Denkmaltage im Aargau
Eine Welt aus einer anderen Zeit: Eintauchen in die Geschichte des Badener Bäderquartiers

Am Wochenende finden im Aargau zum 25. Mal die Europäischen Tage des Denkmals statt. Unter dem Motto «Ohne Grenzen» lädt die Kantonale Dekmalpflege dieses Jahr in die Bäderstadt Baden. Rund um die alten Badehotels gibt es viel zu entdecken.

Andreas Fahrländer
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Europäische Denkmaltage im Aargau: Eintauchen in die Geschichte des Badener Bäderquartiers
17 Bilder
Von der heiligen Verena gekrönt: Der Verenahof wird bis 2020 detailgetreu restauriert.
Ein beflügelter Indianer: Die Wandbemalungen im historischen Elefantensaal wurden in den 1940er-Jahren übertüncht.
Der Indianer gehört zu einer Figurengruppe, welche wohl die vier Erdteile Asien, Amerika, Europa und Afrika darstellen.
Die Wandmalereien sollen jetzt freigelegt und der Elefantensaal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Entworfen wurde der viktorianisch inspirierte Elefantensaal um 1873 von den Gebrüdern Reutlinger aus Zürich.
Gotische Bögen aus dem 14. Jahrhundert: Das Badehaus über der Paradiesquelle im Hotel Ochsen.
Das Hotel Blume am Kurplatz wurde 1421 erstmals schriftlich erwähnt und ist damit eines der ältesten Hotels der Schweiz.
Eintauchen in die Geschichte des Badener Bäderquartiers: Die Gänge im Untergeschoss des Verenahof-Gevierts.
Auch die Verenahof-Quelle wird bald saniert. Sie ist eine von 18 heissen Quellen in den Grossen Bädern von Baden.
In den alten Badezellen riecht es nach faulen Eiern - typisch für das schwefelhaltige Badener Thermalwasser. Einige der Zellen sollen erhalten bleiben.
Der Säulenhof von Johann Heinrich Reutlinger bringt seit 1873 Licht in den Erweiterungstrakt des Verenahofs.
Für den Erweiterungstrakt musste 1873 der alte Badgasthof Sonne weichen.
Der Grüne Salon im Verenahof ist erstaunlich gut erhalten. Er liegt direkt über der Verenahofquelle und wurde nachträglich in den Lichthof eingezogen.
Den ältesten Teil des Verenahofs liess sich Stadtrat und Hotelier Franz Joseph Borsinger 1844 vom Badener Bauverwalter Caspar Joseph Jeuch erbauen.
Im leerstehenden Hotel hat der Zahn der Zeit genagt: Der Hausschwamm, ein Pilz, frisst sich durch die Mauern.
Heiko Dobler, Bauberater der Denkmalpflege, sagt: "Es ist jetzt eine denkmalpflegerisch spannende Frage, was bleiben kann und was weg muss."

Europäische Denkmaltage im Aargau: Eintauchen in die Geschichte des Badener Bäderquartiers

Alex Spichale

Etwas ramponiert wirkt Verena, wie sie da oben auf dem Dach steht. Tauben flattern unter ihren Füssen ein und aus. Mit Spanplatten sind manche Fenster des einst so eleganten Hotels am Badener Kurplatz verriegelt. Die Statue der Heiligen mit ihrem Krug steht fast schon symbolisch für die wechselvolle Geschichte der Grossen Bäder von Baden. Diese Geschichte – und ihre jüngste, glückliche Wendung – kann man an den Europäischen Tagen des Denkmals vom kommenden Wochenende hautnah erleben.

Über 15 Jahre stand das vornehme Kurhotel Verenahof leer, der Putz bröckelt, es regnet durch die Dächer. Es gab Zeiten, da war Baden eines der berühmtesten Heilbäder Europas. Seit der Sprengung des Grand Hotels 1944 galt der Verenahof als das vornehmste Haus in den Bädern. Doch der Glanz des Thermalkurorts Baden verschwand schon seit der Zwischenkriegszeit still und leise und unaufhaltsam.

