Ennetbaden

Er war als UNO-Beobachter in Syrien stationiert: «Ich hatte nie Todesangst»

Josef Frei: «Wie kann man sich so gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wehren? Wir können das problemlos verkraften.»

Josef Frei: «Wie kann man sich so gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wehren? Wir können das problemlos verkraften.»

Josef Frei erlebte als UNO-Militärbeobachter den Bürgerkrieg in Syrien an vorderster Front. Heute verurteilt er die Reaktion Europas zur Flüchtlingskrise: «Wie kann man sich so gegen die Aufnahme wehren? Wir können das problemlos verkraften.»

«Ein solches Erlebnis gönne ich niemandem», sagt Josef Frei. Denn seine Geschichte gleicht einem Kriegsdrama aus der Filmschmiede in Hollywood. Der 49-jährige Ennetbadener verbrachte vier Jahre als Militärbeobachter für die Vereinten Nationen (UNO) und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in den Krisengebieten Georgiens und Syriens.

Die letzten fünf Monate seines Aufenthaltes war er gar Teil der UNO-Sonderbeobachtermission in Syrien unter dem ehemaligen Generalsekretär Kofi Annan. Sie gilt weithin als die bisher schwierigste und gefährlichste UNO-Beobachtermission.

«Nach der Rückkehr weinte ich»

Im August 2012 kehrte Frei aus dem syrischen Kriegsgebiet in die Schweiz zurück. «Ich realisierte zum ersten Mal, wie oft ich dem Tod nur knapp entkommen war.» Während der Mission hätte er nie Angst, lediglich Respekt verspürt: «Da funktioniert man einfach.»

Doch nach seiner Heimkehr holten die schrecklichen Erlebnisse den einzigen Schweizer in der Mission ein. «Die Erinnerungen schossen in mir hoch, ich konnte nur noch weinen.» Nur dank einer längeren psychologischen Unterstützung durch den Bund kann der Ennetbadener heute wieder von seinen Militäreinsätzen erzählen.

Kaum zurückgekehrt, war Ärger seine erste Reaktion: «Ich konnte die kleingeistigen Probleme hier nicht verstehen. Man ärgert sich schon bei einer mickrigen Verspätung im öffentlichen Verkehr. Aber eigentlich bin ich ja froh, müssen wir uns in der Schweiz nur solchen Kleinigkeiten widmen.»

Von März 2011 an verbrachte Josef Frei ein Jahr auf den Golanhöhen zwischen Israel und Syrien. Die älteste UNO-Beobachtermission widmet sich der Bewachung der vormals umkämpften Grenzregion. «Das war eine ruhige Zeit. Wir patrouillierten täglich und berichteten von unseren Beobachtungen.»

Beim Heimaturlaub in der Schweiz hätten sich dann alle gewundert, wie er das aushalte. Doch auf dem Golan herrschte noch Frieden, als es in der nahegelegenen südsyrischen Stadt Dara’a bereits zu heftigen Zusammenstössen und Explosionen kam.

Dann folgte für den Major der Schweizer Armee ein denkwürdiger Anruf: ob er an der neuen UNO-Sonderbeobachtermission teilnehmen wolle. Frei sagte zu. «Hätte ich damals gewusst, was mich im syrischen Bürgerkrieg erwartete, hätte ich vermutlich länger nachgedacht», blickt er zurück.

Auftrag der rund 300 Beobachter, die als Augen und Ohren des UNO-Sicherheitsrates in New York gelten, war die Überwachung der brüchigen Waffenruhe und die Umsetzung eines Sechs-Punkte-Vorschlags zur Wiederherstellung eines funktionierenden Rechtsstaats in Syrien.

Nachdem Schutzweste und Helm zuvor während Monaten nur als präventive Schutzmassnahme getragen wurden, kamen sie sogleich am ersten Tag der neuen Mission zum Ernsteinsatz: «Auf unserer ersten Patrouille fuhren wir mit drei gepanzerten Fahrzeugen durch Dara’a, als wir plötzlich in eine Gruppe von 600 jungen Männern gerieten.» Diese führte den Konvoi zu einer nahegelegenen Moschee und attackierte die dort stationierten Regierungstruppen mit Steinen. «Wir wussten zuerst gar nicht, wie uns geschieht.

