Das Arbeiterhäuschen an der Rebbergstrasse, in dem die Märchenerzählerin und Malerin Marie-Christine Thury seit 33 Jahren lebt, erinnert mit seinen vielen kleinen Zimmern etwas an eine Puppenstube. Überall hängen Werke von ihr. Im Atelier der kreativen 72-Jährigen stapeln sich die Exponate, die Thury an ihrer Ausstellung «West – Ost» im Gemeindehaus Ennetbaden zeigen will. Den Titel hat sie gewählt, weil sie Motive aus der Natur sowohl in westlicher als auch in asiatischer Maltechnik zeigt. Mohnblumen, Iris oder Bambus malt sie einmal in leuchtendem Acryl oder zartem Aquarell, dann in feinster japanischer Tuschtechnik, die punkto Druck und Führung des Pinsels allergrösste Präzision und langjährige Erfahrung braucht.

An den Wänden hängt ein ganzes Arsenal von Pinseln für die verschiedenen Malstile. Vom Blick aus dem Fenster auf die Lägern bekommt die Ennetbadenerin nie genug. Sie ist inspiriert von Claude Monet, der oftmals das gleiche Motiv zu allen möglichen Tages- und Jahreszeiten malte. Auch sie hat «ihren Hausberg» aus verschiedensten Perspektiven und in jeder Saison festgehalten: Birken mit kleinen goldenen Blättern im Spätherbst, mystische Novemberstimmungen, blühende Frühlingssträucher. «Ich kann mit meiner Staffelei stunden- und tagelang an derselben Stelle sitzen und entdecke direkt vor meiner Nase immer wieder neue Sujets», erzählt Thury.

Wer ihre Ausstellung im Ennetbadener Gemeindehaus besucht, wird nicht nur die grossen Unterschiede zwischen östlicher und westlicher Malästhetik kennenlernen, sondern auch die Liebe und Leidenschaft spüren, die in jedem Exponat der Künstlerin steckt. Marie-Christine Thury ist genau wie ihr Gatte Marc voller Inspiration und Lebensfreude. So passioniert wie sie malt, kocht er und probiert mit Hingabe neue Rezepte aus. Die ehemalige Primarlehrerin, die unter anderem zehn Jahre in Ennetbaden unterrichtete, ist aber nicht nur Malerin mit zahlreichen Ausbildungen an Kunstgewerbeschulen und bei namhaften Lehrern; 1980 gründete sie mit Margrit Aemmer die Puppentheaterbühne Pao-Pao, mit der sie bis 2009 durch die Region tourte. Die Figuren zu den Stücken stellte sie selber her, so detailliert und liebevoll, wie sie alles im Leben angeht. Vier Saisons lang spielte sie zudem bei Röbi Egloffs «Theater in Baden» mit. «Bis es mir körperlich zu streng wurde», gesteht sie und lacht.

Marie-Christine Thury kann gut loslassen, denn es gibt ja noch so viele andere spannende Projekte. Im ersten Jahr nach ihrer Pensionierung startete sie mit ihrer Ausbildung zur professionellen Märchenerzählerin. Seither gibt sie im Café Littéraire Aarau mit ihrem leicht singenden Berner Patrizierdeutsch jeden dritten Donnerstag im Monat Märchen für Erwachsene zum Besten. Auch für die sechs Enkel von ihren beiden Töchtern hat sie jederzeit «es Gschichtli» parat. «Die schönste Zeit ist für mich aber, wenn ich malen kann», gesteht Thury und wird dann spirituell: «Die Natur ist mein Lehrer. Wir haben dreizehn Obstbäume im Garten. Wenn ich im Herbst die Äpfel ablese, sehe ich daneben die Knospen vom nächsten Jahr. Sie zeigen mir: Das Ende gibts nicht – es geht immer weiter.»

Ausstellung «West – Ost»: Die Malereien von Marie-Christine Thury im Gemeindehaus an der Grendelstrasse 9 in Ennetbaden können seit heute und noch bis zum 20. August besichtigt werden. Öffnungszeiten: Mo, 8 bis 11.30 und 13.30 bis 18 Uhr; Di bis Do, 8 bis 11.30 und 13.30 bis 16.30 Uhr; Fr, 8 bis 11.30 und 13.30 bis 16 Uhr.