Wettingen

Er ist Flüchtling aus Afghanistan und eine Ausnahme – denn dank «Treffpunkt» ist er bald Maler

Der 19-jährige Flüchtling Zahedullah Ayazi aus Afghanistan beginnt im August eine Malerlehre in Dättwil. Chris Iseli

Der 19-jährige Flüchtling Zahedullah Ayazi aus Afghanistan beginnt im August eine Malerlehre in Dättwil. Chris Iseli

Dank des Vereins Treffpunkt kann der 19-jährige Afghane Zahedullah Ayazi eine Lehre als Maler beginnen.

Der 19-jährige Zahedullah Ayazi hat es geschafft: Der Flüchtling aus Afghanistan darf im August eine Lehre als Maler beginnen und gehört damit laut Kanton zu den ganz wenigen Ausnahmen im Aargau. Und dies, obwohl er lediglich Status N hat. Sprich: Sein Asylverfahren ist noch nicht abgeschlossen. Ob er in der Schweiz bleiben kann, ist ungewiss.

Vor anderthalb Jahren flüchtete Ayazi vor den Taliban und dem Islamischen Staat in die Schweiz. Innert kürzester Zeit lernte er Deutsch – alles auf Eigeninitiative dank kostenlosen Angeboten von Freiwilligen. Fast jeden Tag besucht er einen Kurs: am Dienstag im «Kafi Royal», am Mittwoch bei «Contact Nussbaumen» und am Donnerstag in der Migros Klubschule, Letzteres dank finanzieller Unterstützung. Am Freitagmorgen hat er einen Kurs in Niederlenz, wo er heute wohnt, und am Nachmittag nach dem Beten in der Neuenhofer Moschee nimmt er weitere Lektionen in der Stadtbibliothek Baden. «Ich lebe jetzt hier, also muss ich Deutsch lernen», sagt Ayazi. «Und ich will etwas machen, nicht einfach herumsitzen.»

Nur am Montag geht er es etwas ruhiger an in der Villa Fluck in Wettingen, wo der Verein Treffpunkt zum gemütlichen Beisammensein lädt. Dort traf er auf Ruth Anner. Sie ist Gründungsmitglied des Wettinger Vereins, der den Alltag für die Asylsuchenden in der Region erleichtern möchte und Deutschkurse anbietet. Die pensionierte Berufsberaterin unterstützt mit einer Vereinskollegin Flüchtlinge auf ihrem Weg in die Arbeitswelt, so auch Ayazi. In der Umgebung Baden sind noch weitere Personen in diesem Bereich freiwillig tätig, die untereinander Informationen austauschen.

Deutschkurse selber organisieren

Wenn Flüchtlinge Ruth Anner oder ihre Kollegin im «Kafi Treffpunkt» ansprechen, machen die beiden einen Termin mit ihnen ab, um die nächsten Schritte zu besprechen. Die Aufgabe der 66-Jährigen ist keine einfache. «Der Wille ist da, aber es gibt so viele Hindernisse.» Da wäre zuerst die Sprachbarriere. Zwar bietet der Kanton Deutschkurse an, seit November vergangenen Jahres sind aber keine Neuanmeldungen mehr möglich. «Glücklicherweise gibt es in der Region viele Angebote von Freiwilligen», sagt Anner. Doch: Die Asylsuchenden müssen sich diese Kurse selber organisieren. «Wer introvertiert und scheu ist, verpasst diese Chance.»

Für eine Lehre sind auch gute Mathematikkenntnisse nötig, woran es aber vielen Flüchtlingen fehlt. Freiwillige unterrichten deshalb für «Treffpunkt» unterdessen auch Mathe. Zu den Schülern gehört auch Zahedulla Ayazi. Ein weiteres Hindernis für die Flüchtlinge ist das fehlende Wissen, wo man sich welche Informationen beschaffen kann, welche Firmen überhaupt Lehrstellen anbieten, welcher Bus an den Arbeitsort fährt oder welche Umgangsformen in der Schweiz üblich sind.

