Baden

Erst Nordisch Kombinierer, nun Triathlet – der nimmermüde Urs Grieder

Baden Urs Grieder (58), Inhaber von «Grieder Sport», nimmt am Sonntag zum 30. Mal am grössten Triathlon der Welt, der «Challenge Roth», teil – das hat vor ihm noch kein ausländischer Athlet geschafft.

Es waren die härtesten und gleichzeitig schönsten Stunden, die Urs Grieder 1988 am Ironman im mittelfränkischen Roth erlebt hatte. Nach 3,8 Kilometern Schwimmen und 180 Kilometern Radfahren wollte er das Rennen aufgeben, war müde, hatte genug.

Doch getrieben von Zurufen des Publikums kämpfte sich der damals 29-Jährige auf die Laufstrecke. 42 Kilometer sowie 9 Stunden und 29 Minuten später durchquerte er die Ziellinie.

«Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich war glücklich, erschöpft und stolz zugleich», sagt Grieder (58), der eine Ironman-Bestzeit von 9 Stunden und 14 Minuten hat. Nicht nur, weil er zum ersten Mal einen Langdistanz-Triathlon zurückgelegt, sondern sich mit seiner Rennzeit auch für den Ironman Hawaii qualifiziert hatte.

Das Erlebnis in Roth hat in geprägt: Seit seinem Debüt ist er Jahr für Jahr zurückgekehrt. Am Sonntag wird es das 30. Mal sein. Damit ist er – gemeinsam mit zwei Deutschen – der einzige Athlet überhaupt, der die «Challenge Roth», den grössten Triathlonwettkampf der Welt, so viele Male in Angriff genommen hat.

«Freude – mit einem gewissen Respekt»: Urs Grieder über sein bevorstehendes Triathlon-Jubiläum in Roth.

«Freude – mit einem gewissen Respekt»: Urs Grieder über sein bevorstehendes Triathlon-Jubiläum in Roth.

Seine Konstanz und sein Durchhaltewillen sind erstaunlich, führt er Vollzeit doch die Geschäfte von «Grieder Sport» an der Mellingerstrasse in Baden. «Ich trainiere nach Lustprinzip und Wetter», sagt Grieder, der gelernter Polymechaniker ist und seine Lehre bei Jura Elektroapparate AG gemacht hat. Amateurathleten wie er würden das Geld nicht mit Sport verdienen. Deshalb müsse der Spass im Vordergrund stehen.

«Diesen Grundsatz versuche ich auch immer, meinen Kunden zu vermitteln.» Denn zu oft sehe er Hobbysportler, die stur ihre täglichen Einheiten abspulen und sich fremdbestimmen lassen. «Sporttreiben und fitsein gibt einem ein sehr gutes Gefühl. Dafür braucht es Leidenschaft und nicht Verbissenheit», sagt Grieder, der sechsmal am Ironman Hawaii teilgenommen hat.

Balance zwischen Arbeit und Sport

So kommt es, dass Urs Grieder seine Trainings rund um die Öffnungszeiten seines Geschäfts organisiert: Ist es schön, fährt er mit dem Velo von seinem Wohnort Wangen bei Olten (SO) morgens zur Arbeit und abends zurück. Dabei spult er rund 112 Kilometer ab. In der Mittagspause geht er in Baden schwimmen und das Lauftraining absolviert er zum Grossteil an den Wochenenden zu Hause.

Doch gewisse arbeitsintensive Tage mit 12 Stunden und mehr verbucht er manchmal als Training. Vor allem im Frühling und im Herbst, wenn neue Ware reinkommt, er unzählige Male ins Lager hinuntersteigen, die Produkte im Laden wechseln oder Langlaufski wachsen muss. «Indem ich auf meinen Körper höre, habe ich eine ideale Balance zwischen Arbeit und Training gefunden», sagt Grieder, der zu den Gründern des Tri Clubs Baden gehört.

Grieder ist seit seiner Kindheit sportbegeistert. Er beginnt in der Jugendriege, wechselt später zum Skifahren und bleibt schliesslich bei der Nordischen Kombination (Skispringen und Langlauf) hängen, wo er in den 1970er- und Anfang der 80er-Jahre dem Schweizer Nationalkader angehört. Infolge mehrerer Knieverletzungen muss er den Rücktritt bekannt geben und wechselt zum Triathlon, den er nun seit über drei Jahrzehnten ausübt.

Dass es ihn vor über 30 Jahren nach Baden verschlagen hat, ist seinem Lebenstraum geschuldet. «Ich wollte schon immer ein eigenes Sportgeschäft führen», sagt Grieder. Als er Ende der 1980er-Jahre von seinem Kollegen ein Job-Angebot beim damaligen «Sport Shop» an der Mellingerstrasse bekommt, sagt der gebürtige Solothurner sofort zu. Nach zehn Jahren steigt Grieder als Partner bei «Marka Sport» ein, aus dem er 2012 schliesslich «Grieder Sport» aus der Taufe hob.

«Ich bin glücklich, dass ich hier meinen Traum ausleben kann», sagt der Hobbytriathlet. Auch wenn er schon bessere Zeiten erlebt hat. «Meine Herausforderung besteht nicht darin, Wettkämpfe wie die ‹Challenge Roth› zu Ende zu laufen, sondern die Schulhausplatzbaustelle», sagt er. Seit Beginn der Arbeiten im Sommer 2015 hat Grieder grosse Umsatzeinbussen in Kauf nehmen müssen. «Im letzten Jahr musste ich deswegen eine Kündigung aussprechen.

Mit Ausnahme einiger Aushilfen bin ich nun alleine für den Laden zuständig», sagt er. Mit verschiedenen Events wie der Baustellen-Strongman, urbane Stadtführungen, bei dem Baden laufend erkundet wird, Wähentag, Nordic-Walking-Treff oder Langlaufkursen versucht Grieder, der Baisse entgegenzuhalten. Auch ist vor zwei Jahren eine Partnerschaft mit dem Fislisbacher Holzbaubetrieb Peterhans Schibli & Co entstanden, der mit einem Ladenumbau nun ein Schaufenster bei «Grieder Sport» errichtet hat.

Hilfe der Partnerin

Ob in guten oder schlechten Zeiten: Immer an seiner Seite steht Priska Pfluger. «Meine Partnerin unterstützt mich, wo immer es geht», sagt Grieder. So hilft sie nicht nur im Geschäft regelmässig mit, sondern setzt sich dafür ein, dass er seiner Leidenschaft nachgehen kann. Auch als er vor einigen Jahren mit der Motivation zu kämpfen hatte.

«Ich sagte mir damals öfters, dass weniger mehr ist, und liess mich auch etwas gehen», blickt Grieder zurück. Die Folge: Er ging mit einem schlechten Gefühl an den Start, bekam Angst vor den Renndistanzen. «Priska, die zehnmal den Jungfraumarathon absolvierte, brachte mich zurück auf den Weg.» Dafür sei er ihr sehr dankbar.

Grieder fühlt sich heute wieder fit. Auch ist er bereit für den bevorstehenden Triathlon in Roth. «Ich möchte spüren, wie mein Körper an die Grenzen geht und das Rennen einfach geniessen.» Als Ziel hat er sich eine Zeit von rund elfeinhalb Stunden gesetzt. Vor allem aber freut sich Urs Grieder auf den Zieleinlauf, wenn Hunderte von Zuschauern die Athleten mit tosenden Applaus empfangen, und er von Emotionen überwältigt sein wird. So wie damals, 1988, bei seinem ersten Rennen in Roth.

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