Interview
«Es kann noch viel passieren»: Woran die Fusion von Baden und Turgi scheitern könnte

Wegen der Mentalität der Menschen in der Region sei das Zusammenschlussprojekt einzigartig, sagt der externe Berater Jean-Claude Kleiner. Widerstand gibt es bisher kaum – doch das könne sich bis 2023 ändern, warnt er.

Pirmin Kramer
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Jean-Claude Kleiner: «Wirklich interessant ist: Der gegenseitige Respekt ist ungemein gross. Baden blickt nicht von oben auf Turgi herab.»

Jean-Claude Kleiner: «Wirklich interessant ist: Der gegenseitige Respekt ist ungemein gross. Baden blickt nicht von oben auf Turgi herab.»

zvg

Im Juni wird in Baden und Turgi an der Urne entschieden, ob ein Fusionsvertrag ausgearbeitet werden soll. Welche Vorteile hätte ein Zusammenschluss für die beiden Partner? Der externe Berater Jean-Claude Kleiner, der schon viele Fusionsprojekte im Aargau begleitet hat, nimmt Stellung.

Herr Kleiner, wie wahrscheinlich ist es, dass der Zusammenschluss zu Stande kommt?

Jean-Claude Kleiner: Ich glaube, dass die geplante Fusion gute Chancen hat.

Warum?

Es ist eine Win-win-Situation. Für beide Partner bieten sich interessante Möglichkeiten.

Auch für Baden?

Ja, auf jeden Fall. Turgi hat Entwicklungspotenzial und verfügt über einige Flächen, die noch erschlossen werden können. Es hat in Turgi auch Platz für neues Gewerbe, während in Baden bereits vieles überbaut ist. Eine Fusion bietet für Baden vor allem aus raumplanerischer Sicht interessante Vorteile beziehungsweise Entwicklungspotenzial. Turgi wiederum wird als Ortsteil der Stadt Baden von einem tieferen Steuerfuss profitieren.

Auffällig ist: Bisher gibt es kaum Widerstand, kaum Kritik. Das ist doch aus Sicht der Befürworter viel zu schön, um wahr zu sein.

Vergessen Sie nicht: Das Projekt befindet sich nach wie vor in der Startphase. Im Juni 2021 wird noch nicht über die Fusion abgestimmt, sondern über die Frage, ob ein Fusionsvertrag ausgearbeitet werden soll oder eben nicht. Die entscheidenden Abstimmungen folgen 2023; bis dann kann noch viel passieren. Aber es ist schon auffällig ruhig. Das hängt auch mit der Pandemie zusammen. Es ist bedauerlich, dass der Stadtrat Baden und der Gemeinderat Turgi nicht direkt zur Bevölkerung sprechen können. Wir haben kürzlich eine Informationsveranstaltung mit einem «Livestream» mit guter Resonanz realisiert. Das hat gut funktioniert, ist aber nicht dasselbe, wie wenn man die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger persönlich ansprechen kann.

Woran könnte das Projekt scheitern?

Das Logo der Fusion.

Das Logo der Fusion.

Zvg

Bei Fusionen sind drei Ebenen, drei Aspekte entscheidend, die von beiden Partnern mit einem Ja beantwortet werden müssen. Erstens die Kopf-Ebene: Spricht die Mehrheit der Argumente für eine Fusion? Hier gibt es in meinen Augen, wie eingangs erwähnt, viele Sachverhalte, die für ein Ja sprechen. Die zweite Ebene sind die Finanzen. Dass sich die Fusion für Turgi lohnt, liegt aufgrund des künftig deutlich tieferen Steuerfusses auf der Hand. Aus Sicht von Baden ist wichtig festzuhalten: Turgi stellt kein finanzielles Risiko dar. Turgi verfügt über ein ansprechendes Nettovermögen. Hierzu werden wir bald einen ausführlichen Bericht präsentieren. Drittens gibt es die emotionale Ebene: Wollen die Einwohner und Einwohnerinnen von Turgi zu Badenern werden, und wollen die Badener die Turgemer aufnehmen? Hier masse ich mir keine Einschätzung an. Es müssen immer Kopf, Herz und Portemonnaie stimmig sein.

An wem wird die Fusion eher scheitern: An Baden oder an Turgi?

Bisher sind die Signale aus beiden Orten positiv. In Turgi stimmte an einem Workshop mit der Bevölkerung vor eineinhalb Jahren eine sehr grosse Mehrheit einer Fusion zu. Das Ergebnis diente als Auftrag, die Gespräche mit Baden aufzunehmen. Auch der Kredit für das Projekt wurde grossmehrheitlich gutgeheissen. In Baden wiederum nahm das Projekt im Einwohnerrat die erste Hürde ohne grosse Vorbehalte.

"Natürlich verbunden"? Die gemeinsame Grenze von Turgi (vorne) und Baden (oben) ist kurz.

"Natürlich verbunden"? Die gemeinsame Grenze von Turgi (vorne) und Baden (oben) ist kurz.

Sandra Ardizzone

Sind denn Baden und Turgi wirklich «natürlich verbunden», wie der Slogan des Projekts heisst? Man sieht von einem Ort nicht zum anderen. Und die gemeinsame Grenze ist kurz.

Eine interessante Frage: Der grosse Teil der Grenze besteht ja aus Wald. Was mir aber gesagt wurde und was mir auch aufgefallen ist: Betreffend der Mentalität, und das ist sehr wichtig, bestehen viele Gemeinsamkeiten. Ich habe den Eindruck, dass Baden über eine weltoffene Bevölkerung verfügt. Turgi empfinde ich nicht primär als ländlich, obschon es nur 3000 Einwohner zählt. Auch die Menschen in Turgi sind offen und den Badenern ähnlich.

Sie haben schon rund 30 Fusionsprojekte als Berater begleitet. Wie viele sind geglückt?

Ungefähr drei Viertel.

Haben Sie schon erlebt, dass am Anfang alles rosig aussah, die Gesprächspartner aber noch vor der Abstimmung zum Schluss kamen: Wir passen doch nicht zusammen?

Ja, das haben wir auch schon erlebt. Meist waren es dann finanztechnische Unterschiede, die plötzlich ein anderes Gewicht bekamen oder emotionale Aspekte, die teils in der Geschichte begründet waren.

Gibt es einen Aspekt an Baden und Turgi, den Sie speziell finden?

Was wirklich interessant ist: Der gegenseitige Respekt ist ungemein gross. Die Vertreter von Baden, der wirtschaftsstärksten Stadt im Kanton, begegnen dem Nachbarn mit 3000 Einwohnern auf Augenhöhe. Baden blickt nicht von oben auf das bedeutend kleinere Turgi. Es handelt sich um eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, die eindrücklich ist. Man hilft sich gegenseitig. Insofern ist das Fusionsprojekt einzigartig.