Baden
Erfolgsautor Demian Lienhard bleibt vorerst in der Heimat

Der Badener Schriftsteller Demian Lienhard wollte in Buenos Aires für sein neues Buch recherchieren – nun schreibt er eine andere Geschichte.

Ursula Burgherr
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Demian Lienhard, hier im Hotel Blume in Baden, hat für seinen Debütroman viele Preise gewonnen.

Demian Lienhard, hier im Hotel Blume in Baden, hat für seinen Debütroman viele Preise gewonnen.

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Zum Interview kommt Demian Lienhard gerne ins Bäderquartier. Hier war der Weltenbummler oft, seit er von Berlin zurück ist und wieder in seiner ursprünglichen Heimat Baden wohnt. Die Ausgrabungen faszinieren den 33-jährigen promovierten Archäologen, der heute als Schriftsteller Erfolge feiert: «Für die Schweiz ist die Entdeckung der beiden öffent­lichen Bäder eine Sensation», bekundet er als Experte.

Eigentlich würde er zurzeit in Buenos Aires weilen. Für die Arbeit an seinem nächsten Roman wurde ihm von der Kulturförderung der Stadt Baden ein halbjähriger Atelieraufenthalt in der argentinischen Hauptstadt zugesprochen. Dort wollte er zum Thema der Flucht von NS-Tätern nach Südamerika recherchieren. «Abertausende von Nationalsozialisten und Faschisten flüchteten nach dem Zweiten Weltkrieg Richtung Argentinien und waren plötzlich verschollen», berichtet Lienhard aus dem Inhalt des neuen Buchs.

Der fiktiven Handlung liegen reale historische Begebenheiten zugrunde, die monatelange Recherche erfordern. Corona machte Lienhards Auslandspläne allerdings zunichte. «Natürlich bin ich etwas enttäuscht», gesteht er und lacht dann vielsagend: «Ich habe aber noch einen anderen Pfeil im Köcher.» Der Autor hat ein zweites Manuskript, an dem er arbeitet. «Es geht um einen irisch-stämmigen Amerikaner, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin geht und zum bekanntesten Moderator eines englischsprachigen Radiosenders wird, der nationalsozialistische Propaganda nach Grossbritannien sendet.»

Zunehmende Bürokratie trieb ihn zum Schreiben

Die Vergangenheit faszinierte Lienhard schon immer. Deshalb entschied er sich zuerst für ein Archäologiestudium und arbeitete nach der Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universität in Frankfurt. Doch die zunehmende Bürokratie desillusionierte ihn. «Per Vertrag hätte ich 35 Prozent meines Pensums der Forschung widmen können. Real waren es aber höchstens drei Prozent», moniert er. Und weil dem Geschichtenerzählen und Schreiben schon immer seine heimliche Leidenschaft galt, begann er einige seiner Kurz­geschichten an Wettbewerben einzureichen. «Der Einstieg war harzig», erinnert sich Lienhard. Doch dann hagelte es nur so von Preisen. Zweimal wurde er mit einer Erzählung zum Finale des «Open Mike» in Berlin, dem wichtigsten Nachwuchsliteraturwettbewerb im deutschsprachigen Raum, eingeladen. Er erhielt Auszeichnungen von den Literaturhäusern Lenzburg und Zürich.

Mit einem Kapitel aus seinem Debütroman «Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat» erreichte er den 2. Rang des Literaturpreises Prenzlauer Berg. Mit ebendiesem Buch, das im Frühling 2019 erschien, stand er auf der Shortlist des «Klaus-Michael-Kühne- Preises für das beste deutschsprachige Debüt des Jahres». Dazu kam der mit 25'000 Franken dotierte Schweizer Literaturpreis des Jahres 2020 und der Atelieraufenthalt von der Kulturförderung Baden in Buenos Aires, der nun auf unbestimmte Zeit verschoben ist.

Wie viele Bücher er schon verkauft hat, weiss der erfolgreiche Jungschriftsteller nicht. Trotz seines kometenhaften Aufstiegs zeigt er sich im Gespräch als sehr bescheiden, sympathisch und unprätentiös, während Literaturkritiker von seiner «frappierenden Originalität» schwärmen.

Demian Lienhard wartet nicht, bis die Muse ihn küsst. «Ich arbeite sehr strukturiert und sitze täglich von 11 bis 18 Uhr am Computer. Dann bin ich am produktivsten.» Alkohol und Partys kommen beim Schreibprozess nicht in Frage. «Wenn ich mit Kollegen feiere, lege ich danach einen Tag Pause ein.» Bevor er wieder in Baden sesshaft wurde, war er permanent am Umziehen, lebte unter anderem in Chile, Italien, Kanada und China. Aufgewachsen ist er mit seinen drei Geschwistern auf der Allmend.

Er spricht von einer gut behüteten Jugend. Seine Eltern hätten viel Wert auf Bildung gelegt. Es mag deswegen verwundern, dass die Hauptfigur in seinem mehrfach preisgekrönten Roman vom Schicksal stark gebeutelt wird und nach Suizidversuchen, Liebeskummer und schweren Verlusten in der Drogenszene auf dem Platzspitz Zürich landet. «Das dortige Elend in den 80er- Jahren war bei uns zu Hause oft ein Thema. Und obwohl ich diese Zeit nicht persönlich miterlebt habe, wollte ich später das Phänomen erkunden, wie in einer der reichsten Städte der Welt direkt neben der Luxuseinkaufsmeile das grosse Sterben im Drogensumpf stattfand.»