Wenn Silvan Dezini seine Violine spielt, dann versinkt er in einer anderen Welt: Seine Augen sind geschlossen, sein roter Haarschopf bewegt sich zu den Klängen und in seiner Mimik spiegelt sich die Stimmung der Musik. «Während des Spielens bin ich ganz bei mir», sagt der 14-Jährige aus Spreitenbach, der die letzten Jahre diverse nationale und kantonale Musikpreise gewonnen hat. Doch dieses Aufgehen in der Musik ist auch eine Herausforderung. Dann, wenn der junge Mann mit anderen Musikern auf der Bühne steht. Dann sei es vor allem wichtig, auf die anderen zu hören, sagt Dezini. «Man muss sich anpassen, und kann nicht einfach spielen, was man will.»

Den Spagat zwischen dem Versinken in einer eigenen Welt und dem Zusammenspiel mit anderen Musikern muss Dezini auch heute beim Konzert mit dem Streichorchester Dietikon meistern. Im Pfarreizentrum St. Agatha spielt er den Solopart in Mendelssohns Konzert für Violine und Streichorchester – von den Veranstaltern als Höhepunkt des Anlasses bezeichnet. «Ein junger Geiger gibt den Ton an», steht im Programm, womit klar ist: Der unauffällige Teenager steht an diesem Abend im Mittelpunkt. Silvan Dezini hat damit keine Probleme. «Es fühlt sich gut an. Das Orchester stützt mich, und gleichzeitig kann ich mein Können zeigen.» Das heisst aber nicht, dass der 14-Jährige vor dem Konzert nicht doch nervös wäre. «Vor einem Auftritt bin ich doch ziemlich angespannt.»

Mit diesem Druck umzugehen lernt Dezini am Zürcher Konservatorium, wo er seit fünf Jahren Unterricht nimmt. Sein Geigenlehrer Philip A. Draganov weiss aus eigener Erfahrung, wie es ist, früh im Rampenlicht zu stehen und als Jungtalent zu gelten: Der Deutsche spielte mit 12 Jahren mit den Hamburger Symphonikern und danach in allen grossen Konzertsälen der Welt.

«Er kennt den Druck aus eigener Erfahrung. Und er löst das sehr geschickt», sagt Silvan Dezini. Draganov lege Wert auf eine gute Vorbereitung, aber auch darauf, dass jeder Musiker für sich die geeignete Methode finden müsse, um mit dem Lampenfieber umzugehen. Und Silvan Dezini nimmt sich die Ratschläge seines renommierten Mentors zu Herzen. «Wenn ich gut vorbereitet bin, weiss ich, dass eigentlich nichts schiefgehen kann», sagt er. Doch die Vorbereitung hat ihren Preis – sie kostet viel Zeit. Der junge Violinist spielt täglich etwa vier Stunden Geige, «oft und vor allem am Wochenende sind es aber bis zu sechs». Vom Konservatorium werde empfohlen, täglich mindestens zwei Stunden zu üben, sagt Silvan Dezini. Doch diese Zeit reicht nicht, um neben der Vorbereitung auf bevorstehende Konzerte auch noch Theorie, Technik oder Solos zu üben. «Es ist recht schwer, alles unter einen Hut zu bringen», sagt Dezini.

Und so bleibt neben Schule und Hausaufgaben wenig Zeit für anderes. «Auch nicht fürs Aufräumen», sagt seine Mutter im Scherz und lacht. Angesichts des vielen Übens mag es der talentierte Jungmusiker auch nicht, wenn er als Wunderkind bezeichnet wird. «Weil es nicht der Wahrheit entspricht», sagt er beim Gespräch mit Kaffee, Panettone und Mutter Susanne Dezini in der zweistöckigen Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Spreitenbach.

Im oberen Stock ist Silvans Schlafzimmer. Es ist ordentlich aufgeräumt, an den Wänden hängen ein paar Bumerangs, ein Flyer vom Zirkus Arabas. Ansonsten gibt es kaum Anzeichen dafür, dass in diesem Zimmer ein pubertierender Junge lebt: Keine Schmutzwäsche liegt auf dem Boden, kein Fernseher mit Spielkonsole thront in einer Ecke. «Gamen kann nicht so schlecht sein. Aber es interessiert mich nicht», sagt Dezini. Und so steht statt einer Playstation ein Notenständer im Raum, vor dem er an seinem Geigenspiel feilt. Die Nachbarn störten sich nicht, dass ihr Sohn täglich in der Wohung übe, sagt Susanne Dezini. Im Gegenteil: «Sie erkundigen sich nach Silvan, wenn sie ihn länger nicht gehört haben.»

Bei den Schulkameraden an der Spreitenbacher Schule stiess seine Leidenschaft auf weniger Verständnis. Weil er anders gewesen sei als die Mitschüler, habe er keinen Anschluss gefunden. Deswegen die Geige an den Nagel zu hängen, kam für Dezini nicht infrage. «Ich habe nie verstanden, was die anderen Kinder so speziell daran finden», sagt er auf eine für sein Alter ungewöhnlich abgeklärte Art.

An die öffentliche Schule geht er inzwischen ohnehin nicht mehr. «Mit den Hausaufgaben war die zeitliche Belastung irgendwann zu gross», sagt Silvans Mutter. Die Oberstufe absolviert er deshalb an einer Privatschule, Freundschaften hat er längst am Konservatorium geschlossen. Allzu viel Zeit für diese hat er aber nicht. Denn neben Schule und Geige spielen muss Dezini auch noch am Klavier üben, eine Voraussetzung für das Musikstudium, das Dezini machen möchte. Denn dass er von der Musik dereinst leben möchte, ist für Dezini schon lange klar. «Die Geige ist wie eine zweite Stimme, mit der man seine Gefühle ausdrücken kann. Ein mega schönes Instrument.» Das scheinen seine Eltern ähnlich zu sehen. Bevor Silvan mit sieben Jahren mit dem Geigespielen begann, hatten sie gar keinen Bezug zu klassischer Musik. «Jetzt hören wir eigentlich nur noch Klassik», sagt Susanne Dezini.

Konzert mit Silvan Dezini, Pfarreizentrum St. Agatha, Dietikon, heute um 17 Uhr.