Künten
«Einfach lustig und cool» - nach 35 Jahren verabschiedet sich Lehrer Rübezahl

Paul Schneider ist seit 1981 an der Dorfschule als Lehrer tätig. Am Freitag hat er seinen letzten Arbeitstag. Vieles hat sich in den Jahren verändert – nicht aber seine Langhaarfrisur.

Carla Stampfli
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Paul Schneider trifft auf seine ehemaligen und aktuellen Schüler: Silvia Kohler mit Tochter Pascale sowie Hanspeter Käppeli mit Tochter Nicole (v.l.).

Paul Schneider trifft auf seine ehemaligen und aktuellen Schüler: Silvia Kohler mit Tochter Pascale sowie Hanspeter Käppeli mit Tochter Nicole (v.l.).

Sandra Ardizzone

Es sind nicht etwa die verwaschenen Jeans, das T-Shirt mit den Fröschen drauf oder die Mokassins, die das Augenmerk auf Paul Schneider lenken. Vielmehr ist es seine volle Haarpracht, die dem Berggeist Rübezahl ähnelt. «Wegen dir bin ich Coiffeuse geworden», sagt Silvia Kohler, als sie im Schulhaus Künten ihren ehemaligen Sekundarstufenlehrer trifft. Bereits damals, sagt die 43-Jährige, habe er so viele Haare gehabt.

Auch Hanspeter Käppeli (43), der bei Schneider die dritte Primarschulklasse besuchte, erinnert sich an dessen aussergewöhnliche Frisur: «Zuvor hatten wir nur Lehrerinnen. Als eines Tages Paul mit seinen vollen Haaren vor uns stand, war das schon speziell.» Er sei einfach lustig und cool, fügen Käppelis Tochter Nicole und Kohlers Tochter Pascale hinzu.

«Meine Anstellung führte im Dorf fast zu einem Kulturschock»

Paul Schneider, 64-jährig, Vater zweier erwachsener Kinder, ist seit 35 Jahren in Künten als Lehrer tätig. Bis 2014 war er an der Sekundarschule und die letzten zwei Jahre auf der Mittelstufe tätig. Am Freitag hat er seinen letzten Arbeitstag.

Schneider blickt auf eine schöne und ereignisreiche Zeit zurück. «Meine Anstellung führte im Dorf fast zu einem Kulturschock», sagt er mit einem Lachen. Mit der Zeit hätten aber Bewohner und Kollegen gemerkt, dass es «ausser der Frisur auch noch andere Dinge gibt, die bei einem Lehrer wichtig sind».

Die Zusammenarbeit stärkte sich, das Einvernehmen wurde besser und besser. Heute sagt Schneider: «Ich bin nicht ohne Grund 35 Jahre lang hiergeblieben.» Neben der guten Zusammenarbeit ist es auch die Lage der Schule, die es ihm angetan hat: Auf einem Moränenhügel gebaut, blickt er von seinem Schulzimmer aus direkt aufs Reusstal und die Alpen.

Stets lässig und leger gekleidet

Nicht nur Schneider erinnert sich gerne an die vergangenen Jahre, sondern auch seine Schüler. «Paul war eine Institution», sagt Silvia Kohler. Schon nur optisch habe er sich von allen anderen Lehrern unterschieden: «Er war immer lässig und leger gekleidet, meistens in Latzhose.» Pascale horcht beim Stichwort Kleider auf und fragt: «Mama, trug er bei euch in der Klasse auch immer so lustige T-Shirts?» «Ja», sagt Kohler und lacht.

Vor allem das eine, fügt Hanspeter Käppeli hinzu, das einen Affen und den Spruch «Hurra Wochenende» zeigt, sei vielen in Erinnerung geblieben. Das Affen-Shirt trägt Schneider übrigens heute noch.

Auch an die gemeinsamen Ausflüge denkt Silvia Kohler mit Freude zurück. «Vor allem der Aufenthalt in Paris in der 4. Sek war toll. Dies, obwohl ich die Sprache nicht mag», sagt sie und schmunzelt. Doch weil Schneider «ein cooler Typ» sei, habe sich die Reise als schönes Erlebnis entpuppt. Pascale horcht erneut auf. «Herr Schneider, machen wir auch so eine Reise?», fragt sie und blickt zu ihrer Klassenkameradin Nicole. Die beiden schauen Schneider verheissungsvoll und mit grossen Augen an. Schneider lacht.

Dann muss er seine Schülerinnen enttäuschen. Nur mit den Oberstufenklassen, die vor dem Abschluss stehen, ginge er jeweils auf Reisen, sagt er. Die beiden 11-Jährigen machen ein enttäuschtes Gesicht, sind aber wenige Sekunden später wieder quietschfidel.

«Wenn ihr etwas sagt, dann müsst ihr es auch begründen können»

Ob sich viel verändert habe, wenn er die Zeit, als Kohler und Käppeli bei ihm zur Schule gingen, mit derjenigen von Pascale und Nicole vergleiche? «Ja», sagt Schneider. Sowohl das Verhalten als auch die Unterrichtweise hätten sich grundlegend verändert. Vor allem, seit die Schule Künten integrativ geführt werde. «Ein solches System, bei denen Schüler mit Lernschwierigkeiten die Regelklasse besuchen, erfordert andere Massstäbe.»

Obwohl sich das schulische Umfeld gewandelt hat, ist er seiner Linie treu geblieben: «Wichtig für mich ist, dass die Schüler keinen Tunnelblick haben. Sie sollen sich nicht in eine Idee verbeissen, sondern offen sein. Dadurch kommt Farbe ins Leben.» So habe er auch immer Wert aufs Begründen gelegt, fügt Silvia Kohler hinzu. Er habe ihnen eingetrichtert: «Wenn ihr etwas sagt, dann müsst ihr es auch begründen können». Die Klassenkameradinnen Pascale und Nicole kichern, und bestätigen kopfnickend.

Freude auf neue Lebensphase

Paul Schneider fällt es einerseits schwer, nach 35 Jahren die Schule Künten zu verlassen. Andererseits freut er sich auf die neue Lebensphase. «Jetzt kann ich meine Tage selber planen und Dingen nachgehen, für die ich zuvor wenig Zeit hatte», sagt er. Zum Beispiel mit seiner Frau zu einem freigewählten Zeitpunkt auf Reisen gehen, im Garten arbeiten, mit seinen beiden Grosskindern herumtollen oder handwerklich tätig sein. Ihm ist aber auch klar: «Mein Alltag wird sich erheblich ändern.»

Von heute auf morgen wird Schneider jedoch nicht zum Pensionär. «Schulleiterin Regula Meier-Rösti hat mich bereits angefragt, ob ich Stellvertretungen übernehmen könnte», sagt er mit einem Schmunzeln. Der Schule Künten bleibt ihr Lehrer mit gekraustem Haar und ausgefallenen T-Shirts erhalten – wenn auch nur noch teilweise.