Baden
Eine Woche vor der Wahl: Müller und Huber über Angriffe und Differenzen

Eine Woche vor der Stadtammann-Wahl kreuzen Geri Müller (team) und Roger Huber (FDP) nochmals die Klingen. Dabei kommen ihre Differenzen inhaltlicher wie auch persönlicher Natur zum Ausdruck.

Martin Rupf und Roman Huber (Text) und Alex Spichale (Fotos)
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Geri Müller (team baden, l.) und Roger Huber (FDP) während des rund zweistündigen Streitgesprächs mit den az-Redaktoren.

Geri Müller (team baden, l.) und Roger Huber (FDP) während des rund zweistündigen Streitgesprächs mit den az-Redaktoren.

Heftiger Wahlkampf hin oder her: Die beiden Stadtammann-Anwärter Roger Huber (FDP) und Geri Müller (team baden) machen beim Interview-Termin einen gelösten Eindruck und sind vor dem Gespräch sogar zu Spässen aufgelegt. Doch während des Interviews kehrt der Wahlkampf-Ernst wieder zurück und Differenzen – inhaltlicher wie auch persönlicher Natur – kommen zum Ausdruck.

Herr Müller, Herr Huber, Sie wurden beide im «Sonntag»-Interview vor einer Woche gefragt, was Ihr Gegenüber besser könne. Sie beide haben mit Ulk-Statements geantwortet. Probieren wir es nochmals ernsthaft: Was kann Ihr Gegenüber besser als Sie?

Geri Müller: Ich bleibe dabei. Roger bringt sicher den grösseren juristischen Rucksack mit – und er kann seine Haare besser kämmen.
Roger Huber: Auch ich bleibe bei meiner Antwort. Geri kann dank des Bundeshaus-Badges das Bundeshaus besser betreten. Die persönlichen Vorzüge streiche ich ihm gerne unter vier Augen heraus (lacht).

In Ihrer Kampagne greifen Sie mit dem Slogan «100 Prozent für Baden» aber gerade diesen Badge an, indem Sie indirekt kritisieren, dass Geri Müller an seinem Nationalratsmandat festhalten will.

Huber: Meine Überzeugung ist, dass ein Stadtammann zu 100 Prozent für diese Stadt da sein soll.
Müller: 100 Prozent für Baden Ja, und zwar regional und national.

Geri Müller, die Israelitische Kultusgemeinde hat harte Attacken gegen Sie geritten. Unter Ihnen drohe Baden zu einem Anziehungspunkt für Islamisten zu werden. Wie gehen Sie mit diesen Angriffen um?

Müller: Ich mache leider praktisch vor allen Wahlen diese diffamierenden Erfahrungen. Die Angriffe kommen von einer kleinen Minderheit. Ich weiss das, weil ich auch andere Stimmen höre aus der Kultusgemeinde, die sich aber nicht getrauen, sich zu outen. Ich muss damit leben. Schwierig wird es, wenn diese Angriffe anonym passieren. Ich verstehe auch nicht, weshalb man diesen Personen eine solche Plattform gibt.
Huber: Ich bin erstaunt, welches Gewicht dieses aus meiner Sicht nationale Thema erhalten hat. Ich bin der Meinung, dass dieses Thema in der Lokalpolitik keinen Einfluss haben soll. Und ich möchte auch ganz klar festhalten, dass das nicht meinem Stil und auch nicht dem Stil meiner Partei entspricht. Wir haben bewusst einen positiven Wahlkampf geführt. Wenn uns etwas stört, dann sprechen wir das – so zum Beispiel das beabsichtigte Doppelmandat von Geri – offen und ehrlich an und nicht verdeckt über anonyme Drittinterventionen.
Müller: Diese Vermutung hätte ich auch nie gehabt. Aber, lieber Roger, wir arbeiten nun schon seit sieben Jahren gemeinsam im Stadtrat: Ist die Angst, Baden werde ein islamistisches Zentrum, aus Deiner Sicht aus unserer Zusammenarbeit ableitbar?
Huber: Ich will mich nicht zu Vorwürfen, von denen ich nicht mal die Absender kenne, äussern. Wie gesagt, das ist nicht der Stil, den wir pflegen.

Sie sind beide im letzten «Sonntag» Red und Antwort gestanden. Herr Huber, Sie liessen die Höhe Ihres Einkommens und Vermögens offen. Weshalb diese Geheimnistuerei?

Huber: Bei uns gilt immer noch das Steuergeheimnis, wovon ich gerne Gebrauch mache.

Kein Geheimnis sollte eigentlich sein, wie viel Sie persönlich für den Wahlkampf ausgegeben haben. Sie antworteten, Sie könnten das erst sagen, wenn die Schlussrechnung vorliege. Heisst das, dass Sie als Stadtammann zuerst Geld ausgeben und erst nachher schauen, was es gekostet hat?

Huber: Halt, das lass ich so nicht gelten. Der Wahlkampf kostet mehrere 10 000 Franken. Wie viel ich am Ende aus der Privatschatulle zahlen werde, hängt davon ab, wie viele Sponsorenbeiträge eingegangen sind. Deshalb kann ich diese Frage beim besten Willen erst dann beantworten.

