Ein Übungsraum gewinnt keinen Schönheitspreis. Der mausgraue, etwas gedrungen wirkende Saal im Schulhaus Neuenhof macht da keine Ausnahme. In ein Tal der Tränen muss deswegen keiner fallen. Wer genauer hinsieht, entdeckt in den Ecken viele, wie zufällig arrangierte Holzkisten, die an kleine Lautsprecher erinnern. Fehlanzeige. Es handelt sich um Cajóns – Kistentrommeln, auf denen die Spieler sitzen und sie mit den Händen bearbeiten. In Neuenhof stehen sie gleich im Dutzend herum. Hergestellt haben sie Schülerinnen und Schüler, die am ersten pädagogischen Projekt von Tanz & Kunst Königsfelden teilnehmen. Projekt? Gesamtkunstwerk.

Brigitta Luisa Merki, die künstlerische Leiterin, spinnt das Thema von «babel.torre», das 2013 in der Klosterkirche für Furore sorgte, mit jungen Menschen, Künstlerinnen und Künstlern aus den Sparten Musik, Tanz, Bildende Kunst und Film weiter. «babel.überall» lautet jetzt der ursprünglich anders lautende Titel, der Schüler, Lehrpersonen und Kunstschaffende zusammenbringt, um eine Aufführung zu erarbeiten, die im Mai sechsmal in der Klosterkirche Königsfelden zu sehen sein wird.

Merki geht es nicht primär um die Aufführung, sondern das «Heranführen junger Menschen an Kunstformen». Künstlerische Impulse aufnehmen, darauf reagieren und agieren – auf der oder hinter der Bühne; geleitet und befeuert von Kunstschaffenden – das ist der Weg. Und dieser ist wichtiger als das Ziel.

In der Schule Neuenhof stiess das pädagogische Projekt auf offene Ohren. Eingebunden sind seit Oktober vergangenen Jahres die erste bis dritte Oberstufe (inklusive Sonderschule) sowie zwei fünfte Klassen und Lehrpersonen. Die Schule Neuenhof fasziniert Merki. «Sie ist ein Schmelztiegel mit bis zu 30 Nationen», sagt sie und lässt einen prüfenden Blick über den Raum schweifen.

Stühle sind im Halbrund platziert; vor jedem Stuhl steht eine Djembe – eine afrikanische Trommel, deren Korpus aus einem ausgehöhlten Baumstamm besteht. Was wird passieren? Man weiss es blitzartig, als die Türe aufgeht und ein ebenso Kraft wie Fragilität ausstrahlender Mann den Raum betritt: Pierre Favre. Eine Perkussionslegende, deren Alter – 77 – bestimmt ein kapitaler Irrtum ist. Favre ist einer der Musiker, der mit den Kindern und Jugendlichen arbeitet. Wortreiche Erklärungen erübrigen sich, weil Favres Anteilnahme und Herzlichkeit eine natürliche Autorität verraten. Wie laufen die Proben ab? «Es ist so einfach – man fängt an», sagt der Musiker, den nicht der leiseste Hauch von Starallüren umgibt.

Und wieder geht die Türe auf – Schülerinnen und Schüler strömen herein, besetzen ihre Plätze und . . . Tom-Tom-Tom-tatatatum . . . Selbst wenn noch keine rasch-raffinierten, Herzklopfen hervorrufenden Rhythmen erklingen, erliegt man diesem vollmundigen Klang. Jetzt versteht man Pierre Favres vorgängigen Satz besser: «Ich liebe es, die Energie nach oben zu bringen. Aber sie dort oben zu halten, das ist schwierig.» Schwierig erscheint in diesen hoch konzentrierten, pausenlosen 60 Minuten nichts. Die Gruppe hängt nicht an Favres Lippen, sondern an seinen Händen. «Nicht schlagen», sagt der Perkussionist, «streichelt die Trommel. Hört mal, wie schön sie jetzt klingt.» Auch Brigitta Luisa Merki nickt. Die Freude über diese Stunde steht ihr ins Gesicht geschrieben. Noch wird sie viele weitere Proben mit scharfem Blick verfolgen. Sie muss diese Puzzlesteine sehen, um «das Ganze dramaturgisch zu bündeln».