Die Zwillinge mit den grossen, dunklen Kulleraugen sind erst sechs Monate alt. Sie liegen auf ihren Decken im Mutter-Kind-Haus in Turgi und beobachten zwei blonde Mädchen, die mit einer Puppe spielen. «Hier geht es manchmal drunter und drüber», erzählt Hortleiterin Barbara Vicente und steckt einem der beiden Zwillinge den Nuggi in den Mund. «Wie bei einer richtigen Familie».

Das Mutter-Kind-Haus gehört zum Verein Familie Steinhauer. Ira und Adrian Steinhauer nehmen schon seit fast zwanzig Jahren Kinder bei sich auf, seit 2003 sind sie als Verein organisiert. Hier in Turgi werden Kinder betreut, deren Mütter in der Vergangenheit Drogenprobleme hatten, geistig leicht behindert sind oder aus einem anderen Grund nicht allein für ihre Kinder sorgen können. «In der Regel nehmen wir die Mütter mit ihren Kindern auf, es gibt aber auch Fälle, in denen nur die Kinder bei uns sind», sagt Vicente. «Dann müssen wir Betreuerinnen die Mutter ersetzen.»

Es komme vor, dass diese Kinder langfristig in einer Pflegefamilie untergebracht würden. «Manchmal ist es schwierig, wenn die Kinder uns wieder verlassen. Man baut eine Bindung zu ihnen auf. Aber wir wollen ja das Beste für sie.» Mittags essen die Kinder im hauseigenen Hort, abends können sie bei ihren Müttern sein. Vicente: «So sehen wir alle Kinder mindestens einmal am Tag und können sicher sein, dass sie sich gut entwickeln.» Manche Mütter bleiben nur kurz im Mutter-Kind-Haus, andere während Jahren. «Wir versuchen immer einen Weg zu finden, wie die Eltern mit den Kindern leben können und die Kinder mit den Eltern.»

Zwei Häuser auch in Gebenstorf

Die Familie Steinhauer betreibt auch in Gebenstorf zwei Häuser. Hier leben neben erwachsenen Bewohnerinnen und Bewohnern hauptsächlich Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren. Sie können nicht zu Hause wohnen. «Das kann ganz verschiedene Gründe haben», sagt die angehende Sozialpädagogin Belinda Waldvogel. «Manchen Eltern wurde die Erziehungsberechtigung entzogen.»

Die Häuser in Gebenstorf liegen nebeneinander, mitten in einem gemütlichen Einfamilienhausquartier. Dazwischen liegt ein grosser Garten mit Pool – «das Highlight im Sommer». Auch Haustiere haben bei der Familie Steinhauer ihren Platz gefunden: «Vor allem unsere Hunde sind für einige Jugendliche sehr wichtig geworden», erzählt die Sozialpädagogin. Die Jugendlichen dürfen sich die Zimmer nach ihrem Geschmack einrichten, müssen sie aber auch jede Woche putzen. «Diese Regel durchzusetzen, ist nicht immer ganz einfach», sagt Waldvogel schmunzelnd. Einfacher gehe es beim Badezimmer, für dessen Reinigung die Jugendlichen abwechslungsweise zuständig seien: «Wenn einer seine Pflicht nicht erfüllt, sorgen die anderen schon dafür, dass er es trotzdem macht.»

Keine Suchtmittelprobleme

Probleme mit Alkohol oder gar Drogen gebe es keine. «Bevor die Jugendlichen in den Ausgang gehen, fragen wir sie, ob sie sich gut überlegt haben, was sie heute Abend machen», erzählt Waldvogel und ergänzt: «Verbieten bringt eh nichts.» Die Bewohner würden selber sagen, wenn sie Hilfe bräuchten. «Wir petzen nicht, wir verurteilen nicht.» Die Arbeit mit den Jugendlichen sei nicht immer einfach. Es gebe aber immer wieder schöne Erlebnisse: «Ein Jugendlicher, der sich nach einem Streit bei mir entschuldigt, Mitarbeiter, die immer ein Lachen auf den Lippen haben und füreinander da sind – das stellt mich auf.»

«Auch wenn die Jugendlichen gerne hier sind, wollen sie irgendwann auf eigenen Beinen stehen», sagt Waldvogel. Schön sei aber, wenn die flügge gewordenen Jugendlichen später zu Besuch kämen. «Oft sagen sie dann zu den anderen: ‹Ihr wisst gar nicht, wie schön ihr es hier habt›.»