Bis die Asylsuchenden auf dem Niveau sind, sich für eine Lehrstelle zu bewerben, dauert es entsprechend. «Auch wenn viele noch weit davon entfernt sind, ist es wichtig, dass sie sich mit unserer Arbeitswelt auseinandersetzen, sie kennen lernen», sagt Anner. «Das gibt den Flüchtlingen eine Perspektive und ein Ziel, auf das sie Schritt für Schritt hinarbeiten können.» Das Wichtigste an ihrer Arbeit sei aber, dass sie als Menschen wahrgenommen werden. «So blühen viele auf und zeigen erst, was sie überhaupt können.»

Erfüllen die Flüchtlinge die Anforderungen für eine Lehre, versuchen Anner und ihre Kollegin, eine Lehrstelle zu finden. Zwar dürfen Flüchtlinge drei Monate nach Einreichung des Asylgesuchs grundsätzlich arbeiten, aber dennoch gibt es auch hier Hindernisse: Es gilt den Inländervorrang, und es gibt einen gewissen administrativen Aufwand für die Lehrbetriebe, da es eine Bewilligung des Kantons braucht. Meist vermittelt Anner zuerst eine Schnupperlehre oder ein Praktikum. «So können sich Arbeitgeber und Flüchtling unverbindlich kennen lernen.»

Mit drei Stunden Schlaf zur Arbeit

Seit seiner Gründung vor etwas mehr als einem Jahr konnte der Verein drei Flüchtlinge vermitteln. «Zahedullah Ayazi ist unser Starbeispiel», sagt Anner. «Er ist ehrgeizig, zäh und sehr gmögig.» Nach mehreren Gesprächen vermittelte sie ihm eine Schnupperlehre als Strassenbauer. Der Chef war begeistert von Ayazi und wollte ihn als Lehrling anstellen. Doch dazu kam es nicht. Die Firma wollte, dass er den «Basic Check» macht. Dieser Eignungstest bezieht sich aber auf das Schulwissen der Oberstufe in der Schweiz, die Ayzi aber nie besuchte.

Nach der zweiten einwöchigen Schnupperlehre als Maler bei der Meier Schmocker AG in Dättwil hatte Ayazi mehr Glück. Die Firma bot ihm kurzerhand ein sechsmonatiges Praktikum an. «Er überzeugte uns sofort mit seiner Motivation, seinem Talent und seinem Willen, zu lernen», sagt Simon Schmocker, Lehrlingsausbildner und angehender Malermeister. Zwar gäbe es kulturelle Unterschiede, doch die könne man mit guter Kommunikation überwinden. Im August startet der junge Afghane im Betrieb nun eine Lehre als Maler. Doch dies musste sich Ayazi hart erkämpfen.

Zu Beginn des Praktikums wohnte er in der Asylunterkunft in Rekingen. «Das war eine sehr schwierige Zeit für mich», sagt Ayazi. «Ich teilte mit sieben anderen einen Raum. Sie waren jeden Abend bis zwei Uhr wach. Ich aber musste um fünf Uhr bereits wieder aufstehen.» Auch einen ruhigen Raum, um Deutsch zu lernen, gab es nicht. Doch er biss auf die Zähne und gab auch mit wenig Schlaf jeden Tag sein Bestes. Und das hat sich gelohnt. «Ich freue mich sehr darauf, die Lehre im August zu beginnen», sagt er in flüssigem Deutsch. «Mir gefällt es bei Meier Schmocker sehr gut, die Leute sind sehr nett.»

Dank des Netzwerkes Asyl wohnt Ayazi heute in einer Wohnung in Niederlenz, die er sich mit einem anderen Asylbewerber teilt. Dort kann er nun auch in Ruhe lernen. «Ich hoffe jetzt auf die Bewilligung, damit ich in der Schweiz bleiben und die Lehre abschliessen kann.» Denn würde sein Antrag abgelehnt, müsste er laut Gesetz das Land verlassen – und somit auch seine Lehre abbrechen.

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