Baden/Oberrohrdorf

«Es ist wunderbar, über unsere Liebe sprechen zu dürfen»

Eva Schweizer (l.) und Karin Rüegg in ihrer Wohnung in Oberrohrdorf. Das Bild im Hintergrund ist von der Künstlerin und Dichterin Karin Rüegg.

Eva Schweizer (l.) und Karin Rüegg in ihrer Wohnung in Oberrohrdorf. Das Bild im Hintergrund ist von der Künstlerin und Dichterin Karin Rüegg.

Die frauenliebenden Frauen Eva Schweizer und Karin Rüegg treten heute Abend an der Lesung «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert» der Historikerin Corinne Rufli auf

Eva Schweizer und Karin Rüegg sind keine Schwestern, auch wenn viele das gerne glauben. Sie sind seit 35 Jahren ein Paar und leben in einer eingetragenen Partnerschaft in Oberrohrdorf.

Mit dem Buch «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert» der Badener Journalistin und Historikerin Corinne Rufli ist für die beiden ehemaligen Lehrerinnen eine neue Ära angebrochen – eine Ära der Sichtbarkeit.

Es ist das erste Buch in der Schweiz, das sich mit frauenliebenden Frauen über siebzig befasst. Darin erzählen elf Frauen, darunter die 74-jährige Eva Schweizer und die 77-jährige Karin Rüegg, ihre Lebensgeschichten.

Mit dem Buch hat Rufli den Frauen eine Stimme gegeben, die sie bisher nie hatten. Eine Stimme, die Gehör findet. Denn wie die «Schweiz am Sonntag» berichtete, war das Buch in nur drei Wochen ausverkauft, weshalb jetzt bereits die zweite Auflage über den Ladentisch geht.

Damit nicht genug: Nach Artikeln in diversen Schweizer und deutschen Medien, einer Vernissage, die alle Erwartungen sprengte, freut sich Rufli mit «ihren Frauen» über Anfragen für Lesungen in Wien und Berlin. Nach Lesungen in Zürich, Basel und Bern tritt sie heute Abend, gemeinsam mit Schweizer und Rüegg, in Baden auf.

Steinige Wege mit Happy End

«Es ist eine wunderbare Erfahrung, dass wir in aller Öffentlichkeit über unsere Liebe sprechen dürfen und dass sich so viele Menschen für unsere Geschichten interessieren», sagt Rüegg.

Sie – Sängerin, Malerin und Dichterin – geniesst diese Momente auf der Bühne. Sie sei dankbar, dass sie in ihrem Alter eine solche Blütezeit erleben dürfe. Dass die Resonanz so gross sein wird, hätte keine der beiden gedacht.

«Neulich wurde ich sogar auf der Strasse angesprochen, ob ich die Frau aus der ‹Schweizer Illustrierte› sei», sagt Eva Schweizer und lacht.

Doch wo die Sonne scheint, gibt es auch Schatten: «Die Auseinandersetzung mit unseren Geschichten hat viel Schmerz ausgelöst», sagen Schweizer und Rüegg. «Wir waren uns nicht bewusst, wie viel Seelenarbeit mit dem Buch auf uns zukommen würde», erklären sie.

«Ich musste mich aus sehr engen Verflechtungen lösen, um freie Fahrt für mein Leben zu gewinnen», sagt Schweizer. Aus einer Vorzeigefamilie stammend, galt es für sie, sich in ein enges gesellschaftliches Korsett zu zwängen. Ihr Weg, aus ihrem pietistischen Herkunftsmilieu zur eigenen Identität, war steinig.

«Das Schwierigste für mich war, meine Familie zu verlassen», sagt Schweizer, die sich aus einer Ehe lösen musste, um ein Leben mit Karin zu beginnen. Lange war sie geplagt von Schuldgefühlen. «Ich konnte mich nicht mit mir selbst versöhnen.»

Nur eine Therapie und die gute Beziehung zu ihrer Partnerin konnten ihr helfen. Das Verhältnis zur Familie sei heute gut, mittlerweile hat sie sechs Grosskinder. Durch die Auseinandersetzung mit ihrem Leben für das Buch habe sie den inneren Frieden gefunden. «Es hat sogar zu Versöhnungen innerhalb der Familie geführt», freut sie sich.

Karin Rüegg: «Für mich war die Aufgabe vergleichsweise einfach. Als ich Eva kennenlernte, lenkte ich mein schwankendes Lebensschiff in einen sicheren Hafen.» Doch auch sie hatte vorerst mit sich selbst zu kämpfen.

Rüegg, die – wie sie selber sagt –, dem Teufel vom Karren gefallen ist, wanderte jahrelang verstört durch die Welt, weil sie Gefühle für Frauen hatte, Frauenliebe aber nicht existierte. «Dennoch rutschte ich von einer Verliebtheit in die andere. Immer mit dem Gefühl, dass das eigentlich nicht sein darf», sagt sie.

Doch es darf sein, und es ist: «Es ist mein Glück, dass ich heute mit einer Frau und gerade mit dieser Frau zusammenleben darf», sagt Eva Schweizer. Nicht lieben zu können, sei ihr tiefster Schmerz gewesen. Doch der lange, steinige Weg habe sich gelohnt. «Heute darf ich solche Freude erleben.»

Lesung: «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert» von Corinne Rufli mit Eva Schweizer und Karin Rüegg, heute Abend, 20.30 Uhr, Baden, Bahnhof Oberstadt, Kollekte.

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