Epidemie
1921, ein lausiges Jahr: Als die Reblausplage die Ennetbadener Rebberge befiel – und diese massiv schrumpften

Vor genau hundert Jahren, 1921, befiel die Reblaus die Ennetbadener Rebberge – mit dauerhafter Wirkung.

Urs Tremp
Drucken
Teilen
Blick auf die Ennetbadener Reben in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts: sichtbare Veränderungen.

Blick auf die Ennetbadener Reben in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts: sichtbare Veränderungen.

zvg

Es war absehbar, dass die Verheerung auch die hiesigen Rebberge erreichen würde. Die Frage war nur: Wann? Und würde es bis dahin ein Mittel geben, die Rebstöcke wirkungsvoll zu schützen? Als die Reblaus (Phylloxera) 1874 erstmals in der Schweiz (Genf) nachgewiesen wurde, war man noch kaum darauf vorbereitet gewesen. Um die Jahrhundertwende aber waren die Wissenschaft (man war dem komplexen Entwicklungskreislauf des Insekts auf die Spur gekommen), die chemische Industrie und vor allem die Politik so weit fortgeschritten und organisiert, dass eine national und international koordinierte Reblausbekämpfung bestand, die immerhin verhinderte, dass sich die Verseuchung der Rebberge in horrendem Tempo und mit entsprechenden Schadenfolgen ausbreiten konnte.

So sprach man bereits nicht mehr von Reblauskatastrophe wie in Frankreich, wo das Insekt im 19. Jahrhundert riesigen Schaden angerichtet hatte (gegen 2 Millionen Hektaren Rebfläche wurden vernichtet), sondern nur noch von einer Reblausplage, als die Epidemie die Deutschschweiz (Kanton Aargau und Ennetbaden erstmals 1905) und schliesslich 1921 in einer zweiten, massiveren Welle die Ennetbadener Rebberge erreichte. Das Jahr 1921 gilt gemeinhin als Wendejahr im Ennetbadener Weinbau. Die Rebberge präsentierten sich danach anders als zuvor. Vor allem wurde die Anbaufläche nach dem Reblausjahr 1905 noch einmal – und diesmal massiv – reduziert.

Im Jahr 1921 waren in Ennetbaden 42 Rebgrundstücke von rund drei Dutzend Besitzern vom Reblausbefall betroffen. Die Rebstöcke mussten ausgerissen und vernichtet werden. Zwar wusste man inzwischen, dass die Pfropfung europäischer Reben auf reblausresistente amerikanische Unterlagen ein wirkungsvolles Mittel im Kampf gegen den Schädling ist. Und auch in Ennetbaden waren sogenannte Rebenversuchsfelder eingerichtet worden, auf denen die Reben unter kantonaler Aufsicht und mit staatlicher finanzieller Unterstützung auf amerikanische Unterlagen gepfropft wurden. Doch viele Rebbauern mochten die Mühe eines Neuanfangs nicht auf sich nehmen. Sie liessen die Rebberge verganden, stellten um auf Obstbau oder machten sie zu Wies- und Bauland.

Ennetbadener Rebfläche schrumpft um einen Drittel

In Ennetbaden schrumpfte die Rebfläche bis 1928 auf noch 18 Hektaren. 1882 waren es 60 Hektaren gewesen, fast ein Drittel des gesamten Gemeindegebiets.

Rebberg am Geissberg Ennetbaden, Teleaufnahme von der Ruine Stein aus (1958).

Rebberg am Geissberg Ennetbaden, Teleaufnahme von der Ruine Stein aus (1958).



Historisches Museum Baden, Werner Nefflen, Q.01.10006b

Tatsächlich hat die in den 1860er-Jahren aus Amerika nach Europa eingeschleppte Reblaus hierzulande nachhaltig Landschaftsgeschichte geschrieben. Allein im Aargau reduzierte sich die Weinbaufläche auf 330 Hektaren. Insgesamt 43 Hektaren Rebland wurden in unserem Kanton in Folge der Reblausseuchen von 1905 und 1921 gerodet.

Die Bekämpfung der Reblaus war ein frühes Beispiel international verknüpfter Krisenpolitik. Die Schweiz spielte dabei eine wichtige Rolle. Bereits 1877 hatte der Bundesrat nach Lausanne zu einem internationalen Phylloxerakongress geladen. Die Reblaus war zu dieser Zeit in fünf mittel- und südeuropäischen Ländern aufgetreten. An 15 Sitzungstagen wurden über 200 Fragen erörtert.

Gemeinsames Vorgehen mit anderen Ländern

Schliesslich wurden mehrere Resolutionen verabschiedet, die u.a. den internationalen Informationsaustausch und eine Regelung des Handels mit Rebmaterial forderten. Nur ein Jahr später kam es in Bern zum Abschluss eines Vertrags zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft, dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, der Französischen Republik und Portugal über ein gemeinsames Vorgehen, «um dem Fortschreiten der Landplage in den von derselben betroffenen Ländern Einhalt zu tun und die bis jetzt verschonten Gebiete vor derselben zu bewahren».

Es dauerte allerdings einige Zeit, bis man ein probates Mittel fand, das half, die Ausbreitung der Reblaus einzudämmen. In den ersten Jahren der Reblausbekämpfung versprach einzig die Vernichtung der Rebstöcke samt der Rebläuse Erfolg. In Genf wurden einige der gerodeten Rebberge zudem mit einem Abfallprodukt aus dem Genfer Gaswerk – einem mit Schwefel, Ammoniak und Teer angereicherten Kalk – desinfiziert. Andernorts wurden Rebparzellen mit einer insektiziden Kalium-Schwefelkarbonat-Lösung getränkt.

