Fislisbach
Er brachte die Briefe zu «Schnauz-Martin» und «Sterngugger»

Sein Leben lang brachte Anton Amrein Briefe nach Hause – jetzt wird der 63-Jährige pensioniert. Im Gespräch erzählt er über parfümierte Liebesbriefe und Kinder im Briefanhänger.

Tabea Baumgartner
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Noch einmal sortiert Anton Amrein die zu verteilende Post.

Noch einmal sortiert Anton Amrein die zu verteilende Post.

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Das Tor der Poststelle Fislisbach öffnet sich, ein gelber Elektroroller fährt hinein. Klitschnass der Töff, klitschnass der Fahrer. Anton Amrein nickt. «So sieht es aus, wenn es draussen regnet.» Er ist Pöstler, seit 47 Jahren.

Sein ganzes Berufsleben hat er bei der Post verbracht. «Ich habe meine Arbeit nie als ‹Chrampf› empfunden. Ich habe es immer gerne gemacht.» Heute hat der 63-Jährige seinen letzten Arbeitstag.

Als Amrein sich Anfang 70er-Jahren bei der Poststelle Fislisbach bewarb, «da wusste ich nicht einmal, wo Fislisbach liegt. Ich wollte einfach weg von der Sihlpost.» Fislisbach sei «ein Bauerndorf» gewesen, berichtet Amrein, der aus Merenschwand kommt.

«Damals musste man noch die Namen der Leute kennen – die Häuser waren nicht der Reihe nach nummeriert.» Um die vielen gleichnamigen Personen unterscheiden zu können, wurde unter Pöstlern mit Übernamen gearbeitet.

«Da gab’s den Schnauz-Martin, den Sterngugger. Eine Familie hiess ‹Säuli›, und einer, ein Wettstein, hiess Spaghetti. Dessen Mutter hatte wohl Spaghetti gekocht», erzählt Amrein. «Heute sind diese Namen wieder verschwunden.»

Als Amrein zur Post kam, musste die Ankunft des Pöstlers bei manch einem Nervenkitzeln verursacht haben. «Die gelben, roten und blauen Briefe gibts heute nicht mehr», sagt Amrein.

Kind in einem Postanhänger
4 Bilder
Im Postanhänger nimmt Antom Amrein eines seiner Kinder mit auf die Tour
Anton Amrein belädt seinen Postanhänger
Der 20-jährige Amrein

Kind in einem Postanhänger

zvg

Unterwegs zu Fuss und mit dem Velo

In seiner Stimme liegt keine Wehmut, dennoch hat die Erinnerung etwas Entzückendes. «Manchmal waren sie parfümiert, die Liebesbriefe» sagt er, mit geheimnisvollem Unterton. «Damals freuten sich die Leute auf die Briefe, vor allem die Jungen.»

Er habe schöne Briefe und Rechnungen vertragen, «nicht so ‹Güsel› wie heute. Jetzt verteilen wir vor allem Drucksachen und Werbung.» Zu Fuss oder mit dem Velo habe er die Häuser in aufgesucht, später mit dem Töff.

Im Sommer nahm er abwechslungsweise eines seiner zwei Kinder mit – sie sassen im Anhänger zwischen den Paketen. «Das wäre heute undenkbar. Da würde die Polizei aufkreuzen.»

Briefkästen gab es noch keine. Entweder habe man die Briefe in der Türe eingeworfen oder in die Wohnung gelegt. «Manchmal gab es einen Kaffee. Heute sieht man viele Leute kaum noch.» Den älteren Menschen im Dorf überbrachte er einmal pro Monat die AHV-Rente. «Da bin ich manchmal mit 40 000 Franken im Sack losgezogen.»

«Ich wollte eine Arbeit tun, wo ich meine Zeit selber einteilen kann, wo mir niemand ständig dreinredet», sagt Amrein zu seiner Berufswahl. Bis vor sechs Jahren hatte er keine fixen Arbeitszeiten, sondern konnte sich selber einteilen, wie speditiv er seine Arbeit erledigen wollte.

Post aus den Säcken

«Heute werden wir kontrolliert, sodass wir 42 Stunden pro Woche da sind.» Hingegen sei er dankbar über die technischen Neuerungen. «Früher erhielten wir die Briefe in grossen Säcken.

Da standen wir um halb sechs in der Filiale, mussten die Säcke leeren und die Briefe nach Tour sortieren. Heute werden sie sortiert in Kisten geliefert», erzählt er.

Anton Amrein sei mit «Herz und Seele» Pöstler gewesen, sagt der Teamleiter Daniel Strebel – ein Vorzeigemitarbeiter, den sie auf der Poststelle Fislisbach vermissen werden. Und Amrein, wird er auch in Zukunft um fünf Uhr morgens auf den Beinen stehen?

«Wohl nur im Winter zum Schneeschaufeln», sagt Amrein. «Und bei schönem Wetter, da werde ich es sicher ab und zu vermissen, auf die Tour zu gehen.»

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