Ab heute hat Felix Kuster zwei Wochen Ferien. Aber er fliegt nicht etwa in die Karibik, um ins salzige Blau des Ozeans zu tauchen. Nein, er steigt hinab in den Keller seines Hauses und taucht ein in die süsse Köstlichkeit edler Kuvertüren. Statt zwischen Palmen im weissen Sand zu faulenzen, steht Kuster inmitten von geheimnisvollen Töpfen und mit edlen Schnäpsen gefüllten Flaschen an einem glänzenden Chromstahltisch und frönt seinem Hobby: Er stellt edelste Liqueur-Truffes her.

Faszination Farben und Formen

Felix Kuster und seine Frau Ruth wohnen in einem hübschen Einfamilienhaus-Quartier am Hang über dem Dorfkern von Freienwil. Dort erwartet er uns in seinem Hobby-Outfit. Genau betrachtet sind die poppig weiss-schwarz-rot gemusterten Hosen und das weisse T-Shirt die Arbeitskleidung von professionellen Confiseur-Konditoren.

Diesen Beruf hatte der 48-Jährige denn auch einst drei Jahre lang gelernt, in Wettingen, wo er aufgewachsen war. «Mit Lebensmitteln zu arbeiten sowie das Zusammenspiel von Farben, Formen und Kreativität hatten mich fasziniert.»

In der Confiserie «Al Porto» an der Landstrasse, der heutigen «Freya», war er der erste Lehrling von Geschäftsführer Hans-Jörg Ernst, der Jahre später den «Himmel» in Baden übernahm. «Im Unterschied zu den anderen Lehrlingen in meiner Klasse an der Berufsschule, habe ich sehr viele Schokoladeprodukte herstellen können.»

Nach der Lehre wollte Kuster raus aus der Küche und unter Leute, blieb im Aussendienst den Lebensmitteln aber vorerst treu. Eines Tages jedoch stellte seine Leidenschaft für Musik die Weichen anders. «Seit meiner Jugend spiele ich Schlagzeug. Das Meiste habe ich mir selber beigebracht, aber auch ein paar Stunden bei Chris von Hoffmann – dem ehemaligen Drummer von Pepe Lienhard – genommen.»

Bis 2011 hatte Kuster in der Blues-Band «Mr. Lucky» gespielt, die zurzeit dabei ist, sich neu zu formieren. «Animiert von diesem Hobby habe ich anfangs der 90er Jahre in die Musikbranche gewechselt. In der Schweizer Niederlassung einer Firma für Mischpulte und Klangverbesserungssysteme war ich Geschäftsführer.»

Doch auch das war für Felix Kuster längst nicht Endstation. Schliesslich und endlich ist da auch noch seine Faszination für Computer und Grafik und so stieg er 2002 als Webdesigner ins Marketing ein und machte sich auf diesem Gebiet selbstständig.

«Meine Frau Ruth, die als Servicefachangestellte im ‚Hirschen’ Kirchdorf arbeitet, sagte damals ‹wenn du das machen willst, musst du es tun›. Es war für uns zwei eine Feuertaufe.» Sie wurde mit Bravour bestanden. Mit seiner Firma «fashionweb» ist Kuster zu seinen Wurzeln nach Wettingen zurückgekehrt. Auf seiner Geschäfts-Visitenkarte bezeichnet er sich als «chief after my wife».

Daheim, in der Chocolatier-Küche im Keller, ist er oberster Chef und Ruth steht ihm in der Administration, beim Finish und Verpacken der Pralinen sehr aktiv zur Seite. Schliesslich ist «Choc’n’Roll» inzwischen ein blühendes Unternehmen, in welches das Ehepaar Kuster 75 Prozent seiner Freizeit investiert. «Wir produzieren Truffes jedoch nur von September bis Anfang Mai – in den Sommermonaten haben wir dann richtig freie Freizeit.»

