Brugg

«Eine krasse Verletzung des Trennungsgebotes»

Redaktionelles und Kommerzielles müssen  laut Presserat getrennt werden (Archiv)

Redaktionelles und Kommerzielles müssen laut Presserat getrennt werden (Archiv)

Der Schweizerische Presserat heisst eine Beschwerde der Juso Aargau gegen die Effingerhof AG gut – Redaktionelles und Kommerzielles müssen getrennt werden. Der Verlag will jetzt prüfen, inwiefern sie das deutliche Verdikt des Presserates umsetzt

Entscheide des Schweizerischen Pressrates kommen in der Regel sprachlich zurückhaltend daher. Nicht so das neuste Verdikt gegen den Verlag Effingerhof AG mit Sitz in Brugg. Dessen Praxis sei «nicht nur demokratiepolitisch höchst bedenklich, sondern verstösst auch in stossender, krasser Weise gegen das Prinzip der Trennung von redaktionellen und kommerziellen Inhalten».» Und der Presserat setzt gar noch einen drauf: Der Verlag «pervertiert mit seiner Praxis den demokratischen Auftrag der Presse».

Bei den Grossratswahlen letzten Herbst – und auch schon bei den Nationalratswahlen ein Jahr zuvor – verkauften die drei der Effingerhof AG gehörenden Gratiszeitungen «Rundschau Nord», «Rundschau Süd» und «General-Anzeiger» den Kandidaten Porträts. Ende August erhielten die Kandidaten in den Bezirken Brugg und Baden einen Brief mit folgendem Angebot: Für die Sonderseiten der Grossratswahlen, die im redaktionellen Teil erschienen, konnten die Kandidaten ein Porträt kaufen. Konkret: Es wurde über die Kandidaten geschrieben, die entweder Inserate in der Höhe von 550 Franken schalteten oder diesen Betrag direkt für einen Artikel über sich selbst bezahlten.

Inserate müssen erkennbar sein

Auch Florian Vock, Präsident der Juso Aargau, erhielt einen solchen Brief. Doch anstatt vom Angebot Gebrauch zu machen, reichte er beim Presserat Beschwerde ein. «Hier werden grundlegende journalistische Prinzipien verletzt, weil die Inserateabteilung in den redaktionellen Teil eingreift», sagte Vock damals.

Nun hat ihm der Presserat auf der ganzen Linie recht gegeben. Gemäss Richtlinie 10.1 der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» ist die deutliche Trennung zwischen redaktionellem und kommerziellem Teil für die Glaubwürdigkeit der Medien unabdingbar. So seien Inserate und Werbung deutlich von redaktionellen Beiträgen abzuheben. Die Richtlinie 10.2 weise zudem darauf hin, dass redaktionelle Beiträge, die als Gegenleistung zu Inseraten veröffentlicht werden, berufsethisch verpönt seien. Diese Richtlinien seien krass verletzt worden, so der Presserat in seiner Stellungnahme. Er fordere den Verlag und die Redaktionen auf, ihre Praxis bei künftigen Wahlen zu ändern.

Keine negativen Leser-Reaktionen

Ob Sie das tun werden, ist aber ungewiss, zumal der Presserat keine Sanktionsgewalt hat. Auf Anfrage verwiesen die publizistisch verantwortlichen Chefradaktoren Friderike Saiger («Rundschau») und Peter Belart («General-Anzeiger») auf Stefan Biedermann, Geschäftsführer der Effingerhof AG. Dieser wollte die Stellungnahme nicht kommentieren. «Wir nehmen sie so zur Kenntnis und werden sie intern besprechen.» Dass die Glaubwürdigkeit der Gratiszeitungen unter der Praxis leide, glaubt Biedermann nicht. «Es gab weder von unseren Lesern noch von unseren Kunden irgendwelche negativen Reaktionen», so Biedermann. Und zudem seien die Antworten der Kandidaten in den Interviews glaubwürdig – ob nun bezahlt oder nicht.

Beschwerdeführer Florian Vock hat die Stellungnahme mit grosser Genugtuung aufgenommen: «Wenn sich eine Redaktion so billig kaufen lässt, ist das höchst bedenklich.» Und Vock fordert mit deutlichen Worten: «Der Verlag steht jetzt in der Verantwortung, dieses Treiben in den Redaktionen zu unterbinden und Verantwortung als regionales Medium für eine unabhängige, demokratische Berichterstattung wahrzunehmen – alles andere wäre fatal.»

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