Baden

Eine Liebeserklärung an den Menschen: Nach 41 Jahren sagt der Hausarzt Adieu

Ein Abschiedsfoto in der Praxis: Walter und Ottilie Hess; auf dem kleinen Foto als Gastgeber in ihrer Badenfahrt-Beiz.

Ein Abschiedsfoto in der Praxis: Walter und Ottilie Hess; auf dem kleinen Foto als Gastgeber in ihrer Badenfahrt-Beiz.

Nach 41 Jahren sagen Hausarzt Walter Hess und seine Frau Ottilie per Ende April in ihrer Praxis in Baden Adieu. «Es sind rührende Augenblicke, die wir durchstehen», sagt Walter Hess, der nun mit 76 Jahren seine Arztpraxis Ende April schliesst. Und manchmal fliessen auch Tränen.

Blumen in herrlicher Farbenpracht stehen auf dem Empfangstresen in der Praxis an der Zürcherstrasse. Ebenso bunt geht es den Wänden entlang weiter mit einer kunstvollen Fotogalerie. Niemand würde sich in einer Arztpraxis wähnen, wenn es da nicht auf einem Schildchen Wartezimmer hiesse. Bei den Bildern, die sich durch den Gang zum Labor und bis ins Untersuchungs- und Sprechzimmer ziehen, handelt es sich um Schnappschüsse von Landschaften, Städten, Menschen und andern Eindrücken aus Island.

«Es sind Fotos, die wir vor ein paar Jahren machten, als wir die Ferien mit unserem Wohnmobil auf der Insel verbrachten», erzählt Walter Hess.

Zwei Hobbys – Reisen mit dem Wohnmobil und Fotografie –, für die sich die beiden bald Pensionierten künftig mehr Zeit nehmen werden. Seine Frau Ottilie, gleichzeitig Hauptstütze in der Praxis, ergänzt: «Von unsern Reisen haben wir jeweils Wechselausstellungen gestaltet.»

Die Patienten freute es, denn der Arztbesuch in der Hess-Praxis brachte damit Abwechslung und liess sogar Gebresten etwas vergessen. «Unsere Patienten sollten sich bei uns möglichst wohlfühlen, wenn sie schon mit Leiden und Sorgen die Praxis betreten», sagt Ottilie Hess.

Der grosse Abschiedsschmerz

Herzlichkeit liegt hier in der Luft, aber auch Bedrücktheit macht sich zurzeit in der Praxis breit. Der Abschiedsschmerz ist beinahe greifbar. «Es sind rührende Augenblicke, die wir durchstehen», sagt Walter Hess, der nun mit 76 Jahren seine Arztpraxis Ende April schliesst. Und seine um zehn Jahre jüngere Ottilie wird konkreter: «Manchmal fliessen auch Tränen.»

Über 1000 Krankengeschichten hätten Patientinnen und Patienten in den vergangenen Wochen abgeholt, nicht zuletzt auch, um gleichzeitig Adieu sagen zu können. Fein säuberlich wurde über alle Patienten Jahre und jahrzehntelang medizinisch Buch geführt. Obschon Walter Hess mit der medizinischen Entwicklung Schritt gehalten hat, so hat er diese Krankengeschichten von Hand aufgezeichnet. Hier ist die digitalisierte Welt nicht eingezogen.

«Es sind nicht einfach Krankengeschichten», korrigiert Hess. «Das sind Geschichten von Menschen, ihren Befindlichkeiten, Gefühlen, ihren Schicksalen», fährt er fort. Manche von ihnen hat er seit 1975 begleitet, und in der Zwischenzeit seien die Kinder und Enkelkinder dazugekommen. «Vor kurzem sassen einmal eine Frau und ihr Urenkel zur gleichen Zeit im Wartezimmer», erzählt Walter Hess, und in ihm scheint eine gewisse Genugtuung aufzusteigen. Das sei schon ein besonderes Gefühl gewesen, fügt er an. Und er wird dabei nachdenklich, als würden gleich die 41 Praxisjahre im Geiste an ihm vorbeiziehen.

Das Gespräch mit dem Patienten führte Walter Hess in seinem Sprechzimmer am runden Tisch. Ganz zu Beginn seiner Hausarzttätigkeit sei er im Sessel gewesen, vis-à-vis auf dem Stuhl der Patient. «Doch rasch merkte ich, dass ich dem Menschen näher sein muss, denn schliesslich geht es ja um ihn, um seine Sorgen, aber auch um sein Vertrauen. Also musste die Nähe zu ihm spürbar werden.»

Heute sind die Patienten aufgeklärter

Für Hausarzt Hess ging es beim Patienten zuerst um den Menschen als Ganzes. Erst dann kamen seine Anliegen, seine Schmerzen oder die Krankheit. «Heute kommen die Patienten oft schon mit ihrer eigenen Diagnose in die Sprechstunde», erklärt er. «Sie haben aufgrund der Symptome im Internet recherchiert», fährt er fort. Walter Hess empfindet das keineswegs als Nachteil gegenüber früher: «Die Patienten sind dank den Gesundheitsportalen und TV-Sendungen heute viel aufgeklärter und oft auch gesundheitsbewusster.» Doch er ergänzte sogleich, dass er jeweils schon seine eigene Diagnose gestellt habe, die oft anders lauten konnte.

Darum sei das Vertrauen etwas Zentrales, und da brauche es eine gewisse Nähe. «Ich bin heute mit vielen meiner langjährigen Patienten per Du», sagt Hess. Das sei nicht kumpelhaft gemeint, vielmehr Beziehung und gelebtes Vertrauen. In den Gesprächen habe er oft mehr über den Menschen erfahren, als es für eine medizinische Behandlung notwendig gewesen wäre, sagt er. Doch das sei es genau gewesen, was Walter Hess als Arzt so nahbar gemacht und eine langjährige Stammkundschaft gebracht habe, hört man aus dem Kreise seiner Patienten.