Als einer von uns ausstieg, um den Tumult zu schlichten, artete es in eine Prügelei aus.» Die Beobachter mussten ihren Kameraden zu den Fahrzeugen zurückzerren. «Dabei musste ich mich zum ersten Mal körperlich wehren.» Doch kaum sass er keuchend und voller Adrenalin zurück im Auto, da bemerkten die jungen Männer einen weiteren Offizier neben Major Frei.

«Sofort wollten sie ihn aus dem Auto zerren und für die Unterstützung seiner Regierung für Baschar al-Assad zur Rechenschaft ziehen.» Sein Herz pochte bis zum Hals, als ihm jemand kurz darauf ein totes Kind in den Schoss legte. «In der ganzen Aufregung konnte ich das nicht verstehen», erzählt Josef Frei und wischt sich eine Träne aus dem Gesicht.

Assad garantierte sicheres Geleit

Blickt Frei heute zurück auf seine Erlebnisse im syrischen Bürgerkrieg, zieht er ein klares Urteil: «Der Westen hätte mit Assad reden sollen.» Doch dieser sei stattdessen von Beginn weg in die Enge getrieben worden.

Wie sieht es mit dem weiter erstarkenden Islamischen Staat aus? «Der IS wird von extremistischen Strömungen dominiert.» Gebe es moderate Exponenten, die zu Gesprächen mit den Beobachtern und Hilfsorganisationen bereit wären, werden diese wohl beseitigt. In Afghanistan haben solche Verhandlungen bereits in der Vergangenheit stattgefunden.

«Dort können die Hilfswerke und internationalen Beobachter mit dem Einverständnis der lokalen Verantwortlichen in weiten Teilen des Landes ihre Arbeit verrichten.» Schliesslich sei dies nur über Gespräche und die Akzeptanz der einheimischen Machthaber möglich. «In Syrien hingegen garantierte uns nur al-Assad ein sicheres Geleit.» Gespräche mit dem Islamischen Staat seien bedauerlicherweise noch nicht möglich.

Auch in der aktuellen Flüchtlingskrise, ausgelöst durch die fortwährenden Kriegsaktivitäten im Nahen Osten, verurteilt Frei die Reaktion Europas: «Wie kann man sich so gegen die Aufnahme wehren? Wir können das problemlos verkraften.»

Hätten die Menschen dasselbe Leid und die Armut wie er hautnah miterlebt, würden sie ganz anders und viel solidarischer reagieren. Davon ist Josef Frei überzeugt. Zum Bild des toten Flüchtlingskindes am Strand, welches vor wenigen Wochen in den Medien kursierte: «So etwas muss man den Menschen zeigen, das öffnet ihnen hoffentlich die Augen für das unfassbare Leid der Vertriebenen.»

Krisenregionen lassen ihn nicht los

Heute gibt Josef Frei sein Wissen und die jahrelangen Erfahrungen aus den Konfliktgebieten der Welt weiter. Seit zwei Jahren arbeitet er als Referent für Sicherheitsmanagement bei der Deutschen Welthungerhilfe in Bonn. Er berät die Organisation über die Sicherheitslage in den Projektländern und kann in heiklen Situationen von seiner grossen Routine profitieren.

Denn die Risiken für Entwicklungshelfer im Ausland seien in den letzten Jahren extrem gestiegen. «Ich konnte nach meiner Zeit als Berufsoffizier und Militärbeobachter nicht mehr zurück in einen alltäglichen Job.» Weiter komme ihm sein ursprüngliches Studium, Konfliktanalyse und Konfliktbewältigung an der Universität Basel, nun sehr zu Hilfe.

Doch es scheint so, als liessen ihn die krisengebeutelten Regionen noch immer nicht in Ruhe: «Ich reise sieben- bis achtmal im Jahr in die Hilfsgebiete und habe viel Kontakt zu den Menschen dort.»

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