Baden
Erich Obrist: «Ich werde auch Wähler enttäuschen müssen»

Der frisch gewählte Badener Stadtrat Erich Obrist verrät im grossen Interview, wer ihm aus seinem Wahlkampfteam die Leviten las – und was ihm wirklich Sorgen bereitet.

Martin Rupf
Drucken
Teilen
Der frisch gebackene Badener Stadtrat an der Wahlfeier in der «Rampe» am Sonntag: «Ich war wie in Trance.»

Der frisch gebackene Badener Stadtrat an der Wahlfeier in der «Rampe» am Sonntag: «Ich war wie in Trance.»

Alex Spichale

Viel hat der frisch gewählte Stadtrat Erich Obrist (55) in der Nacht auf Montag nicht geschlafen. Bereits morgens um vier hätten ihn die aufwühlenden Erinnerungen an seine Wahl und die anschliessende Wahlfeier in der «Rampe» aus dem Schlaf geholt. Ein kräftiger Kaffee und das Gespräch über seine Wahl wecken in ihm aber die Lebensgeister wieder.

Herr Obrist, wie spät sind Sie gestern Abend ins Bett gekommen?

Erich Obrist: Es wurde etwa halb elf; für einen älteren Mann wie mich ziemlich spät (lacht).

Konnten Sie nach der rauschenden Wahlparty überhaupt Schlaf finden?

Ja, das war kein Problem. Ich war so müde, dass ich sofort eingeschlafen bin.

Dürfte auch noch das eine oder andere Glas Wein dazu beigetragen haben?

Nein. Sie werden es nicht glauben: Ich war während der ganzen Feier derart beschäftigt, dass ich nur zwei Stangen Bier getrunken habe. Zu Hause angekommen, hat mir dann aber meine Frau noch eine Flasche sehr alten Tequila geschenkt, den sie von einer Reise aus Mexiko mitgebracht hat. Eigentlich hätten wir gemeinsam dorthin reisen wollen, wegen meines Wahlkampfs musste ich die Reise aber aussetzen. Wir haben dann je ein Gläschen Tequila getrunken. Ich habs genossen, obwohl ich Tequila eigentlich nicht sonderlich mag.

Zurück zur Wahlfeier. Welcher Moment wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Ach, das ist so schwierig. Es waren so viele Menschen dort, die mich unterstützt haben. Als ich den Raum betrat, war ich wie in Trance. Es gab so viele schöne, berührende Momente. Einer davon war sicher die Darbietung unseres Göttibuben auf der Trommel oder als mir Andreas Courvoisier die Wappenscheibe mit den Wappen von Baden und Wettingen überreichte.

Sie haben den Anwesenden an der Feier kurz den Weg Ihrer Kandidatur bis zur Wahl geschildert und dabei auch erzählt, dass Ihnen beim ersten Treffen des Wahlkomitees einer aus dem eigenen Kreis kräftig die Leviten gelesen habe. Verraten Sie uns, wer es war und welchen Inhalts die Schelte war?

Ich muss etwas ausholen. Es ging damals auch um die Frage, ob ich bei einer Kandidatur Mitglied der SP bleiben soll oder nicht. Eine für mich ganz schwierige Frage – emotional wie auch intellektuell. So schwierig, dass ich im Laufe des Treffens wohl einen zusehends verunsicherten Eindruck abgegeben haben musste. Irgendwann erhob Peter Conrad Senior das Wort und sagte: «So zerknittert wie du da sitzt, gewinnst du keinen Wahlkampf. Du musst dein Auftreten 180 Grad ändern.» Das ist mir schon ziemlich eingefahren.

Hatten Sie während des Wahlkampfs oder nach Ihrer Wahl Kontakt mit Ihrem Kontrahenten Jean-Pierre Leutwyler?

Nein, jamais. Ehrlich gesagt habe ich den Kontakt auch nicht gesucht, sondern mich auf meine Sache konzentriert.

Gab es bereits Reaktionen Ihrer künftigen Kollegen im Stadtrat?

Ja. Meine Vorgängerin Daniela Berger wie auch SP-Stadträtin Regula Dell’Anno waren an der Wahlfeier und haben sich sehr mit mir über meine Wahl gefreut, was auch zeigt, dass der Draht zur SP noch besteht. Auch Roger Huber (FDP) war vor Ort und hat mir gratuliert.

