Im März 2009 tötete Daniel H. in Rieden bei Baden das Au-pair Lucie, weil er wieder zurück ins Gefängnis wollte. Ende Februar 2012 findet der Prozess gegen den Mörder vor dem Bezirksgericht Baden in Untersiggenthal statt. Vor diesem wichtigen Termin traf die az Aargauer Zeitung Lucies Eltern, Nicole und Roland Trezzini.

Herr und Frau Trezzini, warum sind Sie heute in den Aargau gekommen?

Roland Trezzini: Wir treffen uns mit unserem Anwalt und schauen uns den Prozesssaal in Untersiggenthal an. Wir wollten sichergehen, dass es dort keine Überraschungen gibt. Die Pflegeeltern von Lucie sind auch dabei.

Wie geht es Ihnen heute?

Nicole Trezzini: Wir sind müde, aber weiterhin entschlossen. Seit drei Jahren warten wir auf den Prozess. Als das Datum für die Verhandlung auskam, traf uns die Realität wieder. Das ist schwere Kost.

Roland Trezzini: Es ist eine Art Rückkehr in die Vergangenheit, man denkt an damals zurück. Man macht sich wieder mehr Gedanken. Man schläft schlechter. Auch die Emotionen machen müde. Wir sind aber zufrieden, dass die Justiz vorwärtsmacht.

Vorschau auf den Prozess des Mörders von Lucie Trezzini

Vorschau auf den Prozess des Mörders von Lucie Trezzini

Wie leben Sie ohne Ihre Tochter Lucie?

Nicole Trezzini: Man lebt damit. Man funktioniert irgendwie. Aber der Fakt, dass Lucie weg ist, ist immer da. Doch das Leben nimmt wieder überhand.

Roland Trezzini: Man vergisst es nie, aber man versucht die besten Erinnerungen von Lucie zu behalten und damit gut zu leben, mit anderen Personen zusammen. Die schmerzhaften Dinge werden mehrheitlich in den Hintergrund verschoben.

Nicole Trezzini: Die Erinnerungen an Lucie kommen immer wieder hoch. Das stört das Alltagsleben und macht es schwieriger.

Kann man noch von einem normalen Leben sprechen, wenn die eigene Tochter tot ist?

Roland Trezzini: Nein, man kann eigentlich nicht normal leben. Jetzt kommt es ja wieder hoch: Man wird einen Mörder richten, der unsere Tochter umgebracht hat, unter tragischen Umständen. Da gibt es Bilder, die immer wieder zurückkommen. Das ist sehr schmerzhaft.

Wie gehen Sie mit diesen Umständen um?

Nicole Trezzini: Unsere einzige Chance zum Überleben ist, indem man damit lebt. Das Leben wird anders gestaltet. Wir hatten ja keine Wahl, wir mussten unser Leben umstellen.

Roland Trezzini: Wir sind nicht die ersten Betroffenen, andere müssen auch Prüfungen über sich ergehen lassen. Und man versucht einfach, das Beste daraus zu machen.

Nicole Trezzini: Die Menschen, die noch nie so ein Drama erlebt haben, fragen sich: ‹Wie überlebt man das?› Das habe ich mich früher auch gefragt. Man versteht das nicht. Aber es geht. Das Leben ist stärker. Wir haben noch zwei Kinder. Das Leben ist trotz allem noch schön.

Was lässt Sie weiterhin stark bleiben?

Roland Trezzini: Das Leben ist trotz allem stärker. Man kann sich auch wieder über gewisse Dinge freuen. Aber dieser Prozess zieht uns einfach zurück ins Vergangene, und das ist schwierig.

Nicole Trezzini: Der Tod von Lucie ist so absurd. Wir leben weiter für Lucie und auch für unsere anderen Kinder. Aber wir haben ein Ziel. Es muss sich etwas ändern. Ziel ist es, dass durch Lucies Geschichte Änderungen entstehen, die die Gesellschaft und Gesetze beeinflussen. So eine Tragödie hat Gewicht.

Roland Trezzini: Wir haben eine Motivation, die uns immer wieder aufrafft. Wir sagen uns: ‹Lucies Tod soll nicht vergebens gewesen sein.› Wir hoffen nun, dass andere Delinquenten in Zukunft richtig bestraft werden.

Was erwarten Sie vom Prozess?

Roland Trezzini: Er muss eingesperrt und verwahrt werden. Das hätten die Strafbehörden schon viel früher entscheiden müssen, wenn man seine Gefährlichkeit und seine psychiatrische Krankheit betrachtet. Wir wünschen uns, dass er nie mehr rauskommt. Dass er niemandem mehr etwas Schlimmes antun kann. Sein Zustand erlaubt es nicht, ihn erneut in die Gesellschaft zu integrieren.

Hat sich der Täter jemals bei Ihnen gemeldet und sich entschuldigt?