Herr Huber, wir hätten Sie beide gerne nochmals zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Obwohl Sie mit «100 Prozent für Baden» werben, fanden Sie keinen freien Termin, um den Wählern Red und Antwort zu stehen.

Huber: Ich habe den Anspruch, dass ich das, was ich mache, hundertprozentig richtig mache. Für die kurzfristige Podiums-Anfrage habe ich leider tatsächlich keinen freien Termin mehr gefunden, weil ich wichtige Verbandssitzungen und berufliche Termine in dieser Woche hatte. Es wäre unprofessionell gewesen, wenn ich meine Gegenüber wegen einer solch kurzfristigen Anfrage hätte sitzen lassen.

Herr Müller. Sie haben betont, Sie würden als Nationalrat zurücktreten, wenn die Doppelbelastung zu gross würde. Taktisches Kalkül oder ein ehrliches Versprechen?

Müller: Ich wiederhole mich gerne. Ja, ich würde mein Amt in Bern ablegen.

Fakt ist aber – das beweisen nicht zuletzt die vielen Leserbriefe – dass Sie, Herr Müller, sehr polarisieren. Wäre es für Baden und den politischen Frieden nicht besser, wenn Roger Huber Stadtammann würde?

Müller: Wenn ich sehe, wie eine ganz kleine Gruppe die immer gleichen Themen heraufspielt, dann bin ich nicht der Meinung, dass ich polarisiere. Ich höre in Baden auf der Strasse auch viele andere Stimmen.

Apropos Stimmen: Herr Huber, wenn man sich in der Verwaltung und deren Umkreis umhört, werden Stimmen laut, die lieber nicht Sie als neuen Stadtammann hätten. Wie gehen Sie damit um?

Huber: Erstens kann man es nicht allen recht machen. Und zweitens spricht die Tatsache, dass verschiedene ehemalige Abteilungsleiter und Spitzenbeamte von der Stadt Baden in meinem Unterstützungskomitee sind und auch Zeugnis dafür ablegen, dass man mit mir gut zusammenarbeiten und ich gut zuhören kann, für sich – das muss ich nicht weiter kommentieren.

Herr Müller, Sie gelten als Befürworter der Verlagerung des motorisierten Individualverkehrs auf den öffentlichen Verkehr. Würde es unter Ihnen als Stadtammann nur noch Bus-Spuren und Velowege geben?

Müller: Heute ist die Situation so, dass der Handwerker nicht mehr ohne Stau in die Stadt kann. Hauptursache hierfür sind all jene Lenker, die mit ihrer Aktentasche mit dem Auto in die Stadt fahren.
Huber: Geri, auch ich bin für Umlagerung, aber nur dort, wo es Sinn macht. So habe ich mich als Stadtrat immer dafür eingesetzt, dass man das alte Nationalbahn-Trassee zwischen Mellingen und Wettingen für den öffentlichen Verkehr nutzen kann. Dieses Ziel muss weiterverfolgt werden. Das Problem ist im Moment aber, dass die SBB die Strecke wegen fehlender Kapazität am Heitersberg nicht freigeben. Deshalb muss sich die Stadt Baden zusammen mit der Region für eine Lösung am Heitersberg einsetzen.

Die Stadt Baden soll sich also eher für den Heitersberg- statt für einen Baldeggtunnel einsetzen?

Huber: Nein, das ist eine falsche Schlussfolgerung. Auch und trotz einer allfälligen Lösung am Heitersberg bleibt der Baldeggtunnel notwendig. Denn dieser Tunnel wird nicht nur die Region Baden-Wettingen, sondern auch die Region Brugg-Windisch entlasten. Voraussetzung für den Baldeggtunnel bildet für mich aber die gleichzeitige Anbindung im Süden, also an den Rohrdorferberg und ans Reusstal durch die entsprechenden Umfahrungen Fislisbach und Mellingen.
Müller: Einfach immer mehr Umfahrungen – etwa in Fislisbach – sind sicher nicht die Lösung. Das generiert nur noch mehr Verkehr. Eine andere Frage, Roger: Du sagst, man solle das Nationalbahn-Trassee für den öV benutzen. Wäre dann für Dich klar, dass der Verkehr auf der Mellingerstrasse reduziert würde?
Huber: Geri, das kann weder mit Ja noch mit Nein beantwortet werden. Das muss man dann anschauen, wenn es so weit ist. Aber sicher muss man dann mit dem Kanton dafür sorgen, dass die Bevölkerung entlastet wird.
Müller: Das ist eben das Problem: Eine Entlastung für die Bevölkerung kann es nur geben, wenn die Mellingerstrasse entlastet wird. Für mich ist völlig klar, dass die Mellingerstrasse eine Quartierstrasse werden muss. Denn wenn der öV von der Mellingerstrasse verschwindet, wird automatisch der Privatverkehr zunehmen. Wenn man regieren will, muss man auch regulieren.

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