Es ist eng beim Interview im Büro hinter dem Ladenraum des Chäsegge Baden. Ein riesiges Kühlgerät nimmt enorm viel Platz ein und brummt laut. Dieses Ungetüm war Marcel Durizzos erste grosse Investition, als er den Laden an der Weiten Gasse 6 übernahm. «Am 1. Januar 2011 feierte ich Eröffnung und wusste: Jetzt hab ich zwar keinen Franken mehr in der Tasche. Dafür einen neuen Kühler, um meinen Spezialkäse aus Frankreich zu lagern», erzählt der Geschäftsinhaber in breitem «Baseldytsch».

Der Chäsegge gehört zu den wenigen noch existierenden Spezialitätengeschäften, die dem allgemeinen Lädelisterben seit Jahrzehnten die Stirn bieten. In den letzten sieben Jahren vor allem dank Durizzos Engagement. Er kennt viele guten Käsereien im In- und Ausland, sucht seine mittlerweile über 220 Käsesorten mit Bedacht aus. Und nimmt sich vor allem Zeit für seine Klientel, die in aller Ruhe degustieren kann. Kundinnen und Kunden stehen Schlange beim «Chäsegge». Der Patron kann sich deshalb nur am Montag Zeit für das Gespräch mit der Journalistin Zeit nehmen. Dann ist der Laden zu. Trotzdem steht er wie immer seit 5 Uhr morgens auf den Beinen und hat seine täglichen Auslieferungen von Käse- und Milchprodukten an Restaurants, öffentliche Institutionen und Privatkunden im ganzen Aargau gemacht.

Konditor war ihm zu langweilig

Es sei ein Wagnis gewesen, den «Chäsegge» vor acht Jahren zu übernehmen, gesteht er. Vorgänger Franz Bürgi, der altershalber aufhörte, habe lange nach einem Nachfolger gesucht. «Ich war in einem Partyservice in Zürich tätig, als ich sein Inserat in der Zeitung sah und mir dachte: Warum nicht? Ich schaute mir das Geschäft an. Es war Liebe auf den ersten Blick.» Die ersten drei Monate gestalteten sich zäh und schwierig. «Aber dann ging es eigentlich nur noch aufwärts», erzählt Durizzo und strahlt. Auffällig an ihm ist seine stetige Fröhlichkeit. Und das sei nicht nur Schein: «Ich bin Optimist. Alles andere bringt nichts. Ich habe schliesslich nur ein Leben. Und das will ich geniessen», meint der 53-Jährige. Er erzählt gerne von seiner Kindheit in Baselland. Der Vater war Konditor, die Mutter Hausfrau, zwei Geschwister. Krisen? Fehlanzeige. Nicht eine einzige. Krank sei er seit dem 16. Lebensjahr nie mehr gewesen.

Konditor wollte Marcel Durizzo werden, wie sein Papa. Doch nach Lehrabschluss wurde es im langweilig. «Jedes Jahr Osterhasen im Frühling und Brunsli zu Weihnachten herzustellen, verleidete mir schnell.» Er schloss eine zweite Lehre zum Koch an. Dann liess er sich zum Diätkoch ausbilden. «Ich dachte, es wäre spannend, in einem Spital zu arbeiten», meint er. Als er die Auswahl hatte, entweder in einem Krankenhaus eine Stelle anzunehmen oder auf den Malediven als Küchenchef einen Schweizer Hotelkomplex mitaufzubauen, war sein Entscheid aber schnell gefasst. Zwei Jahre verbrachte er auf dem Inselparadies. Doch im fehlten die Jahreszeiten. «Ich erinnere mich an einen Novembertag. Ich kam im T-Shirt aus den Malediven in die Schweiz, und es schneite. Ich war richtig happy, wieder einmal zu spüren, wie sich Kälte anfühlt.»

So zog es ihn wieder in die Heimat. Ohne feste Pläne. Er nahm Aushilfsstellen an und lebte bei den Eltern in Rodersdorf. Dann lernte er einen Schweizer kennen, der einen Allrounder für seine Gästefarm in Namibia suchte. «Ich wusste nicht genau, was mich erwartet. Aber es klang spannend. Ich sagte zu.» Durizzos Unbekümmertheit und Abenteuerlust, mit der er von einer Lebensphase in die nächste ging, ist bewundernswert. Es erstaunt kein bisschen, wenn er berichtet, dass er nach Namibia durch Mittel- und Südamerika bis zu den Osterinseln trampte. Und dort sogar Kevin Costner kennen lernte, der gerade einen Film drehte. Zurück in der Schweiz wurde er Küchenchef beim Bahnhofbuffet Basel, machte eine Weiterbildung zum Gastronomiechef. Dann kam der Partyservice und schliesslich der «Chäsegge».

Obwohl alles wie ein Spaziergang klingt, war es für den Weltenbummler immer selbstverständlich, hart zu arbeiten. Materielle Ansprüche hat er kaum. «Ein Paar Hosen reicht mir völlig. Wenn es kaputt ist, kaufe ich wieder neue», lagt Durizzo mit einem Schmunzeln. Beim Käse fühle er sich jetzt angekommen. Neben dem «Chäsegge» in Baden führt er noch die Chäs-Hütte in Birmenstorf. Dort steht seine Freundin Merlyn hinter dem Verkaufstresen. Die Philippinin wohnt seit 35 Jahren in der Schweiz und ist verwitwet. «Wir sind beide Frohnaturen und lieben die Arbeit. Es harmoniert einfach zwischen uns. Ohne grosse Worte», schwärmt Durizzo. Alle zwei Wochen bekommt er eine neue Lieferung. Viele Spezialitäten stammen aus kleinen Käsereien, die er jeweils vor Ort besucht. Aber auch er muss ab und zu einige Stücke vakuumieren. Denn für seinen Käse ist er mittlerweile auf der ganzen Welt bekannt: «Kürzlich haben Leute aus Australien und Kanada bei mir eingekauft. Und einmal pro Jahr muss ich eine Lieferung für eine Familie in Papua-Neuguinea machen. Die liebt meinen alten Gruyère ganz besonders.»