Aargau
Er sagt, worauf sich die Generation 60+ gefasst machen muss

Roland Guntern leitet die Fachstelle für Altersfragen Region Baden. Er sagt, welches die künftigen Herausforderungen für die Generation 60+ sind und warum die Gemeinden bei Kooperationen zurückkrebsen

Sabina Galbiati
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In seinem Büro hat Roland Guntern alle wichtigen Informationen für die Seniorinnen und Senioren griffbereit. Alex Spichale

In seinem Büro hat Roland Guntern alle wichtigen Informationen für die Seniorinnen und Senioren griffbereit. Alex Spichale

Alex Spichale

Zweckdienlich ist das Büro von Roland Guntern an der Badener Bahnhofstrasse eingerichtet. Ein Regal, zugepflastert mit Prospekten zu Themen wie Alter, Senioren oder deren Pflege steht an der Wand, und an der Fensterfront der Bürotisch.

Herr Guntern, Sie leiten die regionale Fachstelle für Altersfragen. Aber Sie beraten nicht in erster Linie Senioren. Was tun Sie eigentlich genau?

Roland Guntern: (Lacht.) Die Fachstelle entstand 1997 aus dem Altersforum heraus. Ziel ist es, die verschiedenen Organisationen, Dienstleister, Gemeinden sowie die Angebote in der Region zu koordinieren. Im Altersforum erarbeiten wir Projekte und bilden Arbeitsgruppen, um die Bedürfnisse der Seniorinnen und Senioren abzudecken.

Und doch hat sich der Seniorenrat der Region Baden erst dieses Jahr mit einem Positionspapier Gehör verschafft. Er fordert eine altersfreundliche Politik und bemängelt, dass die Strategieplanung für die wachsende Bevölkerungsgruppe 60+ fehle. Hat die Fachstelle ihre Hausaufgaben nicht gemacht?

Mich erstaunt diese Kritik, zumal der Seniorenrat aus dem Altersforum entstanden und darin eingebunden ist. Er kennt unsere Arbeit also. Gerade in der Region Baden haben wir ein breites Angebot an Organisationen und verschiedenen Dienstleistungen. Die Gemeinden haben Altersleitbilder entwickelt. Ich gebe dem Seniorenrat aber recht, dass die Alterspolitik breiter abgestützt sein sollte. Da braucht es die Senioren auch als Politiker, die bei den Prozessen mitwirken.

Sie waren 17 Jahre Einwohnerrat in Baden. Sollten sich Ü60er vermehrt in den Einwohnerräten engagieren? Dort sind sie deutlich untervertreten.

Sicher, das wäre eine Möglichkeit, sich politisch zu engagieren. Man darf aber vor lauter politisieren nicht vergessen, dass wir in der Region ein sehr vielfältiges Angebot an Dienstleistungen und Institutionen für die Generation 60+ aufgebaut haben in den vergangenen Jahren. Der Mahlzeiten- und der Besuchsdienst und die klassische Spitex sind nur einige davon. Das Tages- und Nachtzentrum und die kantonale Ombudsstelle für Heim-, Spitex- und Altersfragen sind zwei Institutionen, die aus dem Altersforum hervorgegangen sind.

Doch bringt die Zukunft bereits neue Herausforderungen. Stichwort Migration. Ist das ein Thema im Altersforum?

Ja, das Thema Migration haben wir im Altersforum intensiv besprochen und werden weiter daran arbeiten. Die Gruppe der Senioren, die eine Auswanderungs- oder Flüchtlingsvergangenheit hat, nimmt zu. Die Forschung zeigt, dass weniger als ein Drittel nach der Pensionierung in die Heimat zurückkehrt. Für die Menschen, die hierbleiben, müssen wir schauen, was sie brauchen und was sie selber leisten können und müssen.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Bei der Integration. Sie ist auch im Pensionsalter quasi der Schlüssel. Beispielsweise konnten sich je nach Kultur gerade Frauen kaum integrieren oder unsere Sprache lernen. Hier müssen wir schauen, dass wir diese Menschen erreichen und ihnen helfen, sodass sie sich in unserer «Pensioniertenwelt» zurechtfinden.

Das braucht Investitionen, doch die Gemeinden rundherum setzen den Sparhebel an. Müssen sich Senioren nicht eher darauf gefasst machen, dass Angebote abgebaut statt aufgebaut werden?

Natürlich wird der Verteilkampf um Gelder härter werden. Wir führen diesen Kampf aber nicht erst seit gestern und mussten uns schon immer sehr gut überlegen, welche Projekte und Angebote nützlich und sinnvoll sind. Aber auch beim Sparen gibt es Grenzen, und ab einem gewissen Punkt macht es mehr Sinn, die Einnahmenseite zu beachten.

Fusionen sind auch ein Mittel, um zu sparen. Die haben es aber schwer. Jüngstes Beispiel ist die Sistierung der Spitex-Fusion in Killwangen, Spreitenbach, Wettingen Würenlos und Neuenhof. Haben Sie eine Erklärung?

Ich habe keine Feldforschung betrieben. Aber Fusionen haben generell einen schweren Stand. Das zeigen auch die Versuche im Surbtal oder in Ober- und Untersiggenthal, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat. Es ist ein emotionales Thema, bei dem die Angst vor Grösse und damit der Anonymität stark mitschwingt.

Für die Spitex-Mitarbeiter steht der enge und persönliche Kontakt im Vordergrund. Bei der regionalen Fachstelle geht es um Koordination und Management. Da müsste doch die Zusammenarbeit mit umliegenden Gemeinden ein erklärtes Ziel sein?

Das ist es. Wir gehen aktiv auf die Gemeinden zu und führen laufend Gespräche. Doch im Moment ist kein Bedürfnis seitens der Gemeinden vorhanden.

Woran liegt das?

Die Gemeinden müssten eine zusätzliche Leistung einkaufen und sie dürften es derzeit schwer haben, mit neuen Kosten beim Volk auf Wohlwollen zu stossen. Für die Mitgliedgemeinden würden die Beiträge hingegen leicht sinken, da die Kosten auf mehr Gemeinden verteilt wären.

Wo sehen Sie in den fünf Mitgliedgemeinden noch Handlungsbedarf bei der Altenpflege?

In den kommenden Jahren wird sicher das Thema Wohnen im Alter wichtig sein. Gefordert ist ein differenziertes und vielschichtiges Wohnangebot. Der Aufbau der stationären Pflege ist ein Thema davon. Das obliegt der Regionalplanung von Baden Regio, denn sie haben diesen Auftrag vom Pflegegesetz her. Da sind wir auf gutem Weg.

... Trotz der jüngsten Turbulenzen um die Umwandlung des Regionalen Pflegezentrums in ein AG mit öffentlichen Zwecken?

Auf jeden Fall. Die Änderung der Geschäftsstruktur wirkt sich positiv auf das Angebot für Senioren aus. Ich gehe davon aus, dass es für das Wohnen im Alter ein diversifiziertes Angebot geben wird und dass die finanziellen Mittel flexibler eingesetzt werden können.

Und bei welchen Senioren-Themen sehen Sie als Fachstellenleiter für Altersfragen noch Potenzial?

Ein Thema ist sicher Sucht im Alter. Hier sprechen wir auch vom Medikamentenmissbrauch. Eine Sensibilisierung der Apotheker und Hausärzte wäre eine Möglichkeit. Weiter kann man im Altersforum eine Selbsthilfegruppe für Betroffene anregen. Eine Solche braucht relativ wenig finanzielle Mittel.

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