Gastkommentar

Eine Überlegung zum Gehalt des Badener Bädernamens «Fortyseven»: Feuchter Furz statt genialer Funke

Eine Aussenansicht des «Fortyseven» in Baden. © Mario Botta Architetti-VHFAG

Eine Aussenansicht des «Fortyseven» in Baden. © Mario Botta Architetti-VHFAG

Überlegungen zum «Fortyseven» – mit Anleihen aus der Geschichte und natürlich bei bestem Willen.

Das «Fortyseven» ist weit hergeholt. Das erlaubt uns, hier auch etwas weit zu schweifen. Man fühlt es sofort: Da wurde ein Punkt nicht wirklich getroffen. Trotz der fast wissenschaftlichen Genauigkeit, womit er gesetzt wurde: 47 Grad warm oder heiss sei das Wasser der Thermalquelle Baden. Drum soll auch das neue Thermalbad so heissen. Die Quelle ist natürlich – der Name «Fortyseven» ist steril und künstlich.

Dieser Gegensatz wird bestehen bleiben. Entgegen der naiven – in Wahrheit starrsinnigen – Hoffnung, die Leute würden sich schon «daran gewöhnen». Widerspruch zwischen Wort und Inhalt weckt Einspruch. Unbehagen fast schon aus Instinkt.

Man soll im Kopf was denken, und der Bauch stimmt dagegen. Damit beginnt auch sofort ein Vorgang, der ans Stopfen von Gänsen erinnert: Schluckt das Marketingfutter, ihr dummen Viecher, obwohl es euch würgt in Hals und Kehle.

Sparen wir uns mal die Galle. Man kann den Fehlschlag des «Fortyseven» auch milder erläutern, buchstäblich parfümierter. Indem wir an einen verwandten, weltweit triumphalen «Brand» erinnern: «4711» – Siebenundvierzig-elf. Richtig, das Kölnisch Wasser. Vielleicht ein etwas altmodischer Duft heutzutage. Zu wenig «jung», nicht «urban» genug, zu wenig «frisch» – egal: Seit 1799 auf Siegeszug, bis heute.

«Fortyseven» ein Murks – «4711» ein Triumph

Ähnlich wie «Fortyseven» leitet sich «4711» ab von einem nüchternen Faktum: 4711 war die Hausnummer des Stammhauses gewesen in der Glockengasse von Köln. Der «Brand» entstand nicht in einer Retraite «zeitgeistiger» Marketing-Frömmler. «4711» war – wie viele gute Marken früher – «historisch gewachsen».

Diese Formulierung – «historisch gewachsen» – beschönigt häufig endlosen Streit um die Marke, woran sich Bataillone von Juristen damals eine goldene Nase verdienten. Das Gezerre hier im Einzelnen wiederzugeben aber ist müssig. Trotz dem geläufigen Begriff des «Aqua mirabilis» aus Köln, den man gern auch der Badener Quelle zueignen möchte.

Einen epischen Streit um «Fortyseven» dürfte es kaum geben. Dafür mag selbst die matschigste Birne sich nicht breittreten lassen. Während das 4711-Stammhaus in Köln heute noch ein Touristenziel bildet. Eines sollte dabei nicht unerwähnt bleiben: Die Marke «4711» birgt auch ein kleines, fast kabbalistisches Geheimnis. Die Quersumme von 47 ist elf. Zudem klingt die Silbe «elf» nach «siebenundvierzig» rhythmisch perfekt.

Wie tief man auch schneidet – alles geheimnislos

Von solch zauberhaften, nahezu mythischem Gehalt hat «Fortyseven» nicht die Spur. Stattdessen tönt’s nach Blähung, Plustern, Dünkel. Nach jenem Zeitdogma, das lehrt, Ortsratten einen «Brand» bloss überstülpen zu müssen. Mit der üblichen PR-Plastikflöte, dem notgeilen Denglisch (auf Englisch wird 47 gekoppelt: forty-seven). Das Missverständnis liegt zuletzt einfach darin: Baden heisst hier die Stadt, nicht Hameln.

Genug, bleiben wir guten Willens! Verhelfen wir dem schmalbrüstigen «Fortyseven» zu mehr Kraft und Fülle. Zum Beispiel historisch. Befeuert den «Brand» irgendwas aus der Geschichte? Was ist mit dem Jahr 47? Kaiser Claudius wird zum vierten Mal Konsul des Römischen Reichs. Hm, zu wenig «urban», kein Jota «sexy». Die Römer gründen in der Provinz Britannien die Siedlung Londinium, das heutige London. Passt schon eher – «Fortyseven»: Global denken, lokal versenken.

Und näher bei uns – 1847? In der Schweiz bricht der Sonderbundskrieg aus, ein vom Religionswahn getriebener Bürgerkrieg. Daran kann man in Baden nur umständlich erinnern. Und um Gotteswillen kein Wort zu den Hexenverbrennungen «vor Ort»! Immerhin: Nina Suma, die Geschäftsführerin des neuen Bads, Verfechterin von «Fortyseven», darf sich hier grundsätzlich sicher fühlen, selbst wenn sich ihr «Brand» in Rauch auflöst.

Vielleicht 1947? Der Kalte Krieg begann. Als beteilige sich das Klima daran, froren auch die Niagarafälle zu. 47 Grad heisses Quellwasser bringt da kein Tauwetter. Die «Junge Literatur» nannte sich fortan «Gruppe 47» – die Assoziation erfüllt zwar das Kriterium der Jeunesse, ist aber für Spassbürger zu bildungslastig. Auch 47 wurde das Heiratsverbot aufgehoben zwischen Deutschen und US-Soldaten.

Einzig das könnte den hiesigen Hedonismus animieren. Die lukrative und historisch verbürgte Sinnenfreude fördert rund um die Bäder; man lese dazu nur die Zeugnisse hier abgestiegener Priester. Bei Sinneslust aber schaltet das Spa-Hirn der meisten, politisch völlig unkorrekt, zu rasch um. Von 47 zu 69 – miserabel fürs familienfreie Image…

Man kann es drehen und wenden, wie man will: «Fortyseven» hat weder als Ganzes noch partiell Reiz oder Gehalt. Feuchter Furz statt genialer Funke. Die Tatsache, dass es sich bei 47 um eine Primzahl handelt, lockt allenfalls drei Zürcher Mathematiker nach Baden.

Die «Restschweiz» gähnt sich weiter am Letten zu Tode. Es gibt bei dem «Brand» schlechterdings keine hilfreichen «Konnotationen», wie man akademisch sagt. Auf Deutsch: Das Gebilde ist zu verblasen, zu dürr, zu mager. Und dennoch nicht leicht genug, um bald über allem zu schweben.

Man kann nur eines raten: Geduld. Also auf Volkes Zunge achten. Die ist spöttisch in der Regel. Nicht aber, wenn die Leute etwas ins Herz schliessen. Diese Liebe soll zunächst wachsen, ganz natürlich. Zusammen mit dem Vertrauen, mit einem neumodischen Gag nicht verhohnepipelt zu werden.

Später können Gschaftlhuber immer noch eine Namensperle für die Bäder aus dem reichen Volksschatz klauen. Man probiere es mit den Römern, den Thermen, den Heiligen Wassern, frommen Kuren, sündigen Priestern, alles okay … man vermeide als Suffix aber bitte bitte einen Namen: Botta.

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