BT-Kolumne
Eine Ode an den Frühling

Simona Hofmann schreibt diese Woche über den Frühling und seine Schattenseiten. Die Kolumnistin ist nämlich – aus diversen Gründen – ein gar nicht mal so grosser Fan von ihm.

Simona Hofmann
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Simona Hofmann, Schauspielerin und Regisseurin aus Baden

Simona Hofmann, Schauspielerin und Regisseurin aus Baden

Zur Verfügung gestellt

Das unübersehbare Treiben ist spürbar im Alltag, in den Gassen der Stadt, auf den Überlandstrassen, in den Parks, in den Strassencafés. Überall.
Die Zeit scheint neu zu beginnen. Die Vögel zwitschern wild frühmorgens von den Bäumen. Aargauer Kühe hüpfen ausgelassen auf die Weide und im Internet um die Welt. Der Nachbar räumt die Gartenmöbel raus, schleift sie ab, färbt sie frisch. Die Cabriolets werden aus den muffigen Garagen an die frische Luft geholt. Fazit: Die ersten Sonnenstrahlen beflügeln unseren Hormonhaushalt. Raus aus der Wohnung und ab ins Freie. Laune gut, alles gut.

Nein! Eben nicht.

Die Pollen spielen verrückt und treiben die Allergiker in den Wahnsinn. Die vielen ungeübten saisonfrischen Töfffahrer füllen die Passstrassen und die Organtransplantationsbanken. Die abrupten Wetterumschwünge zwingen die Wetterfühligen zum Griff in die Medikamentenschublade. Der frustrierte Single haut wie wild in die Tastatur und mailt die Partnerbörsen mit ergebnislosem Frühlingsgeschwafel voll.

Und ich? Nein, ich habe die Fenster noch nicht geputzt. Nein, ich habe die Winterkleider noch nicht verräumt. Nein, ich habe das bunte Frühlingsblumenkleid im «mid season sale» noch nicht eingekauft, die Flip Flops noch nicht montiert und noch gar nicht um einen der raren Sonntags-Sonnenplätze in einer Badener Beiz gekämpft (falls denn überhaupt eine offen hätte).

Und ja, Ich möchte am liebsten wie Dornröschen hundert Jahre schlafen und auf gar keinen Fall von einem Testosteron-gesättigten Prinzen geweckt werden.

Ich möchte weiter bärenfaul in meiner Höhle knurren.
Auch will ich nicht meine «noblesse oblige» weissen Waden spazieren führen. Und nochmals ja, ich bin halt anders, mindestens in Bezug auf das allgegenwärtige Frühlingserwachen. Und dazu stehe ich auch.

Eine Früherblüherin bin ich definitiv nicht. Wenn die ersten Schneeglöckchen ihre grünen Spitzchen aus der Erde strecken, die Narzissen mit den Parfums der paarungswilligen Weibsbilder olfaktorisch um die Wette duften, sitze ich noch im Rollkragen-Strickpullover Epen lesend vor dem knisternden Kaminfeuer.
Vielmehr zähle ich mich zu der Gattung der Sommerblüherinnen und laufe im Juli, dem Honigmonat, zur Höchstform auf. Wie die Sonnenblumen wende ich mein Gesicht dem Lichte zu, damit die Schatten hinter mich fallen. Und schon bald brülle ich, im Zeichen des Löwen geborene, wieder richtig laut. Unverblümt!

Simona Hofmann

Die Bewegungsschauspielerin und Regisseurin (35) ist seit 2005 auf Tournee im In- und Ausland mit eigenen Theater-kreationen und Engagements.