Europäisches Kulturerbejahr

Seit diesem Frühjahr aber wird am Limmatknie endlich wieder im grossen Stil gebaut. 2020 sollen das neue Badener Thermalbad und ein Ärztehaus des Architekten Mario Botta eröffnet werden. Parallel dazu baut die «Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach + Baden» das historische Geviert mit den Hotels Verenahof, Ochsen und Bären im Bäderquartier zu einer Reha- und Präventionsklinik um. Die Kantonale Denkmalpflege nutzt diese Gelegenheit und lädt im Europäischen Jahr des Kulturerbes in die Badener Bäder.

«Der Badebetrieb in den Bädern war während Jahrhunderten eine gesellige und gesellschaftliche Sache», sagt der kantonale Denkmalpfleger Reto Nussbaumer bei einem Augenschein am Kurplatz. «Die Hotels und Badgasthöfe wollten immer vom Feinsten sein.

Wenn man aber genau hinschaut, sieht man das Stückwerk, mit dem die Hotels nach und nach gewachsen sind.» Wenn ein Hotelier investiert habe, musste der Nachbar mitziehen, erklärt Nussbaumer. So kam eine Schicht auf die andere. Am Sonntag führt Nussbaumer auf den Spuren des Nobelpreisträgers Hermann Hesse durch den Verenahof. Hesse war seit 1923 Jahr für Jahr im Bäderquartier zur Kur und verfasste hier seinen «Kurgast».

Der Verenahof wird – trotz all der Zerfallsspuren nach Jahren des Leerstands – als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft. Aus denkmalpflegerischer Sicht ein Glücksfall: die Übergabe der Sanierung des Verenahof-Gevierts an das Basler Architekturbüro Villa Nova. Das Büro ist spezialisiert auf rücksichtsvolle Restaurierungen von historischen Gebäuden.

Der Zauber des Elefantensaals

Nach den ursprünglichen Plänen Mario Bottas sollte das Geviert teilweise entkernt und mit einer Glaskuppel versehen werden. Die Bauherrschaft entschied sich anders – auch auf den dringlichen Wunsch der Denkmalpflege – und so fand man eine Lösung, die für alle gut ist: Botta baut das neue Bad und das Ärztehaus, Villa Nova Architekten sanieren das historische Hotel-Geviert. Ein Glücksfall ist das nicht zuletzt, weil dadurch auch der historische Elefantensaal im Verenahof erhalten wird.

Der Saal ist leergeräumt, die dicken Spannteppiche sind verschwunden. An der Decke prangen die vier Elefantenköpfe aus Stuck, die ihm seinen Namen gegeben haben. Die Ketten der Kronleuchter hängen etwas verloren in der Luft, die Lüster sind an einem sicheren Ort eingelagert.

An der Wand taucht unter einer Schicht Farbe ein Indianer mit Flügeln auf. Er ist Teil einer Serie von Wandmalereien, welche wohl die Erdteile symbolisierten und später übermalt wurden. Die ursprünglichen Malereien aus drei Epochen sollen nun wieder freigelegt werden.

«Ein Saal ist ein zutiefst gesellschaftlich-kultureller Ort», sagt Nussbaumer. «Dass der Elefantensaal erhalten wird, ist etwas vom Allerschönsten.» Der Wert der historischen Bebauung im Bäderquartier sei kaum zu überschätzen. «Die Bäder entstanden in der Römerzeit, schon lange vor der Badener Oberstadt, und waren stets wie eine Stadt für sich», erklärt Nussbaumer. «Es ist das älteste durchgehend benutzte Thermalbad nördlich der Alpen.»

Was bleibt, was muss weg?

Heiko Dobler, Bauberater bei der Denkmalpflege, zeigt einen sogenannten Hausschwamm, der sich in einem Salon des Verenahofs ausgebreitet hat. Der riesige Pilz frisst sich durch Mauerwerk und Holz.

In einem kleinen Lesesalon hat er fast die ganze Tapete aufgefressen. «Die Schäden waren leider gross in den letzten Jahren» , sagt Dobler. «Es gab immer wieder Wassereinbrüche in die Gebäude.» Nun sei eine denkmalpflegerisch spannende Frage: «Was kann bleiben, was muss weg?»

