Lehrstellen
Eine Nagelpflegerin mit Messer, Raspel und Hammer

Franziska Hauenstein (16) macht gerade in Rüfenach als einzige Frau im Kanton die Ausbildung zur Hufschmiedin. Sie sagt, warum sie sich für diesen Beruf entschieden hat.

Katja Landolt
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Fränzi Hauenstein raspelt im Stall der Familie Widmer in Riniken den Huf von Haflinger Timo in Form.
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Mit der Renette wird das überschüssige Horn ausgeschnitten.
Das glühende Eisen, rund 1000 Grad warm, wird auf dem Amboss gerichtet.
Die einzige Hufschmiedin des Kantons bei der Arbeit
Hufschmied Silvan Erne presst das Eisen auf Timos Huf.

Fränzi Hauenstein raspelt im Stall der Familie Widmer in Riniken den Huf von Haflinger Timo in Form.

Timo döst. Der Haflinger-Wallach lässt den Kopf hängen, die Augen halb geschlossen. Ab und zu schlackert er mit seiner Unterlippe, bläht die Nüstern. Er kennt das Prozedere, ist ganz entspannt. Währenddessen leistet Fränzi Hauenstein zu seinen Füssen Schwerstarbeit.

Die Eisen sind bereits ab. Mit ei-ner Renette, einem Messer mit gebogener Spitze, schneidet die angehende Hufschmiedin das überschüssige Horn vom Huf; «Ausschneiden» nennt man das. Chef Silvan Erne hält Timos Bein hoch und passt auf, dass Fränzi nicht zu viel abhaut. Dann fährt sie mit einer Raspel über den Huf, gleicht das Niveau aus. Ihre Handgriffe sind präzise und energisch. Die abgeraspelten Hornstückchen fliegen wie Sägespäne durch die Luft.

Fast allein unter Männern

Franziska Hauenstein aus Rüfenach arbeitet erst seit gut fünf Monaten als Hufschmiedin, Mitte August hat sie ihre Lehre bei Silvan Erne aus Tegerfelden begonnen. Eine Lehre, von der sie nie geträumt hat. Trotz ihrer Leidenschaft für Pferde war sie nie auf den Gedanken gekommen, Hufschmiedin zu werden. Heute ist Fränzi sehr glücklich mit ihrer Berufswahl. «Es macht Spass, ich komme viel in der Gegend herum und ich habe mit Pferden zu tun», sagt sie und flattiert Timo am Hals.

Fränzi ist mit zwei Freibergern aufgewachsen, kennt sich mit den Tieren aus. «Das ist das Wichtigste, das Verständnis für das Pferd», sagt Silvan Erne. Das Verständnis dafür, wie ein Pferd als Fluchttier reagiert, was ihm Angst macht. «Ein Hufschmied muss ganz automatisch gewisse Sicherheitsvorkehrungen routinemässig einhalten», sagt Erne. Nicht erschrecken, nicht laut werden. Und immer wieder mit dem Tier sprechen, es an einem schnuppern lassen, ruhig bleiben.

Einmal pro Woche muss Fränzi im bernischen Burgdorf in die Berufsschule. Pro Jahrgang gibt es schweizweit nur drei Klassen, in Burgdorf, Lausanne und Winterthur. In Fränzis Klasse sind es zwölf Schüler, fünf davon sind Frauen. Fränzi ist die Einzige aus dem Aargau. Doch so selten, wie man meinen könnte, sind Frauen in diesem Beruf nicht. Das bestätigt auch Silvan Erne: «Ich hatte für diese Lehrstelle fünf Anfragen, vier kamen von Frauen.» Und Fränzi, wie fühlt sie sich unter so vielen Männern? «Ich fühle mich wohl», sagt sie und lächelt.

Vier Jahre dauert die Ausbildung zum Hufschmied. Dabei lernen die Auszubildenden nicht nur Schmiedetechniken und Nützliches zu Hufpflege und alternativem Hufschutz, sondern alles rund ums Pferd: Grundlagen, Gesundheit, Anatomie. «Ein Hufschmied muss die Anatomie des Pferdes ganz genau kennen, um beispielsweise den richtigen Winkel für den Huf zu bestimmen», sagt Erne. Das heisst, wie schief oder gerade ein Huf geschnitten wird, damit das Pferd ausgeglichen läuft. Das ist bei jedem Tier anders, manche brauchen für den geraden Gang spezielle Eisen.

Millimeterarbeit beim Anpassen

Fränzi stapelt Timos Eisen in den kleinen, fauchenden Ofen. Auf rund 1000 Grad werden sie erhitzt, bis sie glühen. Eines nach dem andern zieht Silvan Erne heraus und richtet am Amboss das Eisen nach dem Huf. Dann hält er das glühende Metall auf das Horn. Das nennt sich «Aufrichten». Erne presst das glühende Metall auf das Horn. Es qualmt und zischt und stinkt. «Man gewöhnt sich dran», sagt Fränzi und lacht. Timo macht keinen Wank.

Anhand der Brandspuren sieht Erne, ob das Eisen richtig liegt, ob die Löcher für die Nägel richtig platziert sind. Das nämlich ist Millimeterarbeit, die Positionierung des Nagels. Schlägt Erne die Nägel zu weit innen, wird das schmerzhaft für das Pferd, es lahmt. Schlägt er zu weit aussen, kann der Huf wie ein Stück Holz splittern.

Timos Eisen passen; nur zwei-, dreimal schlägt Erne mit dem Hammer auf eine Stelle. Dann wirft er sie zum Abkühlen in einen Kessel mit Wasser. Fränzi schneidet derweil Gummieinlagen zurecht, die im Winter zwischen Huf und Eisen gelegt werden. Die Einlagen verhindern, dass sich im Huf Schnee sammelt und die Pferde ausrutschen.

Immer mehr Pferde

Pro Pferd rechnen die Hufschmiede mit einer Stunde Aufwand, ohne Fahrt. Einmal Beschlagen kostet 170 bis 230 Franken, sofern keine Spezialanfertigungen geschmiedet werden müssen, dazu kommen die Fahrspesen. Alle acht Wochen ungefähr müssen die Eisen gewechselt werden, da geht den Hufschmieden die Arbeit nicht so schnell aus. In einem Gebiet von Kaiseraugst bis Otelfingen, vom Bezirk Brugg bis ins Süddeutsche, betreuen Erne und sein Team ihre Kunden. Und es werden immer mehr: «Die Anzahl Pferdebesitzer steigt», sagt er.

Silvan Erne schlägt die Nägel in die Eisen. Timo richtet die Ohren nach hinten. Die austretenden Nagelenden biegt Erne nach unten, zwickt sie ab und schlägt den Rest in kleine Löcher, die er vorher mit einem Werkzeug in die Hufwand geschlagen hat. Das Eisen hält.

Timo ist fertig, Fränzi führt in zurück in den Stall. Silvan Erne wirft Timo einen prüfenden Blick hinterher. Dann nickt er zufrieden.