Er kommt zum Gesprächstermin direkt vom Erdbeerfeld. Und leuchtet fast wie eine Erdbeere. «Ja, die Sonne, man sollte sich besser schützen», sagt Rolf Knöpfel einsichtig und mit seinem steten, gewinnenden Lächeln. Doch bei der Arbeit als Disponent und Kassier auf dem Erdbeerfeld von Ueli Lüscher in Wettingen nehme man das Wetter, wie es kommt.

«Ich hatte die sieben Wochen zuvor auf Sardinien bereits schönes Wetter», fährt der ehemalige Elektroingenieur fort. Dort strampelte er auf dem Rennvelo als Tour-Guide beim Reisebüro Bici Aktivferien satte 2400 Kilometer ab. «Nach vielen Jahren Büroarbeit habe ich dadurch andere Lebensgefühle erhalten», erklärt er.

Der Wettinger, der sich als Brödlirat im Dienste der Spanischbrödlizunft für die Badener Festfreude engagiert, will das Leben von seiner schönen Seite angehen. «Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit», sagt Knöpfel.

Vor zwei Jahren fasste er mit 60 den Entschluss, sich vorzeitig pensionieren zu lassen. «Ich spürte den Drang, etwas Neues anzupacken.» Mit 65 Jahren müde in Pension gehen und dann die Zeit mit dem Giessen des Gartens, auf dem Liegestuhl oder vor dem Fernseher zu verbringen, das konnte er sich nicht vorstellen.

Er rechnete die finanziellen Möglichkeiten zusammen mit seiner Frau, die seit Kurzem auch pensioniert ist, und fällte den Entscheid. «Unsere drei Kinder sind selbstständig geworden, somit fallen etwa diejenigen Kosten weg, die nun auf der Einnahmenseite fehlen», sagt der Ingenieur mit buchhalterischem Kalkül.

«Solange wir uns keinen Ferrari kaufen, wird unser Einkommen reichen», erklärt er und ergänzt lachend: «Cervelat bräteln mit den Kindern ist ebenso toll, wie im Nobelrestaurant einkehren.»

Etwas Abenteuerlust ist dabei

Für ihn bedeutete der Schritt der Frühpensionierung eine neue Lebenserfahrung, wie er sie in der Vergangenheit öfters gesucht habe. Man dürfe auch mal umfallen, «aber du darfst nicht liegen bleiben», sagt Knöpfel.

Die Abenteuerlust habe ihm die Zeit bei der Pfadi mitgegeben. Sein Kollege Walter Hugentobler habe ihn angesteckt. Zusammen bereisten sie mit einem alten Saurer-Bus sogar die Vereinigten Staaten.

Knöpfel selber war ebenfalls als Chauffeur bei Twerenbold und Kontiki-Reisen tätig. Nach dem Studium an der ETH war er als junger Elektro-Ingenieur für die BBC einige Zeit in Saudi-Arabien, in den Emiraten und Ägypten tätig. «Ich habe viel Geld verdient, wenig gebraucht und zehre heute noch von diesen Reserven», sagt er. «Ich möchte niemandem zur Last fallen, finanziell schon gar nicht.»

Den ehemaligen Mittelstreckenläufer, Handballer und Schiedsrichter führte es dann in geordnete Bahnen. Er gründete mit seiner Kanti-Liebe Brigitta eine Familie. Der Berufsweg ging via ABB und NOK (Leiter Energie- und Netzleitstelle im Kommandoraum in Baden) zur Axpo. Zum Abschluss war er als Gesamtprojektleiter verantwortlich für den Neubau der Hochspannungsschaltanlage für das neue Pumpspeicherwerk Linthal 2015.

«Ich würde vieles wieder tun»

«Ich liebte meinen Beruf, und ich würde vieles wieder genau gleich tun», sagt Knöpfel, ohne Hadern. Immer wieder lockte es ihn zu neuen Herausforderungen. Das war auch an allen Badenfahrten mit dem Quartierverein Limmat rechts der Fall. «Die lebensfrohe Stadt mitgestalten, Feste feiern und Freundschaften pflegen», das gehöre heute noch zu seinen Bedürfnissen.

Mit seiner Unternehmungslust habe er sich aber auch schon zu weit hinausgelehnt, fährt er fort und erzählt von der Tour de Suisse 2013. Als begeisterter Velofahrer, der mehrmals mit Kollegen das «Alpenbrevet» abstrampelte, wollte er einmal nah am Renngeschehen sein.

Durch die Bekanntschaft mit dem heutigen Tourdirektor Olivier Senn hatte er sich als junger Pensionär für das Auf- und Abbau-Team des Start-Sektors gemeldet. «Inmitten eines Teams von Eisenlegern und andern starken Männern war ich körperlich überfordert», sagt Knöpfel, als würde er den Muskelkater heute noch spüren.

Nach 30 Jahren im Büro sei es trotz seiner Fitness zuviel gewesen. «Einmal, aber nie mehr», habe er gesagt und sich durch die neun Tour-Tage gekämpft. Auch die Wochen als Rennvelo-Guide seien kein Schleck, sagt er, ganz nach dem Motto «was mich nicht umhaut, macht mich stark».

Es sind die Lebenserfahrungen, die ihn interessieren. «Mich drängt es einfach zu neuen Erlebnissen, wenn auch auf völlig andern Spielfeldern», umschreibt Rolf Knöpfel seine Lebensphilosophie. Nächste Pläne sind schon geschmiedet: «Als Swiss Olympic Volunteer, das würde mich noch reizen.»

Wer das Leben auch von der schönen Seite angehen wolle, müsse aber selber etwas daraus machen, lautet seine Devise. Für Rolf Knöpfel und seine Frau gehören die gemeinsamen Reisen mit dem Töff ebenso dazu wie die Ferien im Tessin und das Zusammensein mit Freunden.

An Herausforderungen und Abenteuer wird es auch in Zukunft nicht fehlen. Knöpfel: «Man kann im Leben jedoch nicht alles haben. Die Rolling Stones singen es immer noch: You can’t get always what you want, but if you try, try and try, you might get what you need.» (Man kann nicht immer bekommen, was man will, aber wenn man es versucht, könnte man bekommen, was man braucht.)