Baden
Er ist der neue Diakon beim Christlichen Sozialwerk «Hope»

Vor zwei Monaten hat Stephan Grossenbacher seine Arbeit als Leiter der Sozialarbeit beim Christlichen Sozialwerk Hope aufgenommen. Eine neue Herausforderung, die ihn beschäftigt: Unterkünfte für Obdachlose lassen sich nicht immer finden.

Erna Lang-Jonsdottir
Drucken
Teilen
Diakon Stephan Grossenbacher ist Leiter Sozialarbeit beim «Hope» und Gassenarbeiter ad interim. Erna Lang

Diakon Stephan Grossenbacher ist Leiter Sozialarbeit beim «Hope» und Gassenarbeiter ad interim. Erna Lang

Erna Lang-Jonsdottir

Mit Hut und blauer Jacke ist der Zürcher in Baden unterwegs: Vor zwei Monaten hat Stephan Grossenbacher seine Arbeit als Leiter der Sozialarbeit beim Christlichen Sozialwerk Hope aufgenommen.

Gleichzeitig ist er zum ersten Mal in seinem Leben beruflich auf der Gasse unterwegs.

Eine Herausforderung, die ihn bereichert, aber auch beschäftigt: Unterkünfte für Obdachlose lassen sich nicht immer finden.

Herr Grossenbacher, Sie waren 22 Jahre lang Pfarrer. Nun sind Sie als Diakon auch auf der Gasse. Wurden Sie ins kalte Wasser geworfen?

Stephan Grossenbacher: Das kann man so nicht sagen. Ich war zwar noch nie berufsmässig auf der Gasse, habe jedoch während meiner Amtszeit als Pfarrer Menschen auf der Strasse besucht. Ich höre gerne Menschen und helfe wenn immer möglich. Meine Hauptaufgabe beim «Hope» ist aber primär die Sozialarbeit und nicht die Gassenarbeit. Sobald wir einen neuen Gassenarbeiter gefunden haben, werde ich meine Runden in Baden reduzieren.

Der bisherige Gassenarbeiter Sandro Ardu war plötzlich weg.

Über die Gründe kann ich keine Auskunft geben. Bei meinem Stellenantritt habe ich Sandro Ardu nur zwei Mal kurz getroffen. Er hatte seine Stelle gekündigt.

Eine Umstellung für die Gassenleute, wie haben sie auf Sie reagiert?

Entscheidend ist, wie man auf Menschen zugeht. Die Gasse ist ein Revier, das seine eigenen Regeln hat. In jedem Revier gibt es Gastgeber, welche die Szene prägen. Als Gassenarbeiter muss man sich dort zurecht finden. Ich bin quasi der Besucher und passe mich an, versuche ein guter Gast zu sein.

Gassenleute können in der Regel nicht viel mit der Kirche anfangen. Wird Ihnen das beim Zurechtfinden nicht zum Verhängnis?

Das Vertrauen der Gassenleute zu gewinnen, braucht Zeit und Geduld. Ich bin kein Pfarrer mehr, und ein Diakon muss nicht zwingend von einer Kirche angestellt sein. Als ich den Gassenleuten erzählt habe, dass ich als Pfarrer tätig war, wurde ich trotzdem in eine Schublade gesteckt. Ich kann es aber verstehen, dass sie vorsichtig und skeptisch sind. Pfarrer und Kirche sind Reizwörter.

Inwiefern?

Ich habe es schon erlebt, dass Menschen von der Kirche enttäuscht wurden. Neulich erzählte mir eine Frau, sie sei als Kind von einem Pfarrer geschlagen worden. Es könne nicht sein, dass die Kirche von der Liebe predige und ein Pfarrer dann ein Kind schlage, sagte sie.

Selber haben Sie erst kürzlich Ihre Arbeit als Pfarrer gekündigt.

Ich habe gekündigt, weil ich mich nach über 20 Jahren neu orientieren wollte. Es hat sich in den vergangenen drei Jahren in meiner Arbeit wenig bewegt – ich will etwas bewegen. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, im sozialen Bereich etwas zu suchen.

Die Suche hat Sie nach Baden geführt. Gefällt es Ihnen hier?

Baden hat mich überrascht. Dass es in der Nähe von Zürich eine so schöne Altstadt gibt, wusste ich nicht.

Gibt es Probleme im Schatten dieser Schönheit?

Der Winter ist da, es ist kalt. Derzeit suchen wir Schlafstellen für Obdachlose. Im Gegensatz zu Zürich gibt es hier keine Notschlafstelle.

Müssen Sie Menschen abweisen?

Ja, leider – wir finden nicht immer für jeden eine Unterkunft.

Kann «Hope» nichts dagegen tun?

Das «Hope» allein nicht. Es ist ein Notstand, den mehrere Organisationen zusammen mit der Stadt angehen müssten.

Aktuelle Nachrichten