Alstom
Erfahrung mit «Bad News»: In Baden hat man schon einige Krisen ausgestanden

Auflösung der Textilindustrie, ausbleibende Kurgäste, Konkurs der Nationalbahn: Baden hat Erfahrung mit Krisen. Noch gut in Erinnerung: Die verschiedenen Beben seit der Fusion zwischen BBC und Asea.

Roman Huber
Merken
Drucken
Teilen
Historischer Augenblick: Am 10. August 1987 erfahren die BBC-Kaderleute im Martinsbergsaal in Baden von der geplanten Fusion mit dem schwedischen Energiekonzern Asea. ABB Archiv

Historischer Augenblick: Am 10. August 1987 erfahren die BBC-Kaderleute im Martinsbergsaal in Baden von der geplanten Fusion mit dem schwedischen Energiekonzern Asea. ABB Archiv

Am 2. Juni soll laut einer Information, wie sie der az vorliegt, der Tag sein, an dem über die Zukunft der Alstom in Baden entschieden wird. Solange bleibt den Politikern Zeit, ihren Einfluss bei den Entscheidungsträgern geltend zu machen.

Ein Blick zurück auf ähnliche spannungsgeladene Augenblicke in der Geschichte des Industriestandortes Baden zeigt, dass man an der Limmatstadt nie die Flinte gleich ins Korn geworfen hat.

Baden erlebte schon mehrfach Krisen. Man blättere etwas weiter zurück. Ende des 19. Jahrhunderts geriet die Textilindustrie, die sich an der Limmat niedergelassen hatte, in die roten Zahlen, die Zahl der Kurgäste ging wegen einer der ersten europaweiten Konjunkturkrisen zurück, und auch die Nationalbahn – an der sich die Stadt Baden finanziell beteiligte – ging Konkurs. Und dann brach eine neue Zeit an. Die Herren Charles Brown und Walter Boveri entschlossen sich, auf dem Haselfeld ein modernes Unternehmen aufzubauen.

Die Elefantenhochzeit

Zeitsprung: Die 1987 herrschende Badenfahrt-Stimmung wurde tüchtig aufgewühlt, als am 10. August dieses Jahres trotz eingeleiteter Restrukturierungsmassnahmen bei der kränkelnden BBC die Fusion zwischen ihr und der angeschlagenen Asea bekannt gegeben wurde. Es war von der Elefantenhochzeit die Rede, mit der die beiden europäischen Konzerne auf einen Schlag die drei Konkurrenten Siemens, Hitachi und General Electric an Grösse hinter sich liessen.

In Baden herrschte trotz Ungewissheit Zuversicht. Man glaubt damals sogar, den Konzernsitz zu erhalten. Doch dieser wanderte nach Zürich.

Entgegen den rosa Wolken, die damals BBC-Chef Fritz Leutwyler an den Badener Himmel gemalt hatte, kam es anders – für viele keineswegs unerwartet. Unter ABB-Chef Pery Barnevik spürte zuerst der ehemalige BBC-Standort Mannheim die neue Gangart der Schweden. Im Februar 1988 wurde dort den 36 000 Mitarbeitenden eröffnet, dass 10 Prozent der Stellen abgebaut würden. Es verging kein Monat, da musste ABB-Schweiz-Chef Edwin Somm bekannt geben, dass 2500 Stellen gestrichen würden – 1700 in Baden. 350 in Turgi und Birr sowie 450 in Zürich Oerlikon.

Die Chance Baden Nord 2005

Die Stadt Baden unter dem damaligen Stadtammann Josef Bürge und die ABB mit Edwin Somm an der Spitze blickten jedoch nach vorne. Sie begannen für die Industriezone, der «verbotenen Stadt» (eingezäunt, Zutritt nur mit Ausweis) ost- und westseitig der Bruggerstrasse, ein neues Quartier für eine gemischte Nutzung für Industrie, Gewerbe, Wohnungen und Kultur zu planen.

Die Entwicklungsrichtplanung erhielt den Titel «Chance Baden Nord 2005». 2005 zeigte den angenommenen Planungshorizont auf. Sehr rasch merkten auch interessierte Kreise in Baden, dass mit dieser Planung über die gesamten 30 Hektaren ein neuer Stadtteil entstehen würde. In den Prozess wurde streckenweise die Bevölkerung eingebunden. Mit dem Verein Badennordstadt erhielten ABB und Planungsbehörden einen engagierten Diskussionspartner.