Schönes, aber auch Trauriges

41 Jahre Hausarzt, ein kaum fassbarer Zeitabschnitt, mit unzähligen schönen, aber auch traurigen Augenblicken. Über 300 000 Gespräche, die mit «Wie geht es denn» begannen und mit «Das werden wir zusammen schon packen» endeten, und dazwischen intensive Minuten oder Viertelstunden, die aus Nähe, Präsenz, aufmerksamem Zuhören, Anteilnahme, Schweigen, Beraten, Untersuchung, Belehrung, Lachen wie auch Ernsthaftigkeit, Wohlwollen, aber auch Intimität, kameradschaftlicher Begleitung und viel Vertrauen bestanden, wie Walter Hess im Rundschreiben des Aargauischen Ärzteverbandes einmal eine Lanze für den Hausarzt gebrochen hat. Ärger kam für ihn höchstens etwa von Institutionen oder Behörden, wie vor vier Jahren, als ihm die Aargauer Regierung die Bewilligung entzogen hatte, als 72-jähriger Arzt die Fahreignung für über 70-Jährige zu beurteilen.

Seine medizinischen Sporen verdiente er als Arzt in verschiedenen Kliniken während elf Jahren ab. Dabei habe er sich auch Spezialgebieten gewidmet. Zuletzt als Oberarzt in der inneren Medizin und als Gastroenterologe. Das blieb denn auch ein Spezialgebiet, als er sich im Jahre 1975 dazu entschlossen hatte, sich vom Spezialistentum zu verabschieden und als Allgemeinpraktiker eine Hausarztpraxis in Baden zu eröffnen. Mit Ottilie wusste er von Beginn an eine ausgewiesene Laborfachfrau an seiner Seite.

Der Arzt als Kolumnist

Die Ganzheitlichkeit oder vielmehr seine Generalität als Mensch brachte Walter Hess noch ganz andernorts ein. Während vieler Jahre schrieb er Kolumnen für das frühere Badener Tagblatt und dann für die Aargauer Zeitung. Seine witzig-nachdenklichen Geschichten waren aus dem Leben gegriffen, oft aus dem eigenen Leben als Hausarzt. Er scheute sich nicht, politische Themen aufzugreifen, legte den Finger auf wunde Punkte, ob es beim Tarmed-System oder irgendeiner Ungerechtigkeit in dieser Welt war. Vor seiner spitzen Feder waren weder Bundesräte noch der Papst sicher, wie der Titel des Kapitels «Condominus vobiscum» verrät, das in «Hühnerhaut», einem seiner veröffentlichten Bücher, nachzulesen ist. In seinen Geschichten zeigte Walter Hess gerne seine Gabe der kritisch-humorvollen Seitenhiebe, ob es gegen Präsident Bush, Viagra, den Offroader-Boom oder anderes war.

Irgendwie habe er all seine Tätigkeiten, und dazu gehörte auch das Anfachen des Kaminfeuers zu Hause, in seinen Alltag verpacken können, meint Hess rückblickend und schmunzelt. Denn da war noch seine Zeit als Schnitzelbänkler. Zusammen mit seiner Frau Ottilie ging er mit träfen Sechszeilern nach Basler Vorbild während vieler Jahre durch den Schnitzelbank-Parcours der Badener Fasnacht – er war für die Verse zuständig, Ottilie für die tadellose Kostümierung, und die Zeichnungen fertigte wie bereits in seinen Büchern der heutige Stadtrat und Kunstlehrer Erich Obrist.

Auch die Badenfahrten hatten es der Familie Hess angetan. Zusammen mit Ottilie führte er 1991 beim Badener Fest «Swiss made» in einer Seilbahngondel die legendäre kleinste Festbeiz. Die Originalität des Ehepaares Hess machte die beiden im Jahr 1992 sogar zu den auserlesenen Trägern des Dutti-Ordens, des früheren Badener Humorordens.

Hausarzt aus Liebe

Ob er denn zu einer aussterbenden Spezies gehöre, lautete die letzte Frage an den scheidenden Hausarzt. Hess, der immer, wo er konnte, eine Lanze für den Hausarzt brach, will den Teufel zwar nicht an die Wand malen. Doch suchte er dreieinhalb Jahre lang vergeblich nach einer Praxis-Nachfolge. Dennoch glaubt er an den Fortbestand des Hausarztes. Auch wenn ihm reglementierende Institutionen, die Politik oder Kassenfunktionäre das Leben schwer machen, sieht er den Hausarzt auch im künftigen Gesundheitswesen als wichtigen Pfeiler. Verständnis habe er aber für Jungmediziner, die sich lieber in Gruppenpraxen organisieren und das Risiko eines selbstständigen Grundversorgers nicht eingehen wollen.

«Ich habe meinen Beruf als Hausarzt immer geliebt, sonst hätte ich diese Arbeit nicht bis heute getan», sagt Hess. «Und ich hatte das Glück, mit meiner Frau Ottilie eine exzellente, vielseitige und liebenswürdige Mitarbeiterin sowie grosse Stütze zu haben.» Rund 13 600 Patienten seien es gewesen, die sie zusammen zum Teil über viele Jahre hinweg begleitet haben. Die meisten aus Stadt und Region. Und wenn man sich in der Innenstadt weiter begegnen werde, so habe er vielleicht nicht mehr den Namen des Patienten präsent, dafür noch dessen Krankengeschichte.

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