zum Wohnen sei Kirgistan super, man habe einen guten Lebensstandard für wenig Geld. Den letzten Winter allerdings hat sie mit ihrem Freund in Südafrika verbracht: «Die Winter hier in Bischkek sind hart, nicht wegen der Kälte, aber wegen der extremen Luftverschmutzung. Die ganze Stadt wird mit Kohle geheizt und liegt unter einer dicken Schicht Smog.» Und was Nadine Boller ebenfalls vermisst: «Guten Käse!» Kirgisischer Käse schmecke nicht besonders, und europäischer Käse sei sündhaft teuer. «Dafür gibt es hier sehr gutes Gemüse. Ich habe noch nie so süsse, gute Tomaten gegessen wie hier.»

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