Baden

«Es geht mir nicht in erster Linie um Provokation»

Karikaturist Silvan Wegmann: «Chefredaktoren haben es nicht immer einfach mit mir; ich lasse mich nicht gerne lenken.» Alex Spichale

Karikaturist Silvan Wegmann: «Chefredaktoren haben es nicht immer einfach mit mir; ich lasse mich nicht gerne lenken.» Alex Spichale

Wie der Zöllner Silvan Wegmann Karikaturist wurde und weshalb ihn Guido Westerwelle vor Gericht zerren wollte.

Müsste Silvan Wegmann sich selber karikieren, würde ihm das nicht schwerfallen: «Schau mich an! Krumme Nase, lange Haare und dazu mein Grinsen – eine aufgegleiste Sache», sagt er lachend. Die Aussage zeigt: Der Mann kann nicht nur zeichnend austeilen, sondern auch über sich lachen – und einstecken. «Manchmal fallen die Reaktionen der Leser auf meine Karikaturen schon sehr heftig aus; dann braucht es eine dicke Haut.»

Seit 18 Jahren hält der Badener mit spitzer Feder das Weltgeschehen fest. Zu seinen Stammblättern gehören auch die Aargauer Zeitung und die «Schweiz am Sonntag». Doch wie wird man überhaupt Karikaturist? Tat sich klein Wegmann etwa schon in der Schule als aufmerksamer Beobachter und scharfer Kommentierer des täglichen Lebens hervor? «Nein, überhaupt nicht. Ich war ein schüchterner, eher zurückhaltender Junge», sagt der 44-Jährige.

«Die Schlagfertigkeit kam erst mit der Pubertät.» Das Einzige, was schon früh auf eine spätere Karriere als Karikaturist hingedeutet habe, seien seine zeichnerischen Fähigkeiten gewesen. Trotzdem schlug er erst einen anderen – sagen wir mal konventionellen – Weg ein. Nach Bezirksschule in Baden, Kanti in Olten und Zollschule in Liestal arbeitete er als Zollbeamter; unter anderem auch am Flughafen Zürich. «Lange habe ich es aber als Beamter nicht ausgehalten, der tägliche Papierkram war enorm», sagt Wegmann rückblickend.

Aufs Blaue hinaus habe er gekündigt und sich im Alter von 21 Jahren an der Schule für Gestaltung F + F in Zürich eingeschrieben; später folgte die Fachhochschule für Kunst. «Um mich über Wasser zu halten, habe ich im Postbahnhof Mülligen Päcklidienst gemacht.» An seine erste Karikatur (siehe unten) erinnert er sich noch gut: «Das war 1996, als der damalige französische Präsident François Mitterrand starb.»

Er habe die Karikatur unten am Empfang des damaligen «Badener Tagblatts» auf gut Glück abgegeben. «Umso erstaunter war ich dann, als sie tatsächlich im BT abgedruckt wurde.» Wenig später sei er angefragt worden, ob er offiziell für das «BT» (wenig später erfolgte die Fusion mit dem «Aargauer Tagblatt» zur Aargauer Zeitung) zeichnen wollte. Obwohl er auch das Zeug zum Kunstmaler gehabt hätte – er schloss die Fachhochschule als Klassenbester ab –, habe er sich für eine Laufbahn als Karikaturist entschieden. «Satire, vor allem die politische, hat mich schon immer besonders gereizt.»

Heute arbeitet der Vater einer neunjährigen Tochter unter dem Pseudonym «Swen» fix für rund sieben Zeitungen und hat auch schon einige Auszeichnungen eingeheimst. So unter anderem den Ranan-Lurie-Award der UNO und zuletzt den Deutschen Preis für die politische Karikatur für eine Karikatur über Angela Merkel (siehe unten). Was macht denn eine gute Karikatur aus? «Wie eine gute Werbung; sie muss einfach sein und vom Leser innerhalb von drei Sekunden erfasst und verstanden werden können.» Ziel einer guten Karikatur sei es, den Leser zu überraschen und irgendwie auch auf dem falschen Fuss zu erwischen. «Wobei es nicht in erster Linie um die Provokation geht.»

Apropos Provokation: Es heisst, Satire dürfe alles – Ihre Meinung, Herr Wegmann? «Ja, absolut. Es gibt höchstens die Grenze des gesunden Menschenverstandes.» Auch die Mohammed-Karikaturen aus dem Jahr 2005 – er fand sie zwar nicht sonderlich originell – erachtet Wegmann als zulässig. Gerade weil Wegmann findet, Satire dürfe alles, werde er von Chefredaktoren immer mal wieder zurückgepfiffen. «Aber sie reden schon viel weniger drein als zu meinen Anfangszeiten», sagt der Karikaturist und setzt sein verschmitztes Grinsen auf. Die Chefs hätten es nicht immer einfach mit ihm: «Ich lasse mich nicht gerne lenken.» Das bedeute aber nicht, dass er keine Kompromisse eingehen könne. «Grundsätzlich stelle ich fest, dass die Deutschschweizer Medien weniger mutig sind als etwa Zeitungen in der französischen Schweiz.» Deutschschweizer würden viel eher den Konsens suchen.