Roland Trezzini: Wir wissen nicht, ob er sich entschuldigt hat. Er hat uns einen Brief geschrieben, den unser Anwalt in seinem Dossier aufbewahrt. Ich fühle mich derzeit aber nicht in der Lage, diesen zu lesen. Ich kann nicht sagen, ob ich diesen je lesen werde. Denn bis jetzt ist mir nicht klar, ob Daniel H. wirklich krank ist und was seine Beweggründe waren. Aber sein genanntes Motiv, dass er ins Gefängnis zurückkehren wolle, ist so absurd. Man muss doch niemanden töten, um ins Gefängnis zurückzukönnen. Ich weiss nichts von ihm. Zurzeit interessiert mich das auch nicht.

Nicole Trezzini: Dass wir nichts von ihm wissen, wird wohl auch das Schwierigste sein beim Prozess. Denn für mich ist es, wie wenn er nicht existieren würde. Trotz allem ist er aber ein menschliches Wesen, das am Prozess teilnehmen wird. Das wird extrem hart.

Was würden Sie dem Täter sagen, jetzt oder nach dem Prozess?

Roland Trezzini: Jetzt würde ich ihm nichts sagen.

Nicole Trezzini: Ich auch nicht. Aber vielleicht beim Prozess. Ich mache nun Schritt für Schritt, und wenn ich ihn sehe, oder nach dem Prozess, kann ich vielleicht etwas sagen. Ich wünsche ihm aber, dass er therapiert wird. Dass sich die Gesellschaft seiner annimmt und dass er nie mehr auf freien Fuss gesetzt wird. Wir sind überzeugt, dass er, aber auch die Bevölkerung, geschützt werden muss.

Daniel H. soll also für sein restliches Leben verwahrt werden?

Roland Trezzini: Vor einigen Jahren mussten wir darüber abstimmen, ob man solche Straftäter für immer einsperrt. Ich stimmte damals dafür und heute bin ich natürlich noch mehr davon überzeugt. Vielleicht sollten sich einmal alle Personen, die gegen solche Massnahmen sind, vorstellen, wie es wäre, wenn jemand in ihrer Familie von ihnen weggerissen wird. Ich frage mich, ob sie dann noch zustimmen würden, dass man solche Delinquenten zu einem späteren Zeitpunkt wieder frei rumlaufen lässt.

Nicole Trezzini: Die Zwangseinweisung bedeutet für mich Therapie. Er ist auch ein menschliches Wesen. Bei uns wurde die Todesstrafe abgeschafft und ich will sie nicht wieder einführen. Aber es braucht Institutionen, die es solchen Menschen erlaubt, weiterzuleben.

Roland Trezzini: Nach ihren Delikten müssen diese Delinquenten schliesslich auch eine Strafe absitzen. Aber danach dürfen sie nicht einfach wieder raus. Dazu müssen sie zwar nicht in einem Gefängnis bleiben, aber wenigstens in einer ihnen gebührenden Anstalt. Sie müssen einfach eingesperrt bleiben.

Was wird sich für Sie ändern, wenn das alles vorbei ist?

Roland Trezzini: Der erste Prozess Ende Februar ist nur eine Etappe. Danach kommt ja noch die zweite Verhandlung (gegen die Aargauer Behörden, Anm. d. Red.). Erst nach dieser ist alles vorbei. Doch wann diese stattfindet, wissen wir noch nicht.

Lastet auch der zweite anstehende Prozess schwer?

Roland Trezzini: Ja, wir müssen wissen, was damals genau passiert ist. Wir brauchen Antworten auf unsere Fragen. Je länger das alles geht, desto weniger können wir unseren Trauerprozess abschliessen.

Was möchten Sie mit dem zweiten Prozess gegen die Aargauer Behörden erreichen?

Nicole Trezzini: Wir wollen, dass die Fakten anerkannt werden.

Roland Trezzini: Dass man zugibt, Fehler gemacht zu haben. Wir wollen keine Personen direkt anklagen. Das übernimmt das Gericht, das müssen wir nicht tun. Wenn man die Fehler nun anerkennt, muss man sie korrigieren und dafür sorgen, dass sie nicht mehr passieren.

Nicole Trezzini: Wir haben so viel recherchiert und sind nun überzeugt, dass Lucie unter den damaligen Umständen nicht hätte sterben müssen. Wenn der Staat nun zugibt, dass Fehler gemacht wurden, dann scheint Lucies Tod weniger absurd.

Was wünschen Sie sich für Ihr zukünftiges Leben?

Nicole Trezzini: Von Tag zu Tag leben. Das habe ich gelernt. Es kann so schnell etwas passieren und das ganze Leben wird auf den Kopf gestellt. Ich versuche daher, von Tag zu Tag zu leben.

Roland Trezzini: Für mich ist jeder Tag wichtig. Und jede Person, die man tagtäglich antrifft, ist genauso wichtig.