Diese Frage stellt sich auch im Untergeschoss der alten Hotels, wo die Quellfassungen und die alten Badezellen liegen. In den Becken schwimmen dicke Algenschichten auf dem Wasser, die Quelleinfassungen sind von Mineralien überzogen. Es ist eine faszinierende Welt, an diesem Ort, der mit seinem Wasser seit 2000 Jahren Menschen hierherlockt.

Hier unten riecht es nach faulen Eiern, typisch für das schwefelhaltige Badener Thermalwasser. Es ist das mineralreichste der Schweiz und versickert zurzeit zum grössten Teil ungenutzt in der Limmat. Doch spätestens 2020 wird sich das ändern. Dann soll das Bäderquartier wieder zu neuem Leben erblühen.

Die «Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach + Baden» könnte nicht besser geeignet sein dafür. Schliesslich ist Bad Zurzach Wirkungs- und Sterbeort der Heiligen Verena, die bald in alter Pracht von ihrem Dach herabschauen und über das Treiben im Badener Bäderquartier wachen wird.

Grosse und Kleine Bäder, Römer und Habsburger

Zum zweiten Mal konzentriert sich die Aargauer Denkmalpflege dieses Jahr auf einen Standort, um die Tage des Denkmals zu feiern. Die Veranstaltung findet zum 25. Mal statt. Letztes Jahr ging es in Laufenburg um «Macht und Pracht». Passend zum diesjährigen Motto «Ohne Grenzen» lädt die Denkmalpflege heuer als Schwerpunkt nach Baden und Ennetbaden: Die Thermalquellen am Limmatknie ziehen schon seit über 2000 Jahren Besucher aus aller Welt an. Am Sonntag wird Landammann und Kulturdirektor Alex Hürzeler um 11.15 Uhr die Gäste auf dem Badener Kurplatz begrüssen. Anschliessend werden der Badener Stadtammann Markus Schneider und der kantonale Denkmalpfleger Reto Nussbaumer kurze Einblicke in die Bau- und Kulturgeschichte der Badener Bäder geben.

Auf dem Kurplatz locken den ganzen Sonntag über ein reichhaltiges kulturelles, aber auch ein kulinarisches Angebot. Es wird einen Infostand geben, an dem man sich über die Veranstaltungen schlaumachen und sich für die Führungen anmelden kann (Platzzahl beschränkt). Am Kurplatz wird es auch ein Kinderprogramm und ein frei zugängliches Badebecken des Vereins Bagni Popolari geben. Es finden unter anderem auch Führungen durch das Badener Kurtheater (gerade im Umbau), zum ehemaligen Kino und jetzigen Kulturhaus Royal, ins Ennetbadener Hotel Bad Schwanen oder zur betonbrutalistischen St. Michaelskirche statt.

«Wir möchten allen Leuten etwas bieten, auch jenen, die noch kaum Kontakt mit der Denkmalpflege hatten», sagt Projektleiterin Franziska Schmid-Schärer. «Früher sind wir im Kanton herumgereist. Mit dem Schwerpunkt an einem Ort können wir nun mit unserem ganzen Team viel präsenter sein.»

Die Denkmaltage haben trotzdem einige «Aussenstationen» im Kanton: So bietet etwa das Museum Aargau Führungen auf Schloss Habsburg und auf dem Legionärspfad Vindonissa. Im Museum Kloster Muri geht es darum, was das kulturelle Erbe zu erzählen hat. Die Kantonsarchäologie führt in Kaiseraugst ins römische Gerbehaus Schmidmatt oder zur römischen Wasserleitung in Windisch. Es gibt sehr viel zu entdecken – in Baden, Ennetbaden, aber auch in Habsburg, Kaiseraugst, im Kloster Muri, in der Oelmühle Seon, in Windisch und am Sternenplatz und im Schlössli Wohlen. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Mehr Informationen finden Sie online unter www.hereinspaziert.ch.