Champagner-Truffes statt Guetzli

Angefangen hatte das Ganze vor fünf Jahren. Da Ruth Kuster mit Backen nichts am Hut hat, war Felix stets zuständig für die Weihnachtsguetzli. «Zur Abwechslung machte ich 2008 auch ein paar Champagner-Truffes.

Das hatte in unserer Küche zwar ein mega Ghetto zur Folge, weil ich ja mit den Geräten extrem improvisieren musste. Aber bei unseren Verwandten und Freunden kamen die Pralinen total gut an.» Die Anfrage, ob er nicht vielleicht mehr davon machen könnte, stiess nicht auf taube Ohren. Im Gegenteil – sie war der Beginn einer grossen Leidenschaft.

Die Beschaffung der nötigen Geräte und Rohprodukte erwies sich als sehr schwierig – abgesehen von den beachtlichen finanziellen Investitionen. «Natürlich waren mir die Hersteller bekannt, aber als ich bei diesem und jenem Hersteller anklopfte, hiess es zunächst einmal ‹was, Kuster aus Freienwil, was bist denn du für einer?›»

Mit Hartnäckigkeit und Beziehungen schaffte Felix es, sich im Keller sein kleines, aber optimal eingerichtetes «Choc’n’Roll»-Reich zu schaffen. «Der Name hängt einerseits mit meinem zweiten Hobby, der Musik, zusammen, andererseits damit, dass ich die allermeisten Truffes beim Fertigstellen von Hand rolle.» Nur ganz wenige der Köstlichkeiten werden in einer Form gegossen.

Dass der Chocolatier Süssigkeiten liebt – «Cremes, Mousses, Halbgefrorenes, Glacé; besonders mit Früchten und Vanille» – hinterlässt deutliche Spuren rund um Kusters Taille. Er nimmt’s gelassen, setzt regelmässig Zigaretten zur Kalorien-Abwehr ein und bekennt strahlend: «Ich bin aber auch ein Fleischtiger und ein Teller Spaghetti Bolognese macht mich besonders glücklich.»

Kuster ist ein lockerer Typ mit Ringen in den Ohren. Er serviert einen Kaffee im Glas, bevor es hinunter geht ins blitzblanke, süsse Paradies. Ein zarter Hauch von Schoggiduft liegt hier in der Luft. Stolz zeigt Kuster auf die Eimer mit den Grand Cru Couverturen aus Edelcacao: «Sie werden direkt importiert von drei unabhängigen Kakaobauern in Venezuela.»

Zwölf Sorten Weihnachts-Truffes

In einem anderen Gestell reihen sich Flaschen mit edelsten Schnäpsen aneinander – Marc de Champagne, Apricotine aus dem Wallis, Vielle Prune aus der Region, Baileys, Whiskey, Eierlikör. In einer wunderbar duftenden kleinen Wanne schwimmen Orangenscheiben, Zimtstangen, Kardamom und Sternanis in Rum: «Jeweils am 26. Dezember lege ich diesen Rumtopf an. Und jetzt, elf Monate später, produziere ich damit unsere Weihnachts-Truffes.» Zehn bis zwölf Sorten hat Kuster ständig im Sortiment. Daneben probiert er immer wieder Neues aus, nennt mittlerweile insgesamt 25 Truffes-Rezepte sein Eigen.

Im ersten Jahr ihres Pralinen-Hobbys hatten Ruth und Felix zeitweise nach Feierabend bis morgens um 4 Uhr Truffes hergestellt und verpackt. Inzwischen haben sie die Produktion im Griff. «So wie andere Ehepaare zusammen Tennis spielen gehen, steigen wir hinunter in unsere Confiserie-Küche. Unser Hobby ist sicher aufwändiger als zum Beispiel eine Modelleisenbahn-Anlage. Aber im Unterschied zu einer solchen bringt unsere Freizeitbeschäftigung ja auch finanziell etwas ein.»