In Dättwil, wo er aufgewachsen ist, war Beni Frenkel der einzige Jude in seiner Klasse. Heute lebt der Journalist und Autor mit seiner Familie in Zürich und schreibt für die «NZZ am Sonntag», das Magazin des «Tages-Anzeigers» und in seinen Büchern über den «täglichen Schlamassel als Jude durchs Leben zu gehen». Im ländlichen Aargau der 70er- und 80er-Jahre aufgewachsen zu sein, so sagt er, hat ihn tief geprägt.

Wir treffen uns an einem Freitagmorgen im «Rietberg», einer alten Beiz in Zürich Enge. Sie liegt im Kreis 2, einer jüdischen Gegend. Draussen sind Kinder mit Kippa und Schläfenlocken auf dem Weg zur Schule, im Haus nebenan befindet sich ein koscheres Lebensmittelgeschäft. Später wird Beni Frenkel erzählen, dass er in diesem Laden, in dem er kurz zuvor von uns fotografiert wurde, überhörte, wie jemand sagte: «Ach, der Frenkel wieder.» Die Worte sind leise genug, dass sie ihm nicht direkt gelten, und laut genug, dass sie es doch tun. Frenkel erzählt diskret und gefasst davon wie jemand, der solche Reaktionen gewöhnt ist.

Kindheit als Jude im Aargau

Der heute 41-Jährige wuchs in Dättwil auf und ging in Baden in die Bezirksschule. In Baden lebten in den 1980er-Jahren höchstens ein paar Dutzend Juden und im damaligen 500-Seelen-Dorf Dättwil, nun ja, da gab es die Familie Frenkel. In der Wohnung unter ihnen, so erinnert er sich, hatten sie einen Nachbarn, Herr Schneider oder Herr Fischer hiess er, der ihn manchmal «Saujude» rief, wenn Beni den Fussball gegen seine Wand spielte.

Wer ist «de schnellscht Dättwiler» Beni Frenkel (r.) am Start.

Wer ist «de schnellscht Dättwiler» Beni Frenkel (r.) am Start.

Fühlte er sich in seiner Kindheit als einziger jüdisch-orthodoxer Junge latent ständig als Aussenseiter, so ist er es heute in Zürich als Jude unter Juden noch immer. Die Art und Weise, wie er in seinen Erzählungen auf überraschend ehrliche und humorvolle Manier über die Schwierigkeiten des Alltags eines jüdischen Familienvaters im 21. Jahrhundert schreibt, der keinen Hehl daraus macht, dass bei ihm nicht immer alle Dinge ganz koscher zu- und hergehen, ist vielen Juden ein Dorn im Auge.

Acht Jahre lang unterrichtete Frenkel an einer jüdisch-chassidischen Schule Jungen in den nicht-religiösen Fächern Deutsch, Mathematik und Sport. Bis er vor vier Jahren entlassen wurde, unter anderem weil in der «NZZ» anlässlich der Schönheitsköniginnenwahl in Israel ein kritischer Artikel über Frauen im Judentum von ihm erschienen war.

Die Rolle der Frau und die repressive Sexualität – Frauen gelten zwei Wochen im Monat, mit Beginn ihrer Menstruation, als unrein und dürfen von den eigenen Ehemännern nicht berührt werden – gehören zu den Brennpunkten der jüdischen Religion. Auf den Kinoleinwänden befassen sich derzeit gleich mehrere Filme mit der komplexen, wie prekären Stellung der Liebe und Erotik im Judentum. So auch im Film «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse», der die Geschichte eines jüdischen Jungen in Zürich erzählt, der sich in eine Goj, eine Nicht-Jüdin verliebt.

«Mach kein Raschess!»

«Mit dem Alter merke ich, dass ich ein Aargauer Jude bin», erzählt Beni Frenkel. Nicht in einer jüdischen Blase gross geworden zu sein, wie es in Zürich viele Jugendliche sind, die auch Frenkel unterrichtet hatte. Sondern im ständig auf sich selbst zurückgeworfenen Bewusstsein aufzuwachsen, dass man einer Minderheit angehört. Das zeigt sich gerade auch in Frenkels Schreiben: Seine Erzählungen zeugen von einer reflektierten, kritischen Unangepasstheit und zugleich von einer echten Haltung des Dialogs.

«Bei uns auf dem Land gab es den Ausdruck: Mach kein Raschess! Das ist ein jüdisches Wort und bedeutet so viel wie: Mach keinen Antisemitismus», erklärt Frenkel. «Zürcher Stadtjuden werden dieses Wort nicht verstehen.» Richtig zum Schreiben kam Beni Frenkel, wenngleich er zuvor schon hin und wieder Artikel und Kolumnen als freier Journalist geschrieben hatte, mit seiner Entlassung. 2014 erschien sein erster Erzählband «Der Jude lacht», ein Jahr später «Gar nicht koscher.» Letzteres beginnt er mit ironischem Pathos: «Ich stamme aus einer grossen Schriftstellerfamilie.» Frenkels Mutter ist Autorin mehrerer jüdischer Kochbücher und sein Vater hat einen kleinen Band über die Geschichte des jüdischen Baden geschrieben.

Als Jude über Juden schreiben

Über Juden zu schreiben hat Tradition. Die jüdische Literatur in all ihren Gattungen diente schliesslich stets einer Sicherung der Geschichte und der eigenen Identität, die sich immer wieder gegen Verdrängung zur Wehr setzen musste.

Im Unterschied zu seinen Eltern schreibt Beni Frenkel jedoch weder Anleitungen zur richtigen, koscheren Lebensweise, noch arbeitet er die jüdische Vergangenheit eines Ortes auf. Vielmehr ist sein Schreiben geprägt von einer radikalen Gegenwärtigkeit. Häufig geht er von einem alltäglichen Konflikt, einer Reibung, aus. Etwa: Wie trennt man – im Zeitalter der Geschirrspülmaschine – den Kontakt von milchigem Geschirr von fleischigem Geschirr? Oder wie übersteht man den Weg zur Synagoge am Sabbat, wenn man eine schwache Blase hat, der Talmud jedoch vorschreibt, dass man keine elektrischen Toiletten verwenden darf, von denen es in der Stadt Zürich mittlerweile nur noch wimmelt?

Humor zur Verständigung

Nicht immer ist der Talmud, dieses umfangreiche Regelwerk, das das jüdische Familien- und Eherecht beherbergt und Auskunft gibt, welche Dinge, Orte und Personen rein oder unrein sind, für Beni Frenkel in der heutigen Zeit ganz nachvollziehbar. Frenkel begegnet diesen Herausforderungen intuitiv mit Humor. Über die Vorurteile und Ungereimtheiten, die das Leben als Jude mit sich bringt, zu lachen, heisst, sich gleichsam über sie hinwegzusetzen sowie Fremdheit gegenüber nicht-jüdischen Freunden, Bekannten und Lesern abzubauen.

Das Schreiben, insbesondere in Form der humoresken Kurzgeschichte, der Glosse, ist für Frenkel erstmals als Jugendlicher zum Mittel der persönlichen Verarbeitung geworden. «Ich war nicht besonders gut im Deutschunterricht. Aber eines Tages las unser Lehrer, Herr Holstein, meinen Aufsatz der Klasse vor», erzählt Frenkel. Das Lachen der Mitschüler, das der Aufsatz hervorrief, realisierte er, war nicht ein Lachen über ihn, sondern mit ihm. «Im Grunde schreibe ich heute noch immer so wie in diesem Aufsatz in der Bezirksschule Baden», schmunzelt Frenkel.