Früher setzte sich Mehdi nicht gerne hin für Gespräche, er stand lieber. Seinen Beinen wollte er keine Pause gönnen, denn sie sollten immer kräftiger werden. Als er Mitte zwanzig viele Karate-Turniere gewann und Asienmeister wurde, da hätten seine Oberschenkel einen Umfang von 70 Zentimetern gehabt. «Ich war kräftig wie ein Baum und schnell wie ein Tier.»

Seit ein paar Jahren aber, sagt Mehdi, seine Beine passen nun in gewöhnliche Hosen, seit ein paar Jahren sei er eigentlich fast immer müde, und Kraft spüre er kaum mehr, das Rheuma im Bein mache ihm zu schaffen, darum setze er sich für das Gespräch mit der Zeitung lieber auf einen Stuhl. Vieles sei anders als zu seinen Zeiten als Champion, er verspüre manchmal Angst – ein Gefühl, das er auf der Matte beim Kampf nicht gekannt habe. Nun wache er manchmal auf und habe Angst, die Rechnungen nicht bezahlen zu können und seinen Kiosk-Imbiss an der Stadtturmstrasse zu verlieren.

Weiss, wie viel Fleisch in einen Kebab gehört

Mehdi verkauft in Baden seit 12 Jahren Kebabs, für viele sind es die besten in der Stadt. Brot und Sauce sind hausgemacht. Er wisse ziemlich genau, wie viel Fleisch in einen Kebab gehöre, damit man angenehm satt werde und sich die Mahlzeit im Magen angenehm anfühle. Darum habe er wohl so viele Stammkunden – achtzig Prozent der Leute, die einmal in einen seiner Kebabs gebissen hätten, kämen wieder zu ihm.

Dass er so viele Kunden habe, sei eigentlich erstaunlich, denn sein Laden befinde sich auf der schlechteren Seite des Bahnhofes. Das Geschäft laufe ganz gut, erzählt Mehdi. Anfang dieses Jahres konnte er seinen Imbiss-Kiosk sogar ein wenig umbauen. Mehdi ist stets freundlich, fragt jedes Mal, ob das Essen geschmeckt hat. Wer fragt, wie es denn so läuft, hört aber doch ziemlich oft: «Es geht so.»

Wer Mehdi ein bisschen von sich selbst erzählt, dem erzählt auch Mehdi seine Geschichte, die zumindest gut erfunden ist, falls sie nicht bis ins letzte Detail stimmen sollte. Sie dauert etwa 15 Minuten – gerade passend lang, um einen köstlichen Kebab mit Cocktailsauce zu essen und dann noch einen Kaffee zu trinken.

Auf den Strassen Teherans aufgewachsen

Er sei in Teheran im Iran aufgewachsen, erzählt Mehdi, «auf der Strasse». Dort lebten viele Leute, die nichts anderes zu tun gehabt hätten, als sich zu prügeln. «Ich habe nie Streit gesucht, aber verteidigt habe ich mich immer.» Seine Mutter fand dann aber irgendwann doch, er prügle sich zu oft, und schickte ihn in den Karateunterricht, wo er vom Schläger zum Sportler wurde. So begann die glücklichste Zeit seines Lebens.

Wenn Mehdi in aller Ruhe ein Kebab-Brot in die Hand nimmt, das Fleisch abschneidet, behutsam die Zutaten beifügt – Salat, Zwiebeln, Tomaten – und schliesslich die Sauce, dann kann man sich nicht sofort vorstellen, dass dieser Mann einst ein flinker Champion war. Doch dann erzählt Mehdi von seinem Weg zum Profisportler, er zeigt Ansätze von Schlägen, macht einen Handstand, er lacht viel und erzählt fröhlich, und als er mit der flachen Hand gegen die Tischkante schlägt, die an der Wand befestigt ist, da tönt es laut und dumpf. Er vermisse den Sport jede Sekunde, sagt er, als die Scheibe des Imbisshäuschens nicht mehr zittert.

Er habe nicht so viel trainiert wie seine Gegner. «Aber wenn ich auf der Tatami stand, der Matte, dann war mein Herz stark, mein Geist klar und mein Körper wach.» Als junger Sportler habe er alles gegessen, was ihm in die Finger kam, er habe Energie gebraucht. Darum könne er heute nur den Kopf schütteln, wenn Jugendliche nach dem Krafttraining einen Kebab ohne Sauce bestellten. «Wer im Sport erfolgreich sein will, der sollte auch ab und zu einen Kebab essen, einen Kebab mit allem», sagt er und lacht.

Mehdi also ass viel, er hatte Talent und keine Angst, und irgendwann habe er die Gabe entwickelt, bei Wettkämpfen im richtigen Moment das richtige zu tun – von da an habe er Geld mit seinem Sport verdient.

Manchmal, sagt Mehdi, schalte er beim Fernsehschauen zufällig auf einen Sender, auf dem Karate gezeigt wird. «Dann muss ich weinen.»

Der Plan von der Karateschule

Mehdis Plan wäre es eigentlich gewesen, einmal Karatetrainer zu werden, oder eine Karateschule zu betreiben. Doch zum Ende seiner Sportlerzeit, nachdem er in vielen Ländern gekämpft hatte, im Iran, in Japan, Kuwait, Italien, Holland, Russland und der Schweiz –, am Schluss seien einige Dinge schlecht gelaufen, über die er nicht reden wolle, das sei Privatsache.

Seit 2001 lebt Mehdi ohne seine Familie in der Schweiz. In jenem Jahr biss er zum ersten Mal in seinem Leben in einen Kebab, und es schmeckte. Weil er keinen Abschluss besitzt und nichts anderes kann, wie er sagt, verkaufe er nun halt Kebabs. «Das ist mein einziger Weg.» Er lebe seinen Job und mache die Arbeit gerne, sagt Mehdi, wenn da nur nicht die Schulden wären. Er würde sich manchmal wünschen, die Stadt erlaubte es ihm, draussen vor dem Imbiss-Kiosk Tische aufzustellen, damit mehr Gäste Platz haben.

Als Zigeuner beschimpft

Mit ebenso grosser Leidenschaft wie als Sportler versuche er nun, sein Produkt jeden Tag, jede Woche besser zu machen, und dabei immer freundlich zu den Kunden zu sein. Nur äusserst selten falle ihm das schwer, zum Beispiel, wenn er wie neulich als Zigeuner beschimpft werde, das möge er nicht. Dann beisse er auf die Zähne, statt zu schimpfen, und freue sich darauf, nach Hause zu gehen. Dort schaue er oft fern, er mag den Tennisspieler Rafael Nadal, der kämpft wie ein Stier. Sehr wahrscheinlich hat Mehdi als Profi mit ebenso grosser Leidenschaft gekämpft wie Nadal.