Baden
Einkaufen ganz ohne Plastik: Sie wollen den ersten Aargauer «Unverpackt»-Laden eröffnen

Über 700 Kilogramm Abfall produziert jeder Mensch in der Schweiz pro Jahr. Unverpackt einzukaufen ist ein Trend, der dagegen ankämpft. Nun soll ein Unverpackt-Laden in Baden entstehen – der erste im Kanton Aargau.

Nadine Bunde
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Sophie Scaramuzza und Silja Buck vor ihrem Wunschlokal: das ehemalige Zero Zero.zvg

Sophie Scaramuzza und Silja Buck vor ihrem Wunschlokal: das ehemalige Zero Zero.zvg

Fast alles, was wir kaufen, ist in Plastik verpackt, sei es Käse, Fleisch oder der schnelle Salat über den Mittag. Früchte und Gemüse wird zum Wägen häufig separat in ein Säckli verpackt. Auf diese Weise produziert der durchschnittliche Schweizer jedes Jahr Unmengen von Abfall. 2015 lag die Menge pro Kopf bei über 730 Kilogramm. Die Schweiz liegt damit europaweit an zweiter Stelle.

Silja Buck beschloss, etwas dagegen zu unternehmen. Per Zufall ist die 38-Jährige im Internet auf einen sogenannten «Unverpackt-Laden» in Deutschland gestossen. «Diese Idee hat mich nicht mehr losgelassen», erinnert sie sich. «Ich fand, das macht wirklich Sinn. Ich wusste, das muss ich in Angriff nehmen.» Sie hat mit ihrer Geschäftskollegin Sophie Scaramuzza, 33 Jahre alt, die Website «ohne.ch» erstellt und plant nun, mit drei weiteren Kollegen Anfang August 2017 einen Unverpackt-Laden in Baden zu eröffnen. Es wird der erste im Kanton Aargau sein. Das Geld für den Laden will das «Ohne-Team» mittels Crowdfunding auftreiben. Die Aktion startete vergangenen Samstag.

Essen zum Abfüllen

«In erster Linie geht es bei uns darum, ohne Verpackungen einkaufen zu können», erläutert Buck. «Wir verzichten aber auch gänzlich auf Plastik in unserem Geschäft.» Im neuen Unverpackt-Laden werden alltägliche Lebensmittel wie Reis, Teigwaren, Öl oder Essig in Spender-Schöpfsystemen angeboten. Der Kunde füllt die Produkte in mitgebrachte Gefässe. Auch Honig, frisches Gemüse und Früchte will das Team verkaufen. «Wir wollen mit unseren frischen Produkten auch Grosshändlern wie Coop oder Migros entgegenwirken. Denn diese bieten ihre Bioware in Plastik an. Es ist eigentlich absurd.» Ergänzend zu den Esswaren soll es auch ein Non-Food-Sortiment geben. Dieses wird Artikel enthalten, die in den herkömmlichen Läden nur aus Plastik angeboten werden. So werden Zahnbürsten aus Bambus, aus Bienenwachs hergestellte «Klarsichtfolie» (Bee’s Wrap) oder Kinderspielzeug wie Holz-Legos im Laden zu finden sein.

«Plastik ist dreifach belastend»

«Wir wollen aufräumen mit dem Klischee vom Birkenstocksandalen-Träger, der auf diese Weise seine ‹Körnli› einkauft», sagt Buck. Ihre Kollegin Scaramuzza fügt an: «Oft haben Menschen Hemmungen, einen solchen Laden zu betreten. Bei uns soll aber jeder willkommen sein.» Es sei bitter nötig, dass man einen Input zum Umdenken gibt, findet Buck. «Plastik ist dreifach belastend. Erstens dauert es Hunderte von Jahren, bis der Kunststoff abgebaut ist. Zweitens ist es auch eine Belastung für unseren Körper: Es ist erwiesen, dass die Chemie der Plastikverpackungen auch in die Lebensmittel übergeht. Man isst das Plastik also mit. Und drittens ist es nicht gut für das Portemonnaie.» Dieses werde gleich doppelt belastet. Denn beim Einkauf zahlt man die Verpackung mit, und gleich nochmals, wenn man sie entsorgen muss.

Wunschlokal: Zero Zero

Das Konzept stellt die jungen Unternehmer jedoch vor einige Herausforderungen. So müssen die Silos, in denen die Nahrungsmittel angeboten werden, regelmäss geleert und gereinigt werden. Auch kommen aus hygienischer Sicht gewisse Produkte doch nicht ganz ohne Verpackung aus: Die Bambus-Zahnbürsten haben zum Beispiel um die Borsten einen Karton. «Allerdings ist unser System aus hygienischer Sicht völlig unbedenklich», sagt Buck.«Es ist ja nichts offen, alles wird in geschlossenen Schöpf-Systemen aufbewahrt, aus denen sich der Kunde dann bedienen kann. Man hat also vor dem Schöpfen keinen direkten Kontakt mit dem Produkt.» Ein Wunsch-Ladenlokal wurde schon gefunden: Der ehemalige Zero-Zero-Laden an der Stadtturmstrasse soll es werden. Unterschrieben wurde aber noch nichts, man sei in Verhandlung, sagt Buck.

«Manchmal ist es unmöglich»

Doch worin wird sich ein solcher Laden vom wöchentlichen Markt in Baden unterscheiden? «Auf dem Markt bekommt man hauptsächlich Frisches; bei uns kommt noch ganz viel anderes hinzu. Ausserdem kann man bei uns jeden Tag einkaufen.» Die Preise könne man sich durchaus leisten, auch als Familie. «Mit Grosshändlern wie Coop oder Migros können wir aber natürlich nicht konkurrieren.»

Sowohl Silja Buck wie auch Sophie Scaramuzza haben Kinder und versuchen, zu Hause möglichst umweltbewusst zu leben. Vieles stelle sie selber her, sagt Scaramuzza, zum Beispiel Brot, Pasta, Spätzli, Sausen und Bouillonpulver. Dies sei überhaupt nicht aufwendig und sogar noch günstiger. Päpstlicher als der Papst seien sie aber nicht, sagen die beiden und lachen. «Wenn es gar keine andere Möglichkeit gibt oder ich im Stress bin, kaufe ich auch mal einen Liter Milch im Tetrapack anstatt im Glas», gibt Buck zu.

Überwältigende Reaktionen

Ob der Laden wie geplant Anfang August eröffnet werden kann, hängt nun vom Erfolg des Crowdfundings ab. «Als wir die Facebook-Seite erstellt haben, waren die Reaktionen überwältigend», freut sich Buck. Innerhalb nur eines Tages hätten sie über 200 Follower gehabt, mittlerweile seien es knapp 600. «In Baden scheint durchaus der Bedarf für einen solchen Laden vorhanden zu sein», sagt auch Scaramuzza. «Manche möchten einfach ein paar Abfallmarken sparen, andere wollen sich gesund ernähren.» 45 000 Franken möchte das «Ohne-Team» mit dem Crowdfunding bis am 7. Mai sammeln. Für Spender winken diverse Goodies: Einkaufsgutscheine, verschiedene Startersets mit Taschen und Einmachgläser oder Salat- und Smoothie-Pässe. Speziell grosszügige Spender werden sogar einen ganzen Abend lang vom «Ohne-Team» verköstigt.