Als Erstes sticht im «Hope» ein grosses Exponat ins Auge, auf dem Roland Walter darstellt, wie das Volk Israels durchs von Moses geteilte Rote Meer zieht. Die schneebedeckten Landschaftsszenarien des Hobbymalers erinnern an die Wildnis Alaskas. Der blutrote Sonnenuntergang führt den Betrachter an einen Traumstrand irgendwo in der Welt. Die wilde Pinselführung und markante Farbigkeit der Werke ist nicht nur auf Walters persönlichen Stil zurückzuführen. Das Augenlicht des Diabetikers ist stark getrübt. «Gelb und Weiss kann ich schon gar nicht mehr unterscheiden», sagt der IV-Bezüger, der in einer kleinen Einzimmerwohnung in Turgi lebt.

Er malt erst seit zwei Jahren. Die «Sehnsuchtsbilder», wie er sie nennt, sind eine Mischung aus Fantasie und Erinnerungen, die er auf Leinwand festhalten möchte – so lange er kann. «Ich versuche aus den Fähigkeiten, die mir noch bleiben, das Beste zu machen», erzählt der 56-Jährige. Gelernt habe er das in Thailand, wo er während zehn Jahren periodisch lebte. «Die Leute dort haben nach dem Krieg teilweise alles verloren und leben mit Nichts. Aber sie geben nie auf.» Er war mit einer Einheimischen verheiratet. Als sie unter tragischen Umständen starb und kein Bezugspunkt mehr da war, kam er in die Schweiz zurück.

Mit dem Truck nach Sibirien

Schwester Beatrice und Bruder Manfred meistern ihre Leben erfolgreich, nur der rundliche Roland tanzt aus der Reihe. Schon als Kind kränkelte er und musste wegen starker Schreib- und Rechenschwierigkeiten in eine Kleinklasse. Sein erstes Geld verdiente er als Hilfsarbeiter. «Meine grosse Stärke war das Autofahren», berichtet Roland und fügt stolz hinzu, «mit 18 hatte ich den Fahrausweis in der Tasche und machte gleich danach die Taxiprüfung.» Er bekam einen Job als Fernfahrer – seine Berufung, die 25 Jahre zum Zentrum seines Lebens werden sollte; und ihn die erste Ehe mit einer Luzernerin kostete. «Ich war monatelang mit meinem Laster unterwegs. Einmal fuhr ich sogar bis nach Sibirien. Den Weg dorthin würde ich heute noch ohne Navigationssystem finden», bekundet er überzeugt. Doch die Zuckerkrankheit machte ihm einen Strich durch die Rechnung. 2010 musste er seinen Broterwerb aufgeben. Heute sieht er auf dem einen Auge 20 Prozent, auf dem anderen bloss noch 5 Prozent.

Seit er arbeitslos ist, fehlt ihm die Struktur im Alltag. «Ich bin vogelfrei und viel alleine», erzählt Roland. Gerne hätte er nochmals eine Partnerin. Die Einsamkeit überbrückt er mit Gitarrespielen. Darin erweist er sich als ziemlich talentiert. Ab und zu tritt er öffentlich auf und gibt keltische Folksongs zum Besten. Nun ist das Malen dazugekommen. Im Restaurant des christlichen Sozialwerks Hope, wo er bis im Sommer 2016 ausstellt, ist er regelmässiger Gast. «Ich bekomme hier Unterstützung beim alltäglichen Papierkram, den ich selber nicht bewältigen kann», zeigt sich der gebürtige Basler froh. Er freut sich auf viel Publikum. «Ich habe so manchen Blödsinn gemacht», sagt er rückblickend, «aber heute versuche ich, mein Leben in die Hand zu nehmen, und schaue vorwärts.»

Ausstellung im «Hope»: Die Bilder von Roland Walter sind noch bis im Sommer 2016, Stadtturmstrasse 16, Baden, ausgestellt. Öffnungszeiten: Mo bis Fri, 9 bis 15 Uhr; zusätzlich Mi, 19 bis 22 Uhr, und So, 15 bis 18.45 Uhr.