Zwei Dutzend Fahrräder und eine Handvoll Kickboards stehen aufgereiht im Veloständer vor dem Kinderheim Klösterli in Wettingen. Auch ein Plastiktraktor. Würde kein Rasenmäher brummen, es wäre ungewohnt still am Ort, wo sonst 32 Kinder und Jugendliche leben. Seit Montag sind Herbstferien, die Aargauer Schulen leer, Schülerinnen und Schüler liegen mit ihren Geschwistern und Eltern an Stränden oder strecken zu Hause auf dem Balkon ihre Beine in die Herbstsonne. Was aber tun Kinder und Jugendliche, die kein Zuhause haben? Wer kümmert sich um sie?

«Ich kenne es nicht anders»

«Nein! Doch!», antwortet der 14-jährige Robin auf die Frage, ob er sich auf die Ferien freue. «Klar, ich habe in den Ferien frei, aber es ist nicht gleich wie bei anderen», sagt er. «Der Alltag im Heim ist anders als zu Hause.» Das beginne bei kleinen Dingen wie dem Kühlschrank, den er im Klösterli nicht einfach plündern könne. Bei seiner «Ferien-Familie», bei der er die Wochenenden verbringt, dürfe er immer wieder mal etwas rausnehmen. «Ich weiss, ich gehe in den Ferien nicht zu meinen Eltern, nicht mit ihnen in die Südtürkei wie andere Kinder. Das ist halt so», sagt Robin und nippt an seinem Eistee. Von den Ferienzielen anderer Kinder hört der 14-Jährige in der Schule in Wettingen, wo er die 2. Realklasse besucht. Aber klagen, weil andere tollere Ferien machen? «Nein, ich bin nicht neidisch. Ich kenne es nicht anders.»

Als Kleinkind vernachlässigt

Vor 10 Jahren kam Robin im Alter von 4 Jahren ins Kinderheim. Seine Eltern hätten nicht zu ihm geschaut, erzählt er. Sein Vater sei immer wieder abgehauen. So wurde das Klösterli zu seiner Familie. Zu seiner Mutter hat Robin Kontakt, sofern er dies möchte. Diese Woche will er sie wiedersehen. Seit einem Jahr wohnt Robin an den Wochenenden bei einer «Ferien-Familie» in Möriken. Manchmal geht er mit ihnen in die Ferien. Doch diesen Herbst klappte es nicht, weil seine «Ferien-Familie» arbeiten muss. Deshalb blieb Robin nichts anderes übrig, als im Kinderheim zu bleiben. Das stört ihn aber nicht weiter, denn er geniesst die Zeit auch im Klösterli und hat reichlich zu tun: «Seit ich 4 Jahre alt bin, tanze ich. Standard-Tanz, später Hip-Hop und Breakdance», sagt er. Ein grosser Spiegel steht an der Wand, mehrere kleine sind in den Ecken und an der Diele hängt eine Spiegelkugel. Robin kann sich vorstellen, später eine professionelle Tanzausbildung zu machen. Er schaut nach vorne – auch, weil er seine Vergangenheit kennt. In den letzten Jahren hat Robin erstmals seine Akten gelesen. «Ich war erst jetzt dazu bereit, mehr über mich zu erfahren.»

Ausflug in die Schweizer Berge

Robin teilt das Stockwerk mit sieben anderen Jugendlichen im Alter von 11 bis 15 Jahren. In den Ferien ist nur eine Handvoll Kinder und Jugendliche aus den insgesamt vier Wohngruppen im Kinderheim Klösterli geblieben. Diese sind jetzt die «Wochenend-Gruppe 5». Zwar sind Robins Kollegen nicht dort, «aber wir machen sonst viel mit der Wohngruppe. Wenns gerade passt, gehen wir shoppen, ins Kino oder wir bräteln», sagt Robin. «Aber klar, der Hintergrund bleibt. Wenn ich mit anderen chatte, die bei ihrer Familie sitzen, dann denke ich: Es wäre halt schon schön.» Lange muss Robin nicht mehr warten, bis er richtigen Ferienwind spürt: «Am Mittwoch gehe ich mit der ‹Ferien-Familie› 4 Tage ins Wallis.» Zusammen mit 2 gleichaltrigen Buben der Familie, die sicher auch Grund sind, dass Robin sagt: «Ich bin gerne bei der Familie, irgendwie sind sie meine Ersatzeltern.»