Mit der Alstom, der Festigung des Engineering-Standortes der ABB, der Ansiedlung eines Berufsschulzentrums, dem Trafokino und dem Trafosaal erlebte Baden Nord einen ungeahnten Aufschwung. Zählte die Stadt 1980 noch 21 000 Arbeitsplätze (davon 11 000 industrielle), die dann bis 1990 auf einen Tiefstand von 14 000 schrumpfte, schnellte sie nach der Jahrtausendewende wieder auf über 20 000 hinauf.

Bei ABB kriselte es weiter

Der Industriestandort Baden wurde dann bald von weiteren kleinen und mittleren Beben erfasst: Im Jahre 2000 ging die ABB Kraftwerke AG an die Alstom über. Alstom Power bezahlte ihren Tribut und musste im Dampfkraftwerkbau primär in Deutschland Stellen abbauen. Am Standort Baden und Birr gab es hingegen sogar einen Stellenausbau.

Bei ABB gab Konzernchef Jürgen Dormann im Jahr 2001 zuerst konzernweit einen Einstellungsstopp bekannt, dann die Streichung von 12 000 Stellen bei weltweit 163 800. Dank Management-Buyouts und Umlagerungen kam die Region glimpflich davon. Zudem profitierte man hierzulande von einer guten Konjunktur. Nur zwei Jahre später folgte der nächste grosse Stellen- und Standortabbau, allerdings betraf er primär Deutschland.

Stellenabbau auch bei Alstom

Nicht nur ABB, sondern auch Alstom setzte auf laufende Restrukturierungen. Zwar erlebte der Kraftwerkbereich der Alstom Schweiz zwischen den Jahren 2000 und 2003 einen Ausbau von 1600 auf 4700 Stellen.

Im Juni 2003 gab Alstom bekannt, weltweit 3000 Jobs zu streichen. Betroffen waren die 11 000 Arbeitsplätze des Kraftwerksbusiness in den Bereichen Gas- und Dampfturbinen, Generatoren und Kraftwerkbauprojekten. In Baden und Birr war klar, dass man nicht ungeschoren davon kommen würde. Im Power-Turbo-Systems-Bereich waren schweizweit 2700 von 4700 Alstom-Mitarbeitenden tätig. Weil ein proportionaler Abbau vorgesehen war, hätte es 700 Mitarbeitende in der Schweiz getroffen. Es war schliesslich nur von minus 470 Stellen die Rede, wobei der Stellenplafond damit immer noch höher war als bei Übernahme von ABB Power.

Der miserable Geschäftsgang bei Alstom und der schlechte Bestellungseingang führte Anfang 2004 zur Ankündigung eines weiteren Stellenabbaus. Im Oktober konkretisierte die Konzernleitung die Zahl mit 650 von 4300 Stellen primär an den Standorten Baden und Birr. Der Regierungsrat schaltete sich ein. Im November dann die Botschaft, dass 100 Stellen weniger gestrichen würden. Der Abbau habe zu einem grossen Teil über Fluktuation und Frühpensionierungen erfolgen können, gab der damalige Alstom Schweiz Chef Walter Gränicher bekannt. Die Zahl der Mitarbeitenden in der Schweiz ging auf 3800 zurück. Nach 2005 blühte das Turbinengeschäft wieder auf, der Stellenetat stieg auf 4000.

Im Mai 2011 folgte wieder ein Schock: Minus 750 Stellen hiess es, davon 450 Baden, 310 in Birr. Erstmals stellte sich die Frage, wie sicher der Alstom-Standort Baden überhaupt sei. Regierungsrat Urs Hofmann traf sich mit Andreas Koopmann, Alstom-Länderchef. Im November wird auf minus 360 Stellen korrigiert, man dehnte aber die Kurzarbeit aus. Der Stellenabbau wurde im Jahr 2011 weiter diskutiert. Es kam zu Frühpensionierungen, und man plante einen Abbau in zwei Wellen. Dank besserem Geschäftsgang blieb aber der Stellenabbau aus.