Stadtammann Geri Müller gehörte zu den Abwesenden.

Ja, aber er hat mich kurz vor der Wahlfeier angerufen und mir gratuliert. Gleichzeitig ging es darum, einen Termin zu finden. Wahrscheinlich geht es dann quasi um eine Amtseinführung durch ihn.

Die Erwartungen in Sie sind sehr gross. Das schmeichelt gewiss. Keine Angst, diesen Erwartungen nicht gerecht werden zu können?

Die Erwartungen machen mir tatsächlich Angst. Ich werde bestimmt auch nicht alle erfüllen können und auch einige Wähler enttäuschen müssen; es dürfen einfach nicht mehr als 50 Prozent sein (lacht). Aber ein 13-jähriger Schüler hat mir ein gutes Rezept mitgegeben: «Bleiben Sie einfach so wie Sie sind, dann kommts schon gut.»

Einfacher gesagt als getan. Gerade nach einer solch glanzvollen Wahl könnte ja die Gefahr bestehen, die Bodenhaftung zu verlieren.

Klar, ein Amt verändert einen auch immer. Meine Lust an der Politik und meine Kreativität werde ich mir auf alle Fälle bewahren. Zudem habe ich genügend Bodenhaftung und ein Umfeld, dass mir schon rückmelden würde, wenn ich mich zum Unguten verändern sollte.

Impressionen von der Wahlfeier:

November 2015: Erich Obrist wird in den Badener Stadtrat gewählt. Erich Obrist freut sich über seine Wahl
13 Bilder
Obrist bedankt sich
Erich Obrist in Stadtrat gewählt: Impressionen von der Wahlfeier.
Erich Obrist in Stadtrat gewählt: Impressionen von der Wahlfeier.
Erich Obrist an Wahlfeier
Erich Obrist in Stadtrat gewählt: Impressionen von der Wahlfeier.
Erich Obrist in Stadtrat gewählt: Impressionen von der Wahlfeier.
Erich Obrist in Stadtrat gewählt: Impressionen von der Wahlfeier.
Gemeinsam wird gesungen

November 2015: Erich Obrist wird in den Badener Stadtrat gewählt. Erich Obrist freut sich über seine Wahl

Alex Spichale

Läuft alles nach Plan, dann werden Sie von Ihrer Vorgängerin das Ressort Kultur sowie Kinder, Jugend und Familie erben. Ihr Wunschressort?

Könnte ich frei wählen, ich würde wohl tatsächlich dieses auswählen.

Obwohl es andere Ressorts gibt, wo Sie sich – auch im Hinblick auf eine allfällige Ammannkandidatur in knapp zwei Jahren – besser profilieren könnten?

Da mache ich mir keine Sorgen. Mit der Sanierung Langmatt, dem «Royal» oder etwa den Themen Kinderhort und Mittagstisch, um nur ein paar Beispiele zu nennen, würden spannende, herausfordernde Geschäfte auf mich zukommen, bei denen ich sicher zeigen kann, was in mir steckt. Darüber hinaus möchte ich mich auch weiter für eine stärkere regionale Zusammenarbeit starkmachen.

An der Wahlfeier durfte auch Ihre Frau viele Gratulationen entgegennehmen. Haben Sie gar kein mulmiges Gefühl, wenn Sie daran denken, dass Ihre gemeinsame Zeit nun noch knapper werden dürfte?

Ja und nein. Wir sind uns bewusst, dass wir der Beziehung Sorge tragen müssen. Nach dem Wahlkampf sind wir nun beide ziemlich erschöpft, weshalb wir uns über Weihnachten Ferien gönnen, ehe es dann Anfang 2016 losgeht. Wir nehmen uns bewusst Zeit füreinander; die Sonntage sind so weit als möglich heilig. Nur etwas bereitet mir Sorge.

Ich höre.

Bis jetzt war es immer ich, der zu Hause das Abendessen gekocht hat. Ich weiss nicht, ob ich diesen Auftrag weiterhin zur Zufriedenheit meiner Frau werde ausüben können.