Der Kanton Genf gab für diese Massnahmen (inkl. der Entschädigungen für die Rebbauern) zwischen 1874 und 1876 über 80'000 Franken aus. Doch Entwarnung konnte keine gegeben werden. Zwar breitete sich die Reblaus in der Schweiz nicht so schnell aus wie in Frankreich. Aber sie breitete sich aus. Nach dem Kanton Genf traf es den Kanton Neuenburg. Bis der Schädling die Deutschschweiz erreichen würde, war nur noch eine Frage der Zeit. Als es 1905 so weit war, schrieb der aargauische Regierungsrat:

«Die schon seit Jahren befürchtete Invasion der Reblaus in unsere Rebgelände ist im laufenden Jahr zur Tatsache geworden.»

Dass der Staat bei der Bekämpfung der Reblaus rigoros durchgriff («Das Problem ist von vitalem Interesse») kam nicht überall gut an. Viele Rebbauern misstrauten den Akademikern, die an den Hochschulen und den Landwirtschaftlichen Versuchsanstalten nach Lösungen für das Reblausproblem suchten. Friedrich Mühlberg, Naturwissenschafter, Lehrer an der Kantonsschule Aarau und vom Regierungsrat schon in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts beauftragt, sich mit der «eigentümlichen Erkrankung unserer Reben» zu befassen, meinte nach Abschluss seiner Untersuchungen etwas resigniert, dass «ein grosser Teil der Menschen, was die notwendigen Erkenntnisse betrifft, nur körperlich im Zeitalter der Naturwissenschaften lebt, in geistiger Beziehung aber noch ganz dem Mittelalter verfallen ist oder selbst noch im grauen Altertum drin steckt».

Reblaus nicht allein schuld an Rebberg-Schrumpfung

Die Reblaus war zwar ein grosses Problem für die Weinbauern. Doch ihr allein die Schuld zu geben an der Weinbaukrise zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wäre zu einfach. Dass die Rebfläche derart massiv schrumpfte, hatte weitere Ursachen. Als direkte Folge der Reblauskrankheit kann höchstens die Trotzreaktion jener Rebbauern angesehen werden, welche die staatlich organisierte Reblausbekämpfung als ungebührlichen Eingriff empfanden. Zwar hatten die damals noch ausschliesslich männlichen Stimmbürger 1906 dem Gesetz zur Bekämpfung der Reblaus zugestimmt (18'783 Ja zu 14'541 Nein). Widerstand dagegen war aber just von vielen Rebbauern gekommen. Im Bezirk Baden schaffte das Gesetz nur eine knappe Ja-Mehrheit (2211 zu 2107).

Veränderungen im Rebbau und in der Weinwirtschaft hatten sich schon vor der Reblausplage angekündigt. Nicht nur das aus Amerika importierte Insekt machte den hiesigen Weinbauern zu Beginn des 20. Jahrhunderts Sorgen, sondern auch die Pilzerkrankungen Mehltau und falscher Mehltau. Dazu kamen in den ersten zwanzig Jahren des Jahrhunderts etliche und zum Teil aufeinanderfolgende witterungsmässig schlechte Jahre mit entsprechend geringem Ertrag.

Weinbauern werden zu Industriearbeitern

Für manche Weinbauern – gerade in der Region Baden mit dem prosperierenden Unternehmen Brown, Boveri & Cie. – wurde eine Anstellung in der Industrie zur wirtschaftlich attraktiveren Perspektive. Der industrielle Aufschwung wiederum zog neue Arbeitskräfte an, die Gemeinden in umittelbarer Nähe zu Baden wuchsen. Wer sein Rebland zu Bauland machen konnte, verkaufte Grund und Boden. Zonenordnungen gab es noch keine. Ennetbaden wurde so von der Weinbau- zur Wohngemeinde. Im Bezirk Brugg hingegen, wo es die Alternative Industrie kaum gab, reduzierte sich die Weinbaufläche (Remigen, Villigen) wesentlich geringer als in Wettingen und Ennetbaden. Um nachhaltiger produzieren zu können, gründete man dort aber Weinbaugenossenschaften.

Auch die ausländische Konkurrenz wurde für die Schweizer Weinbauern zunehmend zur Belastung. Die Internationalisierung des Handels und der Ausbau der Verkehrswege (Eisenbahn) machten französische und italienische Weine in unserem Land konkurrenzfähig. Die Menge an getrunkenem Wein ging in der Schweiz ab 1900 zwar kontinuierlich zurück, der Konsum ausländischer Weine aber stieg stetig an. Im Jahr 1913 betrug die Menge von importiertem Wein 1'670’147 Hektoliter. Für die Schweizer Rebbauern eine fatale Entwicklung.

In Ennetbaden wurde der Rebbau immerhin nie ganz aufgegeben. Heute beträgt die Rebfläche 9,5 Hektaren. Die Reblaus ist längst keine Gefahr mehr, auch wenn sie nie ganz unschädlich gemacht werden konnte. Vor hundert Jahren freilich fürchteten die Rebbauern sich zu Recht vor dem heimtückischen Insekt. «Wo die Reblaus nicht bekämpft wird, macht sie umgehend Fortschritte und richtet unendlichen Schaden an», appellierte Kommissionspräsident Pfister bei der Beratung des Gesetzes zur Bekämpfung des Schädlings im Aargauer Grossen Rat. Zum Bild von Ennetbadens Landschaft jedenfalls hat das Insekt vor hundert Jahren seinen Beitrag geleistet.

Aktuelle Nachrichten