«Vieles wird unter den Teppich gekehrt.» So lautete am Dienstag der Titel des Artikels in dieser Zeitung, in dem ehemalige Angestellte der Regionalpolizei Wettingen-Limmattal happige Vorwürfe – auch an die Führung des Korps – formulierten. Von fragwürdigen Personalentscheiden, gefälschten Polizeirapporten und unlauteren Arbeitsmethoden ist die Rede. Hinzu kommt, dass die Gemeinde zweimal vor Verwaltungsgericht wegen teilweiser missbräuchlicher Kündigung gerügt wurde. Alles nur ein Rachefeldzug frustrierter Ex-Angestellter oder bilden die Vorwürfe gar die Spitze eines Eisbergs? Die Reaktionen der verschiedenen Parteien fallen ganz unterschiedlich aus.

Loblied auf den Kommandanten

«Als ich den Artikel gelesen habe, war ich doch sehr erstaunt», sagt CVP-Fraktionspräsident Christian Wassmer. Denn das Bild, das der Artikel von der Regionalpolizei und deren Führung zeichne passe ganz und gar nicht mit seinen Erfahrungen zusammen. «Polizeikommandant Roland Jenni ist eine absolut integre Führungspersönlichkeit.» Er führe das Korps mit straffer Hand und habe eine klare Linie. «Ich könnte mir als Kommandanten keinen Besseren vorstellen», so Wassmer.

Gleiches gelte im Übrigen auch für Ressortvorsteher und Gemeindeammann Roland Kuster (CVP): «Er zeichnet sich durch eine klare Führung aus und hat einen hervorragenden Draht zum Korps.» So nehme sich Kuster jedes Quartal Zeit, eine Einsatzgruppe während einer vollen Nachtschicht zu begleiten, was ihm die Möglichkeit gebe, sich mit den einzelnen Polizisten auszutauschen.

«Während meiner langjährigen Mitarbeit in der Finanzkommission habe ich stets einen positiven Eindruck der Regionalpolizei mitgenommen – gut geführt und transparent», sagt Wassmer. Dass es in den letzten fünf Jahren offenbar zu 22 Abgängen bei einem Mannbestand von 41 Polizisten gekommen sei, wertet Wassmer nicht als Alarmsignal. «Die Fluktuation war weder in der Personalkommission noch in der Fiko ein Thema.»

Es sei normal, dass es bei einer Zusammenführung von Polizeieinheiten – Anfang 2013 schlossen sich die Regionalpolizeien Wettingen und Limmattal zusammen – zu Reibungsverlusten komme. «Letztlich ist es aber auch ein gutes Zeichen. Denn es zeigt, dass von oben nicht alles toleriert wird – also das Gegenteil von unter den Teppich kehren», sagt Wassmer. Gleiches gelte seiner Meinung nach für die Gerichtsprozesse, in welche die Gemeinde verwickelt war. «Natürlich ist es nicht gut, wenn man vor Gericht unterliegt.»

Aber um den Steuerfranken zu schützen, müsse die Gemeinde auch bereit sein, den Gang vors Gericht zu riskieren. «Kündigungen verlaufen meist sehr emotional, und es kann sehr schnell passieren, dass einem ein formeller Fehler unterläuft», so Wassmer. Natürlich sei das nicht gut, und es gelte, aus den Fehlern zu lernen. «Aber nochmals: Meiner Meinung nach kann von Missständen im Polizeikorps keine Rede sein. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass wir es mit einer Frusthandlung ehemaliger Angestellter zu tun haben.»

Hat GPK genau hingeschaut?

GLP-Einwohnerrat Orun Palit ist erstaunt darüber, welche Missstände hier an die Oberfläche gelangt sind. Bisher habe er nur einmal in 2013 davon vernommen, dass häusliche Gewalt und Amtsmissbrauch bei der Polizei in Wettingen ein Thema waren. Das habe bei ihm damals schon für Fragezeichen gesorgt. Er glaubt, es wäre an der Geschäftsprüfungskommission (GPK) gewesen, gewisse Abteilungen besser zu durchleuchten und den Finger draufzuhalten.

«Doch der GPK fehlen leider die Kompetenzen und die Werkzeuge, das zu tun», so Palit. «Und eine andere Kommission, die genauer hinschauen könnte, gibt es leider nicht.» Wie bei so vielen Themen wünschte er sich auch hier eine ehrlichere und transparentere Kommunikation: «Auch wenn Fehler passiert sind», so Palit. Doch eine gewisse Fähigkeit zur Selbstkritik fehle dem Gemeinderat Wettingen: «Man spielt lieber heile Welt nach aussen.»

Ins gleiche Horn bläst Alain Burger, Fraktionspräsident von SP/WettiGrüen: «Ich war sehr überrascht, als ich von den Gerichtsprozessen und den Vorwürfen las.» Er könne nicht beurteilen, was an den Vorwürfen dran ist. «Aber ich erwarte in dieser Sache jetzt Transparenz und eine klare Stellungnahme seitens unseres Gemeindeammanns.» Der Fall offenbare, so Burger, zum wiederholten Mal ein Kommunikationsdefizit im Gemeinderat.

SVP-Fraktionspräsidentin Michaela Huser will sich in diesem Fall dem Gemeinderat gegenüber nicht negativ äussern: «Ich stehe dem Gremium ja in vielen Dingen kritisch gegenüber, aber hier kann und will ich das nicht.» Ein Mitglied der SVP habe vor wenigen Jahren einen Brief mit Anschuldigungen an die Regionalpolizei erhalten – anonymisiert. Doch das gefiel diesem nicht, so Huser: «Wenn man schon andere beschuldigt, dann soll man doch bitte mit Namen hinstehen.» Sie mutmasst, dass es sich bei der aktuellen Geschichte um einen persönlichen Rachefeldzug der drei ehemaligen Polizisten handelt: «Es riecht nach Abrechnung.»

Weiteren Einblick erhält man auf alle Fälle heute am Bezirksgericht Baden. Ein leitender Repol-Angestellter muss sich wegen Beschimpfung verantworten, nachdem er in erster Instanz bereits verurteilt wurde. Er hatte dem Kläger per Geschäftsmail eine Collage geschickt, auf der ein nackter Männerköper mit dessen hineinkopiertem Gesicht inklusive Geschenkschlaufe zu sehen ist. Auf das nächste Kapitel in dieser Sache muss man also nicht lange warten.