Toni Meier restauriert seit über 40 Jahren Kutschen und Pferdegeschirr. In der eigenen Carrosserie-Firma in Oberrohrdorf hat er auch sein Kutschenmuseum eingerichtet. Von der "Viktoria" ist er besonders angetan.
Wo vor 119 Jahren Kaiser Wilhelm II. und Fürst Wilhelm zu Wied sassen, hat es sich nun Toni Meier gemütlich gemacht: in der Kutsche Viktoria à la Daumont. «Jetzt fehlt nur noch der Zylinderhut, dann sieht es aus, als stamme ich aus dem 19. Jahrhundert», sagt Meier und lacht. Und tatsächlich: Nichts deutet darauf hin, dass die «Viktoria», wie der 74-Jährige seine Lieblingskutsche nennt, den Zweiten Weltkrieg in einer Scheune hinter Stroh versteckt überdauert hatte und dabei unter Pilz- sowie Wurmbefall litt. Meier steigt schwungvoll aus der Kutsche, zupft Hosenbein und Hemd zurecht, dann sagt er stolz: «Anhand der ‹Viktoria› sieht man das ganze Können, das wir uns in all den Jahren angeeignet haben.»
Toni Meier, gelernter Autolackierer und Inhaber einer Carrosserie-Firma, widmet sich seit über 40 Jahren der Restauration von Kutschen- und Pferdegeschirr – in seiner Freizeit wohlbemerkt. Zu sagen, die Handwerkskunst sei nur der «Viktoria» anzusehen, wäre zu bescheiden. Auch alle anderen Fuhrwerke, die in seinem Kutschenmuseum in Oberrohrdorf zu sehen sind, zeugen von Fleiss und Hingabe. Jedes Exponat ist bis ins Detail gepflegt: von den Fuhrwerksfedern über die Handräder, zum Farbanstrich bis hin zu den Leuchten und den Stoffen. Ebenso minuziös hergerichtet ist die Sammlung von Pferdegeschirr, Bildern und Accessoires. Wer sich in den Ausstellungsräumen umschaut, merkt sofort, wie viel Energie dahinter steckt. «Toni ist mit Kopf, Herz und Hand dabei. Er legt eine unglaubliche Leidenschaft an den Tag», sagt Arthur Brühlmeier. Und Walter Bräm fügt hinzu: «Er hat den Kopf voller Ideen. Manchmal weiss er gar nicht, wo er anfangen soll.»
Keine Zeit für negative Gedanken
Während Toni Meier im Ausstellungsraum über vergangene Zeiten spricht, gehen Freunde wie Bräm und Brühlmeier ein und aus. Sie bringen Dokumente vorbei, bitten ihn um einen Ratschlag oder sagen einfach kurz Hallo. Auch wenn er das Pensionsalter längst überschritten hat: Toni Meier ist gefragt. «Ausser der gemütlichen Kaffeerunde am Morgen werde ich herumgehetzt wie weiss nicht was», sagt er und lacht. Für ihn ist das kaum ein Problem: «So habe ich gar keine Zeit, mir negative Gedanken zu machen.»
Den Grundstein für das Museum, das er seit 1997 führt, legte Toni Meier, als er sich nach der Lehre mit 21 Jahren selbstständig machte. Dafür kaufte er das Land an der Steigstrasse in Oberrohrdorf seinen Eltern und Nachbarn ab. Nachdem er einige Jahre Carrosserie-, Spenglerei- und Malerarbeiten durchführte sowie mit Pneus handelte, begann er zu reiten. «Aus Freude an den Pferden», sagt Meier rückblickend. Dabei hat er auch das Kutschenfahren erlernt. Als er knapp 30-jährig eine zweiwöchige private Fahrschule in Deutschland besuchte, entfachte in ihm das Feuer: «Fürs Fahren war neben Kutsche auch Pferdegeschirr notwendig. Weil das Geld dafür knapp war, sammelte ich unrestaurierte Kutschen und Geschirre. Dann machte ich sie mit viel Arbeit fahrtauglich.» Als seine Carrosserie-Firma in den 1970er-Jahren auf zehn Mitarbeiter angewachsen war, begann er, Pferdegeschirr sowie Kutschen für Kunden instand zu setzen und zu verkaufen. «Die Schönsten behielt ich aber stets für mich», sagt Toni Meier und schmunzelt. Ausser den Sattler- und Schmiedearbeiten führten er und seine Helfer – «ohne sie geht gar nichts» – sämtliche Arbeiten durch. Sie restaurierten jeweils nach Arbeitsschluss bis tief in die Nacht.
Fürst schrieb ins Gästebuch
Wie viel er für seine Fuhrwerke bezahlte, sagt er nicht. Und überhaupt über Privates möchte er sich nicht äussern. Nur so viel: «Für unsere ersten Kutschen mussten wir sehr hart arbeiten. Wir suchten aber immer den preisgünstigsten Weg, um an Originale zu kommen», sagt Meier. Heute zählt seine Sammlung fast 20 Kutschen, die meisten wurden zwischen 1880 und 1900 gebaut. Alle Exemplare stammen aus der Schweiz – mit Ausnahme der «Viktoria». Diese hat er vor 25 Jahren beim mittlerweile verstorbenen Fürsten Carl zu Wied in der Nähe von Koblenz erworben. «Es ist eine Auszeichnung für ‹unsere› Kutsche, dass sie in Ihre Obhut gekommen ist», schrieb der Fürst in das Gästebuch, als er und seine Gattin 2007 bei Meier zu Besuch waren.
Letztmals eine Kutsche gekauft hat Meier im Jahr 2005. Fertig ist sein Lebenswerk deswegen nicht. Zurzeit ist er daran, eine Dokumentation über seine Sammlung zu schreiben. «250 Seiten wird sie lang», sagt Toni Meier mit einem Schmunzeln. Er blättert durch den Ordner, in den er alte Fotos, Bilder, Beschreibungen und historische Belege gelegt hat. Just für das 20-Jahr-Jubiläum des Museums im Herbst 2017 will er die Dokumentation parat haben. «Ich werde sie drucken lassen. Was ich mit den Exemplaren danach vorhabe, verrate ich noch nicht», sagt er. Die Ideen gehen Toni Meier nie aus.