Baden

Er rückt das St.Bernhard ins Zentrum: «Wir wollen einen Beitrag zum Dorfleben leisten»

Beste Aussichten: Rüdiger Niederer sieht von seinem aktuellen seinen zukünftigen Arbeitsort mit den Baukranen im Wettinger Langäckerquartier (r.).

Beste Aussichten: Rüdiger Niederer sieht von seinem aktuellen seinen zukünftigen Arbeitsort mit den Baukranen im Wettinger Langäckerquartier (r.).

Rüdiger Niederer ist neuer Geschäftsleiter des Wettinger Alterszentrums und führt die über 110-jährige Institution ins Herz des Dorfes.

Rüdiger Niederer geniesst an seinem Arbeitsplatz eine der besten Aussichten, welche die Region zu bieten hat. Seit dem 1.August ist der 57-Jährige der Geschäftsleiter des Alterszentrums St.Bernhard an der Wettinger Rebbergstrasse. In rund zwei Jahren wird sein Arbeitsplatz im Langäcker und die Aussicht weit weniger spektakulär sein. Unten im Tal wird derzeit das neue Alterszentrum für 74 Millionen Franken gebaut. 126 Pflegezimmer und 45 Pflegewohnungen wird es beinhalten. Im Frühjahr 2022 soll der Umzug erfolgen.

Auf die Aussicht verzichtet der studierte Betriebsökonom gerne. «Die neue Lage mitten im Dorf ist für uns perfekt», sagt Niederer. Die Bewohner können im Dorf spazieren oder einkaufen gehen. Das neue Alterszentrum soll ein Ort der Begegnung werden, der Kindergarten ist gleich nebenan. Drittanbieter wie Spitex, Arzt, Physiotherapie, Coiffeur oder Pediküre finden im Gebäudekomplex ebenso Platz wie ein Restaurant für 180 Personen. Und für Besucher, Bewohner und Personal ist das neue Alterszentrum mit dem ÖV problemlos erreichbar.

Die Floskel «Ort der Begegnung» sei kein blosses Lippenbekenntnis, verspricht Niederer: «Am neuen Standort finden öffentliche Anlässe und Events statt, wir wollen kulturell aktiv sein und einen Beitrag zum Dorfleben leisten. Die Bevölkerung kann und soll das Zentrum nutzen.» Die Durchmischung sei essenziell, die Zeiten, in denen Altersheime am Ortsrand lagen, gehörten der Vergangenheit an.

Bei Verzögerung drohen teure Sanierungen

Niederers grösste Sorge: dass der Zeitplan nicht eingehalten werden kann. Falls der Umzug nicht in zwei Jahren stattfindet, drohen am aktuellen Standort aufwendige Sanierungen, die ins Geld gehen. Doch im Moment sei Zuversicht angebracht: Die Bauarbeiten liegen einige Tage vor dem Zeitplan. Das Untergeschoss ist fertig, das Erdgeschoss ist in Arbeit und bald wachsen die drei- und vierstöckigen Gebäude in die Höhe, sodass sie Niederer von seinem Arbeitsplatz aus sehen kann. Der in Härkingen wohnhafte Niederer wurde nicht zuletzt wegen seiner Erfahrung mit Neubauprojekten nach Wettingen gelotst. Zuvor war er als Geschäftsleiter unter anderem für das neue Demenzzentrum Lindenpark in Balsthal zuständig, das bereits vor der Fertigstellung Auszeichnungen erhielt.

Nach seinem Studium arbeitete Niederer zunächst in der Informatikbranche und der Industrie. «Doch vor 20 Jahren hat sich das Gesundheitswesen grundlegend verändert», sagt er. «Mit der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes spielten plötzlich Geld, Kostentransparenz und Qualitätsstandards eine entscheidende Rolle, der administrative Aufwand stieg.» Die Anforderungen an die Führung und Leitung eines Alterszentrums hatten sich verändert, der Einstieg für Niederer war geebnet.

Nach Stationen in Seon und Egerkingen sowie als Unternehmensberater im Gesundheitswesen im Ausland war es schliesslich ein Headhunter, der ihn nach Wettingen vermittelt hat. «Mit 57 ist es wohl die letzte Chance, noch einmal eine solche Herausforderung anzupacken», sagt Niederer, und führt aus: «Ich bin nicht der Typ, der sich gerne in ein gemachtes Nest setzt.» Vom Verwaltungsrat hat er den Auftrag erhalten, im St.Bernhard eine neue Führungs- und Unternehmenskultur einzuführen und das Betriebskonzept zu verfeinern. Seit Niederer im Amt ist, wurde die Geschäftsleitung komplett ausgetauscht. «Wenn ein CEO geht und ein neuer kommt, ist es normal, dass es auch im Kader zu Wechseln kommt», sagt er. Jetzt gehe es darum, mit Fingerspitzengefühl neue Massnahmen zu initiieren. Er will, dass die Mitarbeiter, egal auf welcher Stufe, ihr Potenzial ausleben können. Das St.Bernhard soll unter seiner Leitung weniger bürokratisch und zentralistisch sein.

Am meisten Nachhall in der Öffentlichkeit hat allerdings ein anderer Eingriff Niederers ausgelöst. Auch im Langäcker wird das neue Alterszentrum «St.Bernhard» heissen. Die ursprünglich angedachte Umbenennung auf «Altstadt» stiess in Wettingen nicht auf viel Gegenliebe. So wurden etwa an der Herbstmesse die Leute befragt, was sie sich vom neuen Alterszentrum wünschen. 95 von 100 antworteten: einen anderen Namen. «Kein Wunder», sagt Niederer, «der Name St.Bernhard ist stark verankert in der Region.» Die Institution St.Bernhard blickt auf eine über 110-jährige Geschichte zurück.

Kein Altstadt: Wunsch der Bevölkerung wurde erhört

Der Wunsch aus der Bevölkerung sorgte bei Verwaltungsrat und Geschäftsleitung für ein Über- und Umdenken. «Es war keine leichtfertige Entscheidung», sagt Niederer. Am Neujahrsapéro wurde der Entscheid kommuniziert, dass das Alterszentrum St.Bernhard am neuen Standort nicht Altstadt, sondern wie bis anhin St.Bernhard heissen wird.

Am alten Standort sollen dereinst Terrassenwohnungen an bester Wohnlage entstehen. Die Parzelle wurde bereits an einen Investor verkauft. Mit dem Geld wird ein Teil des neuen Alterszentrums finanziert. Für die 45 Pflegewohnungen sind bereits 300 Anmeldungen eingegangen, obwohl sie noch gar nicht angeboten werden. Mit dem Umzug wird Niederers Arbeit nicht getan sein. «Es wird bestimmt drei bis vier Jahre dauern, bis sich alles eingespielt hat», so der Geschäftsführer. Die Vorfreude bei Personal und Bewohnern sei jedenfalls spürbar und gross.

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