Baden
Einst war er zu nackt für prüde Badener

Der Sockel ist repariert, der «Flügelmensch» ist endlich wieder zurück auf dem Badener Bahnhofplatz

Klaus Streif
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Als würde er gleich mit den Vögeln weiterziehen – der «Flieger». Martina Wildis

Als würde er gleich mit den Vögeln weiterziehen – der «Flieger». Martina Wildis

Nach langer Abwesenheit steht er jetzt wieder auf dem unteren Bahnhofplatz in Baden: Der «Flieger» von Hans Trudel (1881–1958) – und zwar in seiner vollen Pracht, also splitternackt. Das war mitnichten immer so: Als der Badener Bildhauer diese von ihm schon in den Jahren 1925/1927 während eines Atelieraufenthalts in Rom geschaffene Figur 1929 auf Veranlassung des Verkehrsvereins auf einem hohen, aus Jurakalk-Quadern gemauerten Sockel auf den Theaterplatz gestellt hatte, löste dies einen Skandal erster Ordnung aus. Für die Mehrheit der damals noch sehr prüden Bevölkerung war die Zurschaustellung von (männlicher oder weiblicher) Nacktheit selbst in Form von Kunstwerken eine absolut unerträgliche Provokation. Dies zumal in einer öffentlichen, auch von vielen Kindern genutzten Grünanlage, zu welcher der Theaterplatz nach dem Abbruch des alten Stadttheaters geworden war. Nach längeren und heftigen Auseinandersetzungen sah sich Hans Trudel gegen seinen Willen gezwungen, die «Männlichkeit» der von ihm geschaffenen Skulptur mit einem Feigenblatt aus Bronze abzudecken.

Die Diskussionen über «Nacktkultur» und zum Thema «Nacktheit und Erziehung» müssen offenbar jahrelang geführt worden sein. Jedenfalls erhielt der Zeit seines Lebens mit materiellen Existenzproblemen kämpfende Künstler erst 1941 von der Stadt Baden auf seine mehrfachen Bitten hin ein Honorar für seine Skulptur. Bei der ersten Neugestaltung des Theaterplatzes im Jahr 1972 wurden der ursprüngliche Sockel von Trudels «Flieger» durch eine schlichte Betonröhre ersetzt und das Feigenblatt auf persönliche Anordnung des damaligen Stadtschreibers und späteren Regierungsrates Victor Rickenbach entfernt. Seither befindet es sich in sicherem Privatgewahrsam. Zu gegebener Zeit wird es, mitsamt einer entsprechenden Beschriftung, den ihm gebührenden Platz im Historischen Museum Baden erhalten.

An seinen jetzigen Standort kam Trudels «Flieger» erst im Jahr 2001 nach der Neugestaltung des Bahnhofplatzes und der Sanierung des Metro Shops. Weil aber sein seither viereckiger Betonsockel von einem rückwärts fahrenden Anlieferungslastwagen beschädigt worden war, kam die Figur vorübergehend zu einem längeren «Ferienaufenthalt» in einem Magazin des städtischen Werkhofs.

Übrigens: Der «Flieger» wird häufig als «Ikarus» bezeichnet. So unter anderem auch auf der offiziellen Website von Schweiz Tourismus (www.myswitzerland.com). Hans Trudel würde sich aber, so er denn davon erführe, vor Ärger mindestens dreimal in seinem Grab umdrehen. Denn er hatte sich zuvor zeichnerisch intensiv mit der Ikarus-Sage befasst. Fazit: Sein «Flieger» sollte nicht wegen der Verwendung fremder Federn oder anderer untauglicher Hilfsmittel abstürzen, sondern mit eigenen, direkt aus dem Körper heraus gewachsenen Flügeln abheben. Was notabene für die Mehrheit der damaligen Badener Bevölkerung ein weiterer – weil nicht schöpfungsgerechter – Stein des Anstosses war.

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