Denkmaltage im Aargau

Eine Welt aus einer anderen Zeit: Eintauchen in die Geschichte des Badener Bäderquartiers

Am Wochenende finden im Aargau zum 25. Mal die Europäischen Tage des Denkmals statt. Unter dem Motto «Ohne Grenzen» lädt die Kantonale Dekmalpflege dieses Jahr in die Bäderstadt Baden. Rund um die alten Badehotels gibt es viel zu entdecken.

Etwas ramponiert wirkt Verena, wie sie da oben auf dem Dach steht. Tauben flattern unter ihren Füssen ein und aus. Mit Spanplatten sind manche Fenster des einst so eleganten Hotels am Badener Kurplatz verriegelt. Die Statue der Heiligen mit ihrem Krug steht fast schon symbolisch für die wechselvolle Geschichte der Grossen Bäder von Baden. Diese Geschichte – und ihre jüngste, glückliche Wendung – kann man an den Europäischen Tagen des Denkmals vom kommenden Wochenende hautnah erleben.

Über 15 Jahre stand das vornehme Kurhotel Verenahof leer, der Putz bröckelt, es regnet durch die Dächer. Es gab Zeiten, da war Baden eines der berühmtesten Heilbäder Europas. Seit der Sprengung des Grand Hotels 1944 galt der Verenahof als das vornehmste Haus in den Bädern. Doch der Glanz des Thermalkurorts Baden verschwand schon seit der Zwischenkriegszeit still und leise und unaufhaltsam.

Europäisches Kulturerbejahr

Seit diesem Frühjahr aber wird am Limmatknie endlich wieder im grossen Stil gebaut. 2020 sollen das neue Badener Thermalbad und ein Ärztehaus des Architekten Mario Botta eröffnet werden. Parallel dazu baut die «Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach + Baden» das historische Geviert mit den Hotels Verenahof, Ochsen und Bären im Bäderquartier zu einer Reha- und Präventionsklinik um. Die Kantonale Denkmalpflege nutzt diese Gelegenheit und lädt im Europäischen Jahr des Kulturerbes in die Badener Bäder.

«Der Badebetrieb in den Bädern war während Jahrhunderten eine gesellige und gesellschaftliche Sache», sagt der kantonale Denkmalpfleger Reto Nussbaumer bei einem Augenschein am Kurplatz. «Die Hotels und Badgasthöfe wollten immer vom Feinsten sein.

Wenn man aber genau hinschaut, sieht man das Stückwerk, mit dem die Hotels nach und nach gewachsen sind.» Wenn ein Hotelier investiert habe, musste der Nachbar mitziehen, erklärt Nussbaumer. So kam eine Schicht auf die andere. Am Sonntag führt Nussbaumer auf den Spuren des Nobelpreisträgers Hermann Hesse durch den Verenahof. Hesse war seit 1923 Jahr für Jahr im Bäderquartier zur Kur und verfasste hier seinen «Kurgast».

Der Verenahof wird – trotz all der Zerfallsspuren nach Jahren des Leerstands – als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft. Aus denkmalpflegerischer Sicht ein Glücksfall: die Übergabe der Sanierung des Verenahof-Gevierts an das Basler Architekturbüro Villa Nova. Das Büro ist spezialisiert auf rücksichtsvolle Restaurierungen von historischen Gebäuden.

Der Zauber des Elefantensaals

Nach den ursprünglichen Plänen Mario Bottas sollte das Geviert teilweise entkernt und mit einer Glaskuppel versehen werden. Die Bauherrschaft entschied sich anders – auch auf den dringlichen Wunsch der Denkmalpflege – und so fand man eine Lösung, die für alle gut ist: Botta baut das neue Bad und das Ärztehaus, Villa Nova Architekten sanieren das historische Hotel-Geviert. Ein Glücksfall ist das nicht zuletzt, weil dadurch auch der historische Elefantensaal im Verenahof erhalten wird.

Der Saal ist leergeräumt, die dicken Spannteppiche sind verschwunden. An der Decke prangen die vier Elefantenköpfe aus Stuck, die ihm seinen Namen gegeben haben. Die Ketten der Kronleuchter hängen etwas verloren in der Luft, die Lüster sind an einem sicheren Ort eingelagert.

An der Wand taucht unter einer Schicht Farbe ein Indianer mit Flügeln auf. Er ist Teil einer Serie von Wandmalereien, welche wohl die Erdteile symbolisierten und später übermalt wurden. Die ursprünglichen Malereien aus drei Epochen sollen nun wieder freigelegt werden.

«Ein Saal ist ein zutiefst gesellschaftlich-kultureller Ort», sagt Nussbaumer. «Dass der Elefantensaal erhalten wird, ist etwas vom Allerschönsten.» Der Wert der historischen Bebauung im Bäderquartier sei kaum zu überschätzen. «Die Bäder entstanden in der Römerzeit, schon lange vor der Badener Oberstadt, und waren stets wie eine Stadt für sich», erklärt Nussbaumer. «Es ist das älteste durchgehend benutzte Thermalbad nördlich der Alpen.»

Was bleibt, was muss weg?

Heiko Dobler, Bauberater bei der Denkmalpflege, zeigt einen sogenannten Hausschwamm, der sich in einem Salon des Verenahofs ausgebreitet hat. Der riesige Pilz frisst sich durch Mauerwerk und Holz.

In einem kleinen Lesesalon hat er fast die ganze Tapete aufgefressen. «Die Schäden waren leider gross in den letzten Jahren» , sagt Dobler. «Es gab immer wieder Wassereinbrüche in die Gebäude.» Nun sei eine denkmalpflegerisch spannende Frage: «Was kann bleiben, was muss weg?»

Diese Frage stellt sich auch im Untergeschoss der alten Hotels, wo die Quellfassungen und die alten Badezellen liegen. In den Becken schwimmen dicke Algenschichten auf dem Wasser, die Quelleinfassungen sind von Mineralien überzogen. Es ist eine faszinierende Welt, an diesem Ort, der mit seinem Wasser seit 2000 Jahren Menschen hierherlockt.

Hier unten riecht es nach faulen Eiern, typisch für das schwefelhaltige Badener Thermalwasser. Es ist das mineralreichste der Schweiz und versickert zurzeit zum grössten Teil ungenutzt in der Limmat. Doch spätestens 2020 wird sich das ändern. Dann soll das Bäderquartier wieder zu neuem Leben erblühen.

Die «Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach + Baden» könnte nicht besser geeignet sein dafür. Schliesslich ist Bad Zurzach Wirkungs- und Sterbeort der Heiligen Verena, die bald in alter Pracht von ihrem Dach herabschauen und über das Treiben im Badener Bäderquartier wachen wird.

Meistgesehen

Artboard 1