Baden
Eines Tages wird es keine Grenzen mehr geben

Das Kurtheater koproduzierte mit «Gute Pässe Schlechte Pässe» das neue, starke Tanzstück von Helena Waldmann.

Elisabeth Feller
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Atemberaubende Artistik in Helena Waldmanns Tanzstück «Gute Pässe Schlechte Pässe» fesselt das Publikum immer wieder. zvg

Atemberaubende Artistik in Helena Waldmanns Tanzstück «Gute Pässe Schlechte Pässe» fesselt das Publikum immer wieder. zvg

Wonge Bergmann

Wagners Tannhäuser-Ouvertüre untermalt eingangs das Hissen einer Flagge. Diese flattert dann aber nicht im Wind, sondern «steht» in der Luft. Was für ein Anblick! Zumal dann, wenn diese Flagge kein Tuch, sondern ein Mensch ist.

Human Flag nennt sich die Übung. Aber nicht deren Schwierigkeitsgrad interessiert in «Gute Pässe Schlechte Pässe», sondern die Symbolik. Die Flagge als Zeichen für Zusammengehörigkeit und Frieden? Nicht in Helena Waldmanns neuem Tanzstück.

Wie schon in ihrer vorangegangenen, ebenfalls in Baden gezeigten Produktion «Made in Bangladesh» widmet sich die Tanzregisseurin erneut einem brennenden Thema: Ausgrenzung und Abweisung. Darüber könnte man viele Worte verlieren.

Man kann stattdessen aber auf Körpersprachen setzen, die für unterschiedliche Künste stehen: Artistik und Tanz. Die eine (Tanz) fühlt sich, da von der Gesellschaft privilegiert, wertvoller als die andere. Damit zieht Helena Waldmann eine Parallele zwischen den Besitzern «guter» und «schlechter Pässe». Wer einen «guten» sein Eigen nennt, kann ungehindert in weit über 100 Länder reisen; wer einen «schlechten» vorzeigt, wird abgewiesen.

Kommen sie sich näher?

Drei Artisten konkurrieren im Stück mit vier Tänzern, was sich zum Beispiel so anhört. «Rolle», sagt der Artist und überschlägt sich aus dem Stand nach hinten. «Rolle», entgegnet ihm der Tänzer – geht in die Hocke und gleitet sanft zur Seite. Artist und Tänzer verwenden also dasselbe Wort, verstehen dieses aber völlig unterschiedlich. Können sich die Künstler trotzdem näherkommen?

Der Artist versucht es, indem er dem Tänzer die Hand reicht, aber: Plötzlich befindet sich eine weisse Markierung auf dem Boden – fortan stehen sich zwei verfeindete Lager gegenüber. Die Tänzer bemalen ihre Gesichter blau, um sich abzugrenzen; die Artisten rennen vergeblich gegen die Grenze an, bis sie sich auf ein probates Mittel besinnen. Sie holen eine Leiter und überwinden mittels Luftakrobatik die Demarkationslinie. Doch dann wird ein Akrobat von einem Tänzer am Schopf gepackt, über den Boden geschleift und misshandelt. Der Gefolterte wird schliesslich zu den Artisten hinübergeworfen, wo sich eine Gruppe so formiert, dass sie an die Kreuzabnahme erinnert.

Dieses Bild mag plakativ wirken, doch es verfehlt seine Wirkung nicht. Überhaupt prägen sich viele Bilder ein, weil auch 20 (in der Region Baden gesuchte) Laiendarsteller als mobile, das Stückthema noch zuspitzende Mauerbauer agieren. Etwa, indem sie Aussagen wie «Ich bin vorbestraft» oder «Ich habe zwei Pässe» mit «Ja» (Aufstellung rechts) oder «Nein» (Aufstellung links) bestätigen. Wenn sich am Ende alle Mitwirkenden zur Gruppe zusammenschliessen, hört man eine Stimme: «Eines Tages wird es keine Grenzen mehr geben.» Wirklich?