Christian Dorer, Chefredaktor der Aargauer Zeitung, sagt: «Ich bin stolz, dass Silvan Wegmann seine Karriere bei unserer Zeitung begonnen hat.» Wegmann zeichne aus, dass er oft die ganz spezielle, aber gleichzeitig simple und deshalb geniale Idee habe. Und: «Ich erinnere mich nicht, ihn je zensiert zu haben», so Dorer. Klar, manchmal diskutiere man gemeinsam einen ersten Entwurf. «Allerdings nicht, wenn er zu frech ist, sondern wenn er zu simpel ist – bisher war die zweite Version dann um Welten besser.»

Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Sonntag», ergänzt: «Silvan bringt Geri Müllers Massagen in Badens Stadtverwaltung gleichermassen auf den Punkt wie den Konflikt in der Ukraine. So breit ist kaum ein Karikaturist.» Auch er könne sich nicht erinnern, ihn je zensuriert zu haben. «Aber klar, ich nehme nicht jede Karikatur. Was ich zum Beispiel nicht mag: Wenn alle auf jemanden eindreschen und es dann ein Karikaturist auch noch tut. So finde ich etwa Anti-Kirchen-Karikaturen langweilig.» Doch auch hier sei Wegmann vorbildlich – eben anders als die anderen.

Obwohl er selber nicht so sehr auf Konsens aus sei, sei er noch nie vor Gericht gelandet. «Dreimal hat man versucht, mich vor Gericht zu zerren; ohne Erfolg.» Wirklich brenzlig wurde es nur einmal im Jahr 2005: «Ich zeichnete für die deutsche Zeitung der IG Metall einen Moskito auf der Frontseite, der mit einem Uncle-Sam-Hut grüsst und über deutsche Firmen herfällt – eine Anspielung auf die Heuschreckendebatte. Die FDP, insbesondere Guido Westerwelle, warfen mir und der IG vor, uns an den Symbolen der Nazis mit ihren Karikaturen anzulehnen. Juden wurden damals als Ratten und Schmeissfliegen dargestellt. Die grossen deutschen Zeitungen wie ‹FAZ›, ‹Stern›, ‹Berliner Morgenpost› sprangen auf den Zug auf. Erst als der ‹Spiegel› sachlich berichtete und verschiedene Historiker und altgediente Journalisten meinten, das Ganze hätte nichts mit der Stürmersymbolik zu tun, legte sich der ganze Wirbel.»

Er sei ein richtiger Newsjunkie – eine absolute Voraussetzung eines jeden guten Karikaturisten. «Wenn ich in einer Beiz sitze und im Hintergrund laufen gerade die Nachrichten, dann höre ich mit einem Ohr mit und male mir – zumindest im Unterbewusstsein – bereits die Karikaturen aus. Überhaupt bezeichnet sich Wegmann als politischen Menschen, auch wenn er nie selber in die Politik einsteigen würde: «Dann müsste ich viel zu viel Kompromisse eingehen.»

Was sich in und um Baden tut, verfolgt Wegmann mit grossem Interesse. Auch wenn er der Stadt attestiert, sie entwickle sich und es gebe viel mehr kulturelle Angebote als früher, findet er auch kritische Worte. Insbesondere das Kulturlokal Royal liegt ihm am Herzen: «Ich befürchte, die Stadt verschläft das Royal.» Einmal mehr drohe ein besonderer Raum für Nischenkultur verloren zu gehen.

«Es ist sensationell, was die Betreiber ehrenamtlich auf die Beine stellen. Die Stadt muss versuchen, die schützende Hand über das Royal halten.» Baden nennt sich Kulturstadt, doch hierfür bräuchte es noch mehr Kultur-Räumlichkeiten. Weiter äussert er grosse Sorgen über die immer höheren Wohnungspreise in Baden. Und wenn er an die nächste Badenfahrt denkt, äussert er bereits folgenden Wunsch: «Wieder mehr kleine Vereinsbeizen und weniger ideenlose, protzige Bauten wie etwa das Lokal auf der Schlossruine Stein.»

44 Jahre ist Wegmann jetzt alt – zeichnet sich bereits eine Midlifekrise ab? «Nein, bisher keine Spur. Ich nehme es, wie es kommt.» Klar beschäftige auch ihn, wie sich die Medienbranche entwickelt. «Haben Karikaturen weiter ihren Stellenwert, auch wenn alles online erscheint?», fragt er sich konkret. Immerhin hätte er noch einen Trumpf im Ärmel. Denn dank seines Talents ist durchaus eine zweite Karriere mit Pinsel und Staffelei denkbar – «Swen» auf Picassos Spuren sozusagen.

Ausstellung: Aus Anlass seines 18-Jahr-Jubiläums bei der az stellt «Swen» vom 28. April bis 10. Mai im Restaurant Isebähnli in Baden einige seiner Cartoons aus.

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