Was in Neuenhof klappt, scheint in Dietikon nicht möglich. Rückblende: Ende März gab der Dietiker Stadtrat bekannt, dass er darauf verzichtet, die bestehenden 13 Defibrillatoren in der Stadt mit Geräten der neusten Generation auszuwechseln. Eine solche Aktualisierung hatte Gemeinderat Olivier Barthe (FDP) in einer Interpellation gefordert. Er wollte, dass die Defibrillatoren durch neue der Dietiker Firma Lifetec ersetzt werden. Diese verbinden im Gegensatz zu den derzeitigen Modellen bei ihrer Aktivierung die Helfer sofort mit dem Rettungsdienst und leiten die örtlichen Koordinaten dem Sanitätsdienst weiter. Für diese Geräte war der Stadtrat aber nicht zu begeistern.

Gebrochene Rippen

Urs Gottesleben konnte nur den Kopf schütteln, als er von der Entscheidung des Stadtrats vernahm. Der Neuenhofer Carrossier setzt seit März auf das interaktive Gerät und versteht die Haltung der Stadt nicht. «Man kann doch nicht von der Bevölkerung erwarten, dass sie sich in einer solchen Ausnahmesituation tatsächlich noch an den Nothelferkurs erinnert», sagt er. Und selbst wenn man wisse, was zu tun sei, sei die Hemmschwelle extrem hoch.

Alles auf die Herzdruckmassage zu setzen, findet er ebenso nicht richtig. «Bei einer Herzdruckmassage bricht man dem Betroffenen ziemlich sicher die Rippen. Leute trauen sich das wohl noch weniger zu als die Betätigung eines Defibrillators», sagt Gottesleben. Er habe Mühe damit, dass sich Dietikon so davor sträube. «Es geht schliesslich um Menschenleben.» Seine Geschichte zeige, dass es eben auch anders gehe.

Olivier Barthe forderte auch für Dietikon neue Defibrillatoren.

Olivier Barthe forderte auch für Dietikon neue Defibrillatoren.

In Gotteslebens Carrosserie im Neuenhofer Industriegebiet hängt bereits seit fünf Jahren ein Defibrillator. Nicht nur seine 16 Mitarbeiter können ihn im Notfall benutzen, sondern auch die Unternehmen der Nachbarschaft. Jedoch nur solange die Carrosserie im Neuenhofer Industriegebiet geöffnet hat. «Als dieses Jahr der Vertrag auslief und es um die Anschaffung eines Nachfolgegerätes ging, habe ich mir überlegt, dass es mehr Sinn machen würde, ein öffentlich zugängliches Gerät zu haben, von dem die benachbarten Betriebe und ganz Neuenhof Gebrauch machen können», sagt Gottesleben.

Öffentlich zugänglich bedeute aber, dass der Standort des Defibrillators draussen sein müsse. «Ich habe mich gefragt, ob es überhaupt Geräte gibt, die wetterfest sind und Temperaturschwankungen aushalten.» Gottesleben fand heraus, dass die Firma Lifetec, von der er bereits das erste Gerät leaste, unterdessen wetterresistente und interaktive Geräte produziert.

Keine Überzeugungsarbeit nötig

Der Carrosserie-Besitzer konnte auch die Nachbarsbetriebe von seiner Idee begeistern. «Ich ging auf sie zu und fragte, ob sie bereit wären, mitzumachen und sich an den Kosten für den öffentlichen Defibrillator zu beteiligen», sagt Gottesleben. Zu seinem Erstaunen habe er keine Überzeugungsarbeit leisten müssen. Die elf Betriebe willigten ein. Und auch die Gemeinde Neuenhof holte er ins Boot. Sie und die anderen Unternehmen, darunter Garagen, Handels- und Industriebetriebe, teilen sich die Kosten von 12'500 Franken für ein Gerät für fünf Jahre.

«Diese Kooperation ist optimal. Wir haben das Sicherheitsproblem gelöst und jeder zahlt nur einen Bruchteil der Kosten», sagt Gottesleben. Auch die Gemeinde ist froh, dass der Unternehmer die Idee eingebracht hat. «Sicherheit ist ein Thema, das uns ständig beschäftigt. Für uns war sonnenklar, dass wir mitziehen», sagt Gemeindeschreiber Raffaele Briamonte.

Er und Gottesleben fanden dann auch einen geeigneten Standort: das Feuerwehrlokal beim Werkhof im Industriegebiet. «Die Glassammelstelle ist da, jeder kennt den Ort», sagt Briamonte. Seit Ende März ist der neue Defibrillator beim Werkhof installiert und aktiv. Eine Premiere für die Gemeinde. «In Neuenhof gibt es zwar vier Defibrillatoren-Standorte, aber keiner ist öffentlich zugänglich wie dieser», sagt Raffaele Briamonte.

Beruhigende Wirkung

Diese Woche wird das alte Gerät in Gotteslebens Carrosserie ausgeschaltet. Informationen zur Benutzung im Notfall, die er in einer Schulung erhalten hat, wird er an seine Mitarbeiter weitergeben. «Es hat für mich als Unternehmer mit Angestellten etwas Beruhigendes, dass wir dieses neue Gerät haben.» Nicht nur im Falle eines Herzinfarkts, sondern auch bei einem anderen Notfall, wenn etwa jemand unter einem Auto liege oder von der Leiter falle, sei das System wertvoll. Die Kooperation im Industriegebiet hat aber noch weitere Folgen, wie Gemeindeschreiber Briamonte verrät: «Wir werden zwei bis drei weitere öffentliche Standorte prüfen.»

Die Geschichte in Neuenhof hat für den Dietiker Stadtparlamentarier Olivier Barthe Vorzeigecharakter. «Neuenhof ist ein Protagonist, ein Vorbild, an dem man sich orientieren kann», sagt er. Die Stadt stehe nun etwas unter Druck, was positiv sei. Irgendwann müsse auch Dietikon den Schritt wagen und die Geräte auswechseln. «Neuenhof zeigt, dass der Zeitpunkt für die Anschaffung neuer Defibrillatoren da ist, oder zumindest näher rückt.» Er werde das Gespräch mit den betroffenen Anspruchsgruppen suchen und herausfinden, wie bald eine solche Geschichte auch in der Gemeinde Dietikon